Der Inhalt wird nicht schön dargestellt? Bitte aktivieren sie JavaScript und nutzen Sie einen aktuellen Browser und alles wird toll aussehen und funktionieren. Versprochen.🤞
2.3 Die Jahre 1766/67: Die Auswanderer von Büdingen
Büdingen – Sammlungsort für die Reise vieler (hessischer) Kolonisten nach Russland. Warum Büdingen?
1
Büdingen ist heute eine Stadt mit etwa 22.000
Einwohnern und liegt im Wetteraukreis in Mittelhessen. An der Geschichte
dieser Stadt kann man hervorragend im Kleinen verdeutlichen, welche
Zusammenhänge die deutsche Auswanderung nach Russland möglich machten. Im
Jahr 1766 startete hier eine der ersten großen Auswanderungswellen. Warum aber wurde gerade diese mittelhessische Stadt für tausende Ausreisewillige zum „Tor nach Russland“?
Portrait von Graf Ernst Casimir von Isenburg und Büdingen in Büdingen (1687–1749). Er wollte Zuwanderung nach Büdingen fördern, um die Stadt und das umliegende Land wieder zu bevölkern.
Ende des 17. Jahrhunderts hatte Büdingen mit vielen Problemen zu
kämpfen.
Die letzten einhundert Jahre hatten mehrere schwere Schläge für die Stadt gebracht: Die Pest hatte gewütet, ein Großbrand zerstörte einen großen Teil der
Gebäude, dann besetzten im Dreißigjährigen Krieg erst schwedische und
später kroatische Truppen die Stadt und verwüsteten sie. Von diesen
vielen Katastrophen erholte sich Büdingen nur sehr langsam.
Im Jahr 1712 entschied sich der Graf Ernst Casimir von Isenburg und Büdingen in Büdingen, etwas zu ändern:
Er wollte die Stadt und das Umland neu besiedeln und die Wirtschaft wieder
aufbauen. Dafür brauchte er zunächst Menschen, die ihre eigentliche Heimat
verlassen, nach Büdingen ziehen und sich dort niederlassen wollten. Wie Katharina die Große 50 Jahre später – Graf Ernst Casimir lud nach Büdingen ein.
4
Eine Karte der vier Teilgrafschaften von Isenburg-Büdingen aus dem Jahr 1790. Hier sind einige der Orte eingezeichnet, die in diesem Abschnitt erwähnt wurden.
Meerholz – Residenz einer Nebenlinie, beherrschte das gelb gefärbte Territorium.
2 Der Erfolg bleibt aus
6
1749 starb Graf Ernst Casimir I. und sein Sohn Gustav Friedrich wurde Graf von Büdingen. Gustav Friedrich erbte von seinem Vater aber nicht nur den Titel, sondern vor allem eine große Menge Schulden. Ernst Casimirs Investitionen waren größtenteils nicht aufgegangen. Zwar waren zahlreiche Menschen in die Grafschaft Büdingen gezogen, doch der wirtschaftliche Aufschwung war ausgeblieben.
Ernst Casimir hatte also viele Tausend Gulden zur Anwerbung von Siedlern ausgegeben. Die erhofften Einnahmen – Steuern und Abgaben aus florierenden Gehöften und Handwerksbetrieben – blieben aber leider aus. Am Ende stand ein hoher Schuldenberg, den sein Sohn Gustav Friedrich erbte. Und der hatte selbst schon Schulden, weil er als hoher Offizier in der dänischen Armee gedient hatte. Damals war ein hoher Armeerang mit teuren Ausgaben für die eigene Ausrüstung verbunden.
7
Die wichtigsten Ereignisse vor der Auswanderungswelle von 1766.
Im Jahr 1712 ließ Graf Casimir zu Ysenburg und Büdingen ein Toleranzpatent verkünden. Es enthielt sehr weitgehende Zusagen an Siedler, die sich dann auch in der Büdinger Vorstadt niederließen. Ähnliche Patente gab es etwa zur Aufnahme von protestantischen Glaubensflüchtlingen (Hugenotten) auch in anderen deutschen Territorien. Die Zusagen in Büdingen waren sehr weitgehend und bemerkenswert: "Jedermann [sollte] vollkommene Gewissen-Freyheit [erlaubt sein], auch denen, die aus Gewissens-Scrupel gar zu keiner äußerlichen Religion halten." Dazu kamen Freiheiten im Gewerbe- und Bildungsbereich. Der Zuzug und der Erfolg der Ansiedlungen hielten nicht lange an und damit stellte sich auch kein dauerhafter finanzieller Aufschwung ein. 1753 wurde die Herrnhuter Brüdergemeinde vertrieben und das Toleranzedikt damit praktisch zurückgenommen.
In den folgenden Jahren wurde die
finanzielle Situation nicht besser. Dann wurde die Grafschaft auch noch von der Großkrise getroffen, die das ganze Heilige Römische Reich Mitte des 18. Jahrhunderts erfasste: dem Siebenjährigen Krieg.
Zwar waren die Isenburger Lande nicht direkt von Schlachten oder
Verwüstung betroffen, finanziell traf sie der Konflikt trotzdem. 1758
musste die Grafschaft Büdingen französische Truppen versorgen. 100.000
Rationen für Kavallerieeinheiten, also Futter für Pferde, lieferten die
Büdinger. Die versprochenen Zahlungen der französischen Armee blieben aber aus und die Grafschaft auf ihren Kosten sitzen.
Die Schulden von Graf Gustav Friedrich von Isenburg-Büdingen
wuchsen weiter und beliefen sich 1765 auf etwa 840.000 Gulden. Am 12. September 1765 erlies Kaiser Joseph II.
als Lehnsherr der Büdinger ein "Zahlungsmoratorium" und setzte eine „Debitkommission“ zur Verwaltung der Schulden ein. Das bedeutete, die Grafschaft wurde zeitweilig von der Zahlung ihrer Schuldzinsen befreit (weil sowieso kein Geld vorhanden war), und musste dafür ihre Finanzen unter die Aufsicht kaiserlicher Beamter stellen. Heute würde man sagen: Die Grafschaft war pleite und bekam einen Konkursverwalter.
3 1765: Das Russlandfieber bricht aus
9
Eine verarmte Grafschaft, zu viele Menschen, keine Zukunftsperspektiven – für den Grafen und die Büdinger war die Lage schlecht, für einen anderen waren das hervorragende Arbeitsbedingungen: 1765 kam Johann Facius nach
Büdingen und richtete sich sein Büro ein. Seine Aufgabe? Er war Lokator. Das bedeutete, er warb im Auftrag eines Fürsten Menschen an, um sie an einem bestimmten Ort anzusiedeln.
In Facius' Fall waren der beauftragende Fürst die russische Zarin und der Ort die russischen Grenzgebiete. Aber warum bot Büdingen 1765 einem Lokator wie Facius so hervorragende Arbeitsbedingungen?
Ein Lokator (mit Hut) bei der Arbeit, Illustration aus dem 13. Jahrhundert.
Lokatoren gab es im Heiligen Römischen Reich bereits im Mittelalter. Wenn ein Fürst ein Stück Land besiedelt haben wollte, übergab er diese Aufgabe einem Lokator. Der Lokator wurde vom Fürsten bezahlt und ihm wurden die Mittel zur Verfügung gestellt, die Ansiedlung zu organisieren. Die Aufgaben des Lokators waren dann folgende:
potenzielle Siedler finden und anwerben
die sichere Reise der Siedler zum Ansiedlungsort organisieren
das Land am Ansiedlungsort vermessen und den Siedlern zuteilen
die Siedler beim Errichten einer dauerhaften Siedlung unterstützen
Für die Errichtung eines Dorfes im Grenzland einer Grafschaft genügte oft ein Lokator, um all diese Aufgaben zu übernehmen. Für das Mammutprojekt der russischen Zarin, tausende Deutsche über eine riesige Entfernung zu schicken, um etliche Siedlungen aufzubauen, waren sehr viele Lokatoren im Einsatz. Einer davon war Johann Facius.
Eigentlich hatte Johann Facius einen anderen Plan: Er wollte die
Stadt Frankfurt am Main zum Ausreisezentrum machen. Doch der Frankfurter
Stadtrat wollte nicht, dass Steuerzahler
aus der Stadt weggeworben wurden – und ließ Facius aus der Stadt werfen.
Facius brauchte also einen Ausweichort und wurde 50 Kilometer
von Frankfurt entfernt fündig. Büdingen war perfekt für den Werber
Johann Facius. Die Stadt lag in einer sogenannten „Reichsunmittelbaren
Grafschaft“. Die meisten Grafen im Heiligen Römischen Reich unterstanden
einem Fürsten, der ihnen Anweisungen geben konnte und dem sie
Rechenschaft ablegen mussten. Nicht die Isenburger Grafen, sie waren
innerhalb des Reiches unabhängig. Die Grafen unterstanden nur dem Kaiser
selbst und hatten dadurch Sonderrechte.
Johann Facius erleichterte das die Arbeit. Er musste nur den
jeweiligen Grafen davon überzeugen, dass er im Ort werben durfte. Und
ein armer Graf lässt sich sicher leichter überzeugen als ein reicher,
mächtiger Herzog oder der Rat einer großen, reichen Stadt.
Facius
ist übrigens nicht der einzige, der im Auftrag Russlands für die
Auswanderung wirbt. Und in Büdingen ist auch nicht das einzige russische
Kommissariat eingerichtet worden. Es ist aber für die erste
Auswanderungswelle 1765/66 in Hessen und im Rheinland das bedeutendste.
13
2. Perspektive: Die Isenburger Grafen
Warum lassen die Isenburger Grafen die Werbung überhaupt zu?
Die Perspektive der Grafen von Büdingen (beispielhaft Graf Gustav Friedrich von Büdingen)
Offiziell gingen die Isenburger Grafen gegen die Werbung vor. Graf
Ferdinand Casimir I. von Wächtersbach erließ am 10. Dezember 1765 sogar
eine Verordnung „gegen die im Lande herum gehenden Werber“. Die anderen
Isenburger Grafen zogen bald mit ähnlichen Erlässen nach. Doch die neuen
Regeln richteten sich nur auf den ersten Blick gegen die Werber.
Tatsächlich wurden weder die Werbung noch die Ausreise selbst verboten.
Es wurden lediglich genaue Regeln geschaffen, unter welchen Umständen
die Untertanen das Land verlassen durften.
Es war ein schwieriger Spagat für die Isenburger Grafen: Einerseits durften
sie die Werbung und Auswanderung nicht offen unterstützen. Der Kaiser
hätte vielleicht eingreifen können, auf jeden Fall hätten die benachbarten Grafschaften protestiert. Gerade im benachbarten Hanau, das zur
Landgrafschaft Hessen-Kassel gehörte, lehnte man die Werbung der Russen
strikt ab, denn dort wollte man auf keinen Fall, dass die eigene Bevölkerung über Büdingen gen Russland abgeworben wurde. Auf der anderen Seite wollten die Isenburger die Auswanderung
auch nicht verhindern. Sie nützte ihnen.
Die Isenburger Grafen machten aus der Auswanderung ein kleines Geschäftsmodell.
Jeder, der nach Russland auswandern wollte, musste schuldenfrei sein und
zusätzliche Steuern entrichten, den sogenannten „Zehnten Pfennig“. Wer
auswanderte, musste also zehn Prozent seines Vermögens an den Grafen
zahlen. Das Geld hierfür kam oft, vor allem wenn der Siedler zu arm oder verschuldet war, aus Johann Facius' Kasse. Also bezahlte die russische Zarin über Facius die Isenburger Grafen, damit diese ihre Untertanen ausreisen ließen.
Für die Grafen, vor allem für den hochverschuldeten Gustav Friedrich
von Büdingen, hatte das gleich mehrere Vorteile: Es brachte etwas Geld in die leeren Kassen und gleichzeitig musste man
weniger arme Menschen in der Grafschaft versorgen.
14
Quelle
Verfügung des Grafen Ferdinand Casimir von Ysenburg-Wächtersbach
1765 Dezember 20, Wächtersbach
Ferdinand Casimir Graf zu Ysenburg und Büdingen fügen unseren Räthen, Beamten, Bürgermeistern, Schultheißen, Unterthanen und Eingeseßenen hiermit zu wißen.
Nachdem Wir mißfällig vernehmen müßen, daß verschiedene unserer
Unterthanen durch sträfliche Überredung einiger im Land herumgehenden
Personen in entlegene fremde Länder zu ziehen verleitet worden; Als
sehen Wir Uns zu Steuerung dieses in die Länge je mehr und mehr
einreißenden Übels, sowohl aus Landes-Väterlicher Liebe, gegen diejenige
welche sich bereits dazu entschloßen haben oder noch entschlüßen
würden, als auch aus Vorsorge für Unsere durch Ankaufung derer Güther
und Wegschleppung des dafür zu zahlenden Geldes zurückbleibenden
Unterthanen, welche dadurch zu Entrichtung derer Reichs-, Creyß- und
Landes-Beschwerden je länger je untüchtiger werden, hierdurch zu
verordnen gemüßiget,
1.) daß der oder diejenige welche sich in unserem Land auf diese
Anwerbung und Beredung Unserer Unterhanen zu Verlaßung ihres Vaterlandes
und Ziehung in weit entlegende Länder betretten laßen würde, von dem
Bürgermeister [...] sogleich in Arrest gezogen und an unsere Ämter zur
empfindlichen Strafe an Leib und Guth geliefert werden solle; Gleich wie
Wir aber nicht gemeinet sind, jemanden Unserer Unterthanen ihren Abzug
zu versagen
[...]
5.) erklären Wir diejenige Unterthanen, welche aus Unserer Grafschaft
ziehen, sobald sie dazu von Uns die Erlaubnis werden enthalten haben,
hiermit des Genußes derer von ihnen eingehabten Wald-Güther für verlustig und wollen Wir sothane Güter, fals sie nicht zu Wald liegen zu laßen für gut befunden werden wird, an Unsere zurückbleibende Unterthanen [...].
Wächtersbach d[en] 20ten Dec[ember] 1765.
(L. S.) Ferd. Cas. G. z. Ysenburg p.
Graf zu Ysenburg und Büdingen: Gemeint ist hier
der Familienname. Ferdinand Casimir ist Herr der Teilgrafschaft
Wächtersbach und führt deshalb den vollständigen Titel "Graf zu Ysenburg
und Büdingen in Wächtersbach".
Schultheiß: Dorfvorsteher, Dorfbürgermeister.
eingehabten Wald-Güther: Häufig wurden die
Wälder des Grafen den Untertanen zur Bewirtschaftung zur Verfügung
gestellt. Hier ist gemeint, dass man diese öffentlichen Wälder nicht
mehr nutzen darf.
sothane Güter: solche Güter; gemeint ist hier
anderer Besitz, wie Felder. Die durften nicht einfach verkauft werden,
sondern gingen zurück an den Grafen, der diese dann an die
zurückbleibenden Untertanen verteilt.
15
Darstellung
Wie Graf Gustav Friedrich von Isenburg-Büdingen von der Auswanderung profitierte
Angesichts der Geldknappheit und der auf jeden Heller angewiesenen Kassenführung scheint die These vertretbar, dass die zu erwartenden Mehreinnahmen durch das Abzugsgeld und vor allem die Nachsteuer von 10 Prozent des ausgeführten Vermögens für die Büdinger Regierung durchaus als Anreiz gedient haben könnte, die Auswanderung zu tolerieren. In den Rechnungen heben sich diese Gelder zwar von den Posten des vorhergehenden beziehungsweise folgenden Jahres ab, sind jedoch in der Summe vergleichsweise bescheiden. Bei Gesamteinnahmen der Renterei Büdingen von 7290 Gulden in 1766 machen Nachsteuer plus Abzugsgeld etwas mehr als 11 % aus. Eher als diese einmalige und zudem nicht extraordinäre Einnahmeerhöhung dürfte für die Duldung des Werbebüros der Umstand sprechen, dass Handel und Gewerbe der Stadt Büdingen zumindest einige Monate lang von der Menschenansammlung, genauer den Tagegeldern der Kolonisten, profitierten, was natürlich über Abgaben und Steuern auch den öffentlichen Kassen zugutekam. Dass ein russisches Geldgeschenk auch in die PrivatschatulleGustav Friedrichs floss, kann nur vermutet werden [...].
Renterei:(auch Rentamt oder Rentmeisterei):bezeichnet in den deutschen Territorialstaaten die landesherrliche Finanzverwaltung. Privatschatulle: bezeichnet die privaten Finanzen eines Herren, von denen die Finanzen des Landes unterschieden wurden. Gustav Friedrichs: Graf Gustav Friedrich zu Ysenburg und Büdingen (1715–1768), regierte von 1749 bis zu seinem Tode im Jahr 1768.
Deme Hochgebohrnen Reichs-Grafen und Herrn, Herrn Ferdinand Casimir,
Grafen zu Ysenburg und Büdingen pp. Meinem Gnädigsten Grafen und Herrn,
unterthänigste Vorstellung und Bitte, Mein Johann Peter Pauli Schuldiener in Hellstein.
Hochgebohrner Reichs-Graf, Gnädigster Graf und Herr!
Ew. Hochgräfl. Gnaden geruhigen genädigst Sich in
Unterthänigkeit vortragen zu lassen: Was maßen ich entschlossen bin mit
nach Rußland zu ziehen, und allda meine Fortun zu suchen; Denn ich bey dem Hellsteiner sehr geringen Schul-Salario unmöglich längerhin subsistiren kann. Dannenhero kündige
ich hiermit in dem Namen Gottes meinen bißher geführten Hellsteiner
Schul-Dienst auf; Mit unterthänigster Bitte: Ew. Hochgräfl. Gnaden
wollen und werden mich so und dergestallten mit dem Ende des Monats Juny
dieses 1766sten Jahrs meinen Abzug bewerkstelligen könne.
Verharre übrigens in submissester veneration Hochgebohrner Riechsgraf
Ew. Hochgräfl. Gnaden unterthänigst-treugehorsamster Johann Peter
Pauli, p.t. Schuldiener dahier in Hellstein.
Schuldiener: Lehrer Ew.: hier eine Abkürzung für 'Euer' Fortun: Glück Schul-Salario: Sein Gehalt als Lehrer subsistiren: seinen Lebensunterhalt haben; hier gemeint: Er kann nicht länger davon leben. Dannenhero: deshalb, deswegen p.t.: pro tempore (lat. noch zur Zeit)
17
3. Perspektive B: Die Auswanderer
Wirtschaftliche Not der Auswanderungswilligen
Ein Mann namens Ludwig Köhler wurde mit seiner Frau und zwei Kindern im Jahr 1766 in Wächtersbach festgesetzt. Er stand unter Verdacht, sich ohne Erlaubnis den Auswanderungswilligen anschließen zu wollen. In der Befragung gab er lauf Protokoll Folgendes an:
Er habe wiederholend öfters um seine Entlassung nachgesucht und weil er solche nicht erhalten können, die Noth bei ihm in deßen so hoch gestiegen, daß er 8 Tag lang kein Brod in seinem Haus gehabt. Wie er dann um etwas Brod zu kaufen einen Rock von seiner Frau bei Conrad Morkell von Spielberg versetzt habe, so habe er sich endl.genöthigt gesehen, nach Feuerbach zu gehen und sich bei dasigem Rußischen Commissaire engagieren zu lassen und Tage-Geld u. dadurch seinen Unterhalt zu erlangen.
endl.: endlich, schließlich genöthigt: gezwungen dasigem: dem dortigen
18
Viele Landesfürsten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation betrachteten – trotz aller Probleme in den deutschen Landen – die Werbeaktivitäten für eine Auswanderung nach Russland sehr kritisch. Dem schloss sich der Regensburger Reichstag an. Mit deutlichen Verboten versuchten die deutschen Herrscher, die Werbungen einzugrenzen oder zu unterbinden.
Die Lokatoren wichen daher aus den großen Städten wie Frankfurt am Main in kleinere Territorien und deren (Residenz-)Städte aus.
19
Darstellung
Wie sahen die Büdinger Behörden die Auswanderungswilligen?
Die Behörden prüften die Gesuche um Erteilung einer Genehmigung für die Auswanderung. Dabei zeigte sich, dass die Auswanderung von den regierenden Räten oftmals als Möglichkeit gesehen wurde, sozusagen Dampf vom Kessel zu lassen. Armen und aus irgendwelchen Gründen für unpassend geltenden Menschen wurde die Erlaubnis zur Reise nach Russland sogar gerne gegeben. Man kann das an den Kommentaren sehen, die sich im Archiv zu den Gesuchen erhalten haben. Dort steht dann z. B.:
Jemandem wurde „die Emigration nach Russland anbefohlen.“
Ein anderer „ist arm und ziehet deswegen mit nach Russland, auch hier sehr wohl entbehrlich.“
„Die Stadt kann von seiner Gattung noch viele entbehren.“
„Wer nichts hat, der kann nichts geben, er ist der Stadt lästig und dem Wald schädlich.“
Und so ist es „das beste Mittel, ihn loszuwerden.“
4 Die Büdinger Hochzeiten
20
§
Urheber: Archiv der Evangelischen Pfarrei I. Büdingen, Trauregister für die Jahre 1745ff., S. 82.
PD
"Russische Colonisten" in einem Trauregister der Evangelischen Kirche Büdingen. Der Text in der Mitte lautet: "Zu den ordinairen (normalen) jährlichen Copulierten (Heiratenden) kann man rechnen 25 Paar hinzu kommen noch, die nach Russland gegangen u. davon entweder Braut o. Bräutigam aus der Stadt oder aus den hier eingepfarrten Gemeinen (Gemeinden) gewesen 9 Paar Ganz frembde Russische Kolonisten 366 Paar."
Der Plan von Lokator Johann Facius ging auf. Im Jahr 1766 kamen Hunderte Menschen nach Büdingen. Die
Stadt wurde Sammelplatz für Menschen, die nach Russland auswandern
wollten.
In Büdingen war in dieser Zeit sehr viel los, die Stadt war übervoll mit Fremden, die sich auf ihre Abreise vorbereiteten. Für viele gehörte zu dieser Vorbereitung, sich noch schnell vor der langen Reise zu verehelichen. Die russische Zarin wollte wachsende Siedlungen in den Kolonien, also erhielten verheiratete Siedler (von denen man sich viele Kinder versprach) ein höheres Tagesgeld für die Reise als alleinstehende. Innerhalb weniger
Monate fanden daher 375 Hochzeiten in Büdingen statt. In einigen Wochen gab es jeden Tag
gleich mehrere Hochzeitsfeiern.
21
Quelle
Auszug aus dem "Kopulationsbuch" der Büdinger Stadtkirche
Anmerkung: Das ist ein Auszug aus dem sogenannten
Kopulationsbuch, also dem Trauregister der evangelischen Büdinger
Stadtkirche. Nicht alle hier eingetragenen Paare müssen zwingend später
nach Russland ausgewandert sein. Diese große Zahl von Hochzeiten an
einem Tag und vor allem die Herkunft der Verheirateten zeigen, dass die
Paare extra nach Büdingen gekommen sind. Da in dieser Zeit vor allem
Russland-Auswanderer nach Büdingen kamen, ist die Annahme wahrscheinlich,
dass diese Paare ebenfalls auswanderten. Die folgenden Listen sind die
Hochzeiten von nur zwei Tagen.
7.4.1766
Steffen Ros von Hüttengesäs mit Anna Maria Kayserin von der Michelau.
Joh. Ulrich Schiffler von Saalfeld mit Anna Cornelia Schmidtin von Hanau.
Johannes Larösch der Jüngere von Rosbach aus dem Thüngischen mit Rosina Schaedin, auch daher.
Friedrich Jost von Angersbach im Riedeselischen mit Anna Cathar. Stierin von Ilshausen im Darmstädtischen
Johann Michael Schipper von Gochsheim mit Magaretha Gailingin von Rheinmünster.
Johann Jost Finck von Zell im Darmst. mit Anna Dorothea Seinin von Wahlen.
Johann Georg Icks von Romrod mit Anna Barbara Schaefferin von Ehringshausen.
Johannes Müller von Mudles im Fuldaischen mit Catharina Grauin von Weisenbach.
Pierre Galloy und Anne Elisabeth Wester von Neu-Isenburg.
Elias Rübsamen mit Elisabetha Humbertin, beyde aus Grimberg.
8.4.1766
Joseph Hildebrand mit Appolonia Kühlewein aus dem Mayntzischen.
Mathias Gareis mit Anna Maria Wagnerin.
Philip Koch mit A. Maria Schneiderin.
Conrad Schneider Ruß. Colon. mit Anna Margarteha Trillerin.
Jacob Schott mit Anna Maria Spenglerin.
Martin Müller von Wiedermus mit Catharina des Unterthanen Hermann Knausen zu Diebach Tochter.
Johann Michael Raab mit Maria Margagertha Michelin.
Christoph Guthman weyl. Joh. Guthmanns alhier Ehel. Sohn mit Christinen Elisabethen, weyl. Wilhelm Ludwig Geyers hiesigen Rothgerbers Tochter [Büdingen].
Johann Wilhelm Grunenwald von Felda bey Ulrichstein, mit Anna Eliesabetha Schmidtin von Bobenhausen.
Johann Jacob Bender von Windhausen mit Anna Juliana Grünin von Merlau.
Conrad Wurm von Freyenseen mit Anna Maria Knauin aus Annershausen.
Ros von Hüttengesäs: Der Nachname ist immer
kursiv markiert. Das "von" bedeutet "aus". Steffen Ros aus Hüttengesäs
hat Anna Maria Kayerin aus Michelau geheiratet.
im Darmstädtischen: Gemeint ist hier die
Herrschaft, in der der Ort liegt. Anna Stierin kommt aus dem Ort
Ilshausen in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.
Ruß. Colon.: Bei manchen Paaren steht bereits
der Vermerk "Rußischer Colonist". Das heißt aber nicht, dass das die
einzigen Auswanderer nach Russland sind.
des Unterthanen Hermann Knausen zu Diebach Tochter: Manchmal steht ein Verweis auf die Eltern der Ehegatten dabei.
hiesigen Rothgerbers: Hier steht sogar der Beruf
des Vaters der Gattin. Wilhelm Ludwig Geyer ist Vater der Braut und
Rothgerber (stellt Leder her) in Büdingen.
22
Exkurs
Warum die Büdinger Hochzeiten für Historiker so wichtig sind
Die Hochzeiten von Büdingen sind schon eine kuriose Geschichte. Sie ist unterhaltsam, man kann sie gut erzählen. Für Historiker ist der Wert
aber ein anderer:
Damit Historiker Geschichten erzählen können, brauchen sie Quellen
aus der Zeit. Die wichtige Quelle hier sind die sogenannten „Kopulationsbücher“, die Trauregister. Wie man in „Quelle: Auszug aus dem ‚Kopulationsbuch‘ der Büdinger Stadtkirche“ sehen kann, stehen in diesen Büchern wichtige Informationen.
Was kann man erfahren?
Wie viele Menschen sind ausgewandert? In
den Büchern steht nicht die exakte Zahl, wie viele Menschen ausgewandert
sind. Das Trauregister hilft aber, eine Schätzung zu treffen. In diesem
Fall wurde verglichen, wie viel höher die Zahl der Hochzeiten im
Vergleich zu den Vorjahren war. Zusammen mit Informationen
aus anderen Quellen können Historiker dann eine plausible Schätzung
treffen.
Woher kommen die Auswanderer? In den
Trauregistern stehen die Herkunftsorte der Eheleute. Daraus können
Historiker schließen, woher die Kolonisten ursprünglich kamen. Diese
Information ist wichtig, weil man dann nachforschen kann, warum die
Kolonisten auswandern wollten. Viele Kolonisten kamen beispielsweise aus
Hessen-Darmstadt, vor allem aus der Region um den Vogelsberg. Man weiß
aus anderen Quellen, dass hier große Armut herrschte. Also liegt die
Vermutung nahe, dass Armut ein wichtiger Grund war, warum Menschen
auswanderten.
Wer wandert aus? Historiker
können einzelne Schicksale nachverfolgen und ihre Geschichte
nacherzählen. Vielleicht findet man ja einzelne Namen in
anderen Quellen? Zum Beispiel in Listen aus Russland oder aus anderen
Ämtern in Hessen? Jeder Mensch hat seine eigene persönliche Geschichte.
Diese Geschichten können Historikern viel über die Zeit erzählen.
Hochzeiten sind wichtig.
Das ist eine Information, die man leicht übersehen kann. Offenbar ist
es vielen Kolonisten wichtig, dass sie vor dem Antritt der Reise noch
heirateten. An dieser Stelle können Historiker weiterforschen: Warum ist
das wichtig oder ist das Zufall? Aus anderen Quellen weiß man zum
Beispiel, dass die russischen Lokatoren für Paare, die nach Russland
auswandern, besser bezahlt wurden als für Alleinstehende. Daher die
Vermutung: Katharina die Große wollte offenbar vor allem Paare einladen.
Das müssen Historiker nun mit anderen Quellen vergleichen, um es zu
bestätigen.
Eine Quelle kann also schon viele Hinweise geben. Aus diesen
Hinweisen formulieren Historiker Annahmen, Vermutungen, Thesen. Diese
Thesen versuchen Historiker im nächsten Schritt mit anderen Quellen zu
bestätigen. Das funktioniert leider nicht immer, manchmal findet man
keine zweite Quelle, häufig widersprechen sich Quellen.
Jugendgemäße Beschäftigung mit Geschichte: Projekt der DJR Hessen im Jahr 2019 zur Erkundung der Geschichte Büdingens als Sammelplatz für Auswanderer nach Russland. [06.07.2021]
25
Vertiefung
Das Heuson-Museum in Büdingen über die Geschichte der Auswanderung
Zur Geschichte der Auswanderung aus Büdingen gab es im Heuson-Museum in Büdingen eine Ausstellung mit weiteren Informationen und Literaturhinweisen.
5 Zusammenfassung
26
Auf dieser Seite ging es um die Frage, warum gerade Büdingen zu einem Zentrum der Ausreise nach Russland wurde.
Die Isenburger Grafen regierten eine überbevölkerte und verschuldete Grafschaft. Einen Teil ihrer Untertanen nach Russland auswandern zu lassen, löste diese Probleme teilweise. Der Bevölkerungsdruck ließ nach und die Staatskasse konnte mit Sondersteuern, die von den Ausreisenden erhoben wurden, gefüllt werden.
Die im Auftrag der russischen Zarin arbeitenden Lokatoren konnten in Büdingen weitgehend ungestört arbeiten. Also wurden hier nicht nur viele Siedler angeworben, Büdingen wurde auch ein großes logistisches Zentrum für die Russlandfahrt. Ausreisewillige aus der Umgebung kamen hierher, um sich den Siedlerzügen anzuschließen.
Überbevölkerung und Überschuldung sind gute Voraussetzungen für Auswanderung. Das Land wirft nicht genug ab, um alle zu ernähren, der Staat kann nicht investieren, um die Lage zu verbessern. Damals wie heute suchen Menschen in so einer Situation oft ihr Glück in der Fremde.