6.3 Kommunismus mit Gewalt – Stalins Landpolitik

Residents of the village of Belovezh. Group of peasants.
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Urheber: unbekannt

https://www.romanovempire.org/media/residents-of-the-village-of-belovezh-group-of-peasants-950c8c

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Das Dorf soll kommunistisch werden, aber wie?

6.3 Kommunismus mit Gewalt – Stalins Landpolitik

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Ein Großteil der Bevölkerung der Sowjetunion lebte auf dem Land – so auch die Russlanddeutschen. Für diese sowjetische Landbevölkerung hatte Stalin weitreichende Pläne: Sie sollte zu guten kommunistischen Bauern werden, die in staatlichen Produktionsgenossenschaften gemeinsam hart daran arbeiteten, Stalins Erntevorgaben zu erfüllen. Und sie sollten mit ihrer harten Arbeit die Industrialisierung des Landes vorantreiben – denn die sowjetische Industrie brauchte Unmengen an Arbeitern und diese brauchten Unmengen an Nahrung! Die Pläne Stalins betrafen auch die Russlanddeutschen, wir werden in diesem Kapitel sehen, auf welche Weise.

1 'Entkulakisierung' und Kollektivierung – kommunistische Wirtschaft wird mit Gewalt eingeführt

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Soviet propaganda: We will keep out Kulaks from the collectives.
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Urheber: Autor unbekannt

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:%D0%92%D1%8B%D1%88%D0%B8%D0%B1%D0%B5%D0%BC_%D0%BA%D1%83%D0%BB%D0%B0%D0%BA%D0%BE%D0%B2_%D0%B8%D0%B7_%D0%BA%D0%BE%D0%BB%D1%85%D0%BE%D0%B7%D0%BE%D0%B2_1930.jpg

PD

"Wir vertreiben die Kulaken aus den Kolchosen" – sowjetisches Propagandaplakat von 1930

Josef Stalin und die Parteiführung in Moskau hatten ein klares Ziel für die Sowjetunion: Das Land sollte sich in eine moderne, industrialisierte Wirtschaftsmacht verwandeln. Arbeiter und Bauern sollten in kollektiven Staatsbetrieben arbeiten. Die Realität auf dem Land sah aber oft anders aus. Viele Bauern besaßen eigenes Land, auch unter den Russlanddeutschen, und hatten kein Interesse, dieses dem Staat zu geben und dann in landwirtschaftlichen Genossenschaften (Kolchosen) zu arbeiten. Und anstatt ihre Erträge dem Staat zu verkaufen (der schlecht und unregelmäßig zahlte), verkauften sie sie lieber auf dem Schwarzmarkt.

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Urheber: Sowjetische Behörden

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1935_Anklage_Paragraph_58_Strafgesetzbuch_der_RSFSR_gegen_Jakow_Maier.jpg

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Anklage gegen den angeblichen Kulaken Jakow Fridrichowitsch Maier (1885–1943). Maier wurde im Wolgagebiet geboren und war ein Opfer der sogenannten Entkulakisierungkampagne. Sein Besitz wurde eingezogen, und er verlor das Wahlrecht. Im Jahr 1930 verbot man ihm den Aufenthalt in seinem Dorf. 1934 wurde er zu Zwangsarbeit verurteilt. Die oben zu sehende Anklageschrift gegen Maier entstand im Jahr 1935. Er wurde zu zehn Jahren Lagerhaft wegen angeblicher Spionage und konterrevolutionärer Tätigkeit verurteilt. Grundlage der Verurteilung war der Artikel 58 des Strafgesetzbuches der RSFSR. Maier starb 1943 in der Zwangsarbeit.

Um das zu ändern, wurden Zwang und Gewalt eingesetzt. Der 'Kulak' (russisch für 'reicher Bauer') wurde von Stalin zum Schuldigen für die schlechte Versorgungslage erklärt. Die Bestrafung und wirtschaftliche Vernichtung der 'Kulaken' wurde staatliche Aufgabe. Es gab Verhaftungen und Erschießungen. Für die Verfolgungen wurde eine 'Kulakenliste' erstellt. Diese enthielt keine Namen von 'Schuldigen', sondern Gesamtzahlen von 'Schuldigen' in allen Regionen. Die Liste bestimmte zum Beispiel, dass 60.000 „konterrevolutionäre Kulakenbauern" verhaftet und in Arbeitslager gebracht werden mussten. Außerdem sollten 150.000 „Kulakenaktivisten" in unwirtliche Gegenden ausgesiedelt werden. Darüber hinaus wurden noch Enteignungen angeordnet. Insgesamt betrafen die Kollektivierung und die Entkulakisierung eine Million Bauernhöfe mit ca. fünf Millionen Bauern in der gesamten Sowjetunion. Unter den Opfern dieser Maßnahmen waren auch sehr viele russlanddeutsche Bauern. Heutige Schätzungen gehen von 700.000 russlanddeutschen Opfern aus.

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Quelle

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (Hg.), J. W. Stalin, Werke, Band 12, April 1929 – Juni 1930, Berlin 1954, S. 146.

Der charakteristische Zug der Arbeit unserer Partei im letzten Jahr besteht darin, dass wir als Partei, als Sowjetmacht:

a) an der ganzen Front zur Offensive gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes übergegangen sind und dass

b) diese Offensive bekanntlich überaus greifbare positive Resultate gezeitigt hat und weiter zeitigt.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergegangen sind zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. Das bedeutet, dass wir eine der entscheidenden Wendungen in unserer gesamten Politik vollzogen haben und auch weiter vollziehen.

Liquidierung: Hier ist mit dem Wort Liquidierung Vernichtung gemeint.

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Quelle

Bericht über die Folgen des Kampfes gegen die 'Kulaken' für deutsche Kolonisten in der Sowjetunion (1929)

Die deutschen Kolonisten leiden wirtschaftlich unter dem jetzigen System viel mehr als die Russen, da sie viel mehr zu verlieren hatten und an eine viel kultiviertere Lebenshaltung gewohnt waren. Der typische Kolonistenhof hatte vor der Revolution 8 bis 12 Arbeitspferde und 7 bis 8 Milchkühe; die Mennonitenhöfe waren noch besser gestellt. Heute hat der Normalhof von 16 Deßj. nur 2 Pferde und 1 Kuh. Der frühere Großbauer ist damit zum Kleinbauern herabgedrückt; trotzdem gilt er wegen seiner Vergangenheit vielfach noch als wohlhabend; er besitzt noch stattliche Gebäude, sein Hausrat ist ansehnlicher, er selbst hält sich besser, und dies alles macht die Steuerbehörde immer wieder geneigt, ihn bedeutend stärker zu belasten als den russischen Bauern. Dabei ist der Besitz größerer Gebäude für die auf einen Bruchteil zusammengeschrumpfte Wirtschaft zu einer, unverhältnismäßig großen Last geworden; während die russischen Bauern ihre Hütten annähernd so imstande halten können wie früher, ist dies dem deutschen Kolonisten unmöglich; je größer früher der Wohlstand war, um so ausgeprägter ist heute der äußere und innere Verfall der Häuser. [...]

Bis 1927 glaubten die Kolonisten sich allmählich zu einer bescheidenen Höhe emporarbeiten zu können. Diese Hoffnung haben sie jetzt gänzlich verloren. Sie erkennen klar den Kurs der Regierung, der die Einzelbauern so herabzudrücken sucht, daß sie ihr Heil nur noch in der Kollektivierung erblicken. Die große Masse der deutschen Kolonisten lehnt indessen diesen Ausweg auf das Entschiedenste ab. Dem Selbständigkeitsbedürfnis des deutschen Bauern ist der Zwang der kollektivistischen Organisation unerträglich; ein kollektivistisches Gemeinschaftsleben würde er als Hölle empfinden. Zudem sind für ihn kollektivistische Wirtschaft und bolschewistische Gesinnung untrennbare Begriffe.

Hinweis: Der Bericht entstand auf einer Reise auf die Krim und den Bezirk Melitopol im Mai 1929.

Deßj.: Dessjatinen (1 Dessjatine = 1,1 Hektar)

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, hg. von E. Meyen, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, Leipzig 1942, S. 41 f.

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Quelle

Keine wolgadeutsche Autonomie, kein Schutz der wolgadeutschen Bauern

Aus einem Bericht des deutschen Diplomaten und Professors Otto Auhagen vor dem Hauptausschuss des Vereins für das Deutschtum im Ausland (7. Juni 1930):

Auch vor dem Siege des Bolschewismus hat es Perioden gegeben, in denen sich die deutschen Kolonisten in Russland national und kulturell bedrückt fühlten, doch unvergleichlich viel schlechter ist ihre Lage in der Gegenwart. Zwar scheint die Verfassung des Rätebundes die nationalen Minderheiten zu respektieren, es gibt eine „autonome" Wolgarepublik, und auch in den übrigen Gebieten der Union, die zusammen an deutschen Kolonisten das Anderthalbfache der Wolgadeutschen zählen, sind der deutschen Bevölkerung ebenso wie anderen nationalen Minderheiten Sonderrechte eingeräumt.

Bei genauer Betrachtung schrumpft indessen diese Privilegierung auf sprachliche Duldung zusammen. In jeder sonstigen Hinsicht, wirtschaftlich, sozial, kulturell ist die Politik des Rätebundes absolut zentralistisch; gleiche Schablone gilt für sämtliche Nationalitäten. Der neue Radikalismus, der seit Ende 1927 herrscht, ist geeignet, die deutsche Kultur in den Wurzeln zu töten. Eine Tragödie sondergleichen spielt sich seitdem in den deutschen Siedlungen ab.

Privilegierung: Ausnahme von der Regel, Bevorzugung
Radikalismus: extreme Einstellung, z. B. in der Politik oder in der Religion
Tragödie: schicksalhafte Entwicklung, die ein schlimmes Ende nimmt

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 137.

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Stalins Wunder
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https://www.youtube.com/watch?v=bD4rDVP89JA

Eine Doku über Stalins Kollektivierungspolitik [08.07.2021]
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Zusammenfassung

Ziele der Entkulakisierung

  • Ausrufung einer angeblich schuldigen Gruppe innerhalb der großen Terrorwellen der Stalinzeit zur Vertuschung wirtschaftlicher Krisen
  • Schüren von Angst, Denunziantentum und Gewalt gegen angebliche Feinde des Sozialismus zur Sicherung der Macht der kommunistischen Herrscher
  • Enteignung und Vernichtung von Bauern, die als etwas wohlhabender galten
  • Abschaffung des privaten Eigentums an Grund und Boden, Maschinen, Tieren usw. → Kollektivierung der Landwirtschaft
  • Schaffung von sozialistischen Großbetrieben in der Landwirtschaft
  • Uneingeschränkte Zugriffs- und Verteilungsmöglichkeiten auf landwirtschaftliche Produkte
  • Verbreitung und Festigung der kommunistischen Ideologie auf dem Land

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

2 Die russlanddeutschen Reaktionen auf die 'Entkulakisierung'

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Wenn Regierungen ihr Volk oder eine Volksgruppe zu unterdrücken beginnen, versuchen viele betroffene Menschen, der Unterdrückung zu entkommen.
Mennonitische Siedler vor allem aus Sibirien dachten an Flucht. Sie hatten Kontakte nach Kanada und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die sowjetische Regierung wollte Landflucht verhindern und verbot den Bauern häufig die Ausreise. Proteste folgten. Diese mündeten zum Teil auch in Resignation und Gleichgültigkeit. Bald lagen den Behörden Berichte über brachliegende Felder und willentlich verendetes Vieh vor.

Diese Formen des passiven Protestes waren weit verbreitet. Manchmal gingen sie auch in aktive Aufstände über. So nahmen Protestierende beispielsweise Verwaltungsangestellte als Geiseln, um verhaftete 'Kulakenbauern' freizupressen. Manchmal führten die Protestaktionen auch zum Erfolg. Hier und da machten die örtlichen Behörden Zugeständnisse. Mitunter wurden auch Enteignungen zurückgenommen, damit Bauern in die Kollektivwirtschaft eintraten und wieder aktive Landwirtschaft betrieben. Dauerhaft waren solche Abmachungen aber nicht.

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© Unbekannt

http://www.russlanddeutsche.de/

arrc BY ND SA

Wer konnte, flüchtete und ließ alles zurück. Russlanddeutsche Auswanderer, die Bildunterschrift lautet: "Lebt wohl, wir scheiden."

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Quelle

Widerstand von Russlanddeutschen: „Haut ab Ihr Volksverhetzer!"

Ende Januar [1930] kam es in der Nähe von Pokrowsk (Republik der Wolgadeutschen) zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und deutschen Kolonisten. Ein Kommunist, der eine Hetzrede gegen die deutschen Kolonisten hielt, wurde verprügelt und lebensgefährlich verletzt. Die GPU nahm daraufhin zahlreiche Verhaftungen vor. In Pokrowsk sind 620 sowjetische Kommunisten aus Leningrad eingetroffen, die einen großen Propagandafeldzug für die Auslöschung der individuellen Bauernwirtschaften führen sollen. Bei dem Eintreffen des Zuges mit den Kommunisten kam es zu erregten Szenen, da die deutschen Kolonisten gegen die Entsendung dieser Kommunisten Einspruch erhoben und forderten, dass die Kollektivierung der deutschen Bauernwirtschaften in der Wolgarepublik auf unbestimmte Zeit vertagt werde.

GPU: seit 1922 die Bezeichnung der Geheimpolizei der Sowjetunion

Hans Neusatz und Dietrich Erka, Ein deutscher Todesweg, Authentische Dokumente der wirtschaftlichen, kulturelle und seelischen Vernichtung des Deutschtums in der Sowjetunion, in: Die Notreihe. Fortlaufende Abhandlung über Wesen und Wirken des Bolschewismus, hg. von I. Iljin, N. Constantin, H. Neusatz, R. Cramer, Heft 1 und 2, Berlin 1930, S. 87.

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Quelle

Fluchtbewegungen

Der deutsche Diplomat Otto Auhagen gibt einen Bericht für den Sommer 1929 wieder, der die Auswanderungsbewegung aufgrund der Entkulakisierung und Kollektivierung schildert:

Die Hoffnung auf bessere Zeiten schwinden im Volk immer mehr. Reichsdeutsche Kolonisten, die seit Jahrzehnten in Russland wohnen, Schweizer, die im Kaukasus an der Hebung der Milchwirtschaft wirkten, verlassen scharenweise das Land, und überaus groß ist die Zahl nicht nur der fremdstämmigen, sondern auch der russischen Bürger der Union, die lieber heute als morgen Abwandernden folgen würden.

In einem weiteren Bericht vom 27. März 1930 heißt es:

Die deutschen Bauern erblicken überall ihre einzige Rettung in der Auswanderung […]. Verzweiflungsaktionen größeren Maßstabes wird voraussichtlich dadurch noch Vorschub geleistet werden, daß im Frühjahr in vielen Bezirken Hungersnot eintreten wird. Die Furcht vor großen Unruhen trägt dazu bei, reichsdeutsche Kolonisten zur Rückwanderung zu bestimmen.

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927–1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 44 und 119.

3 Hungersnot als Folge der 'Entkulakisierung'

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Sommer 1932 waren viele deutsche Dörfer völlig verändert: Alle Wirtschaften waren kollektiviert worden und die Bauern hatten kein eigenes Land mehr. Die ehemaligen Großbauern und jene, die man für Großbauern gehalten hatte, waren vertrieben oder ermordet worden. Manche hatten auch fliehen können.

Die eilig geschaffenen Kolchosen waren wirtschaftlich nicht erfolgreich. In vielen landwirtschaftlichen Betrieben herrschte Chaos statt einer planvollen Bewirtschaftung der Felder. Vor den tödlichen Folgen der Zwangskollektivierung hatten auch führende Kommunisten gewarnt. Als 1931 eine Missernte das Land heimsuchte, geriet die Sowjetunion in eine weitere verheerende Versorgungskrise. Stalin wich jedoch nicht von seinem Wirtschaftsplan ab, sondern forderte immer höhere Getreideabgaben. Diese wurden mit Gewalt eingetrieben. Die rücksichtslose Beschaffung von Getreide machte selbst vor dem Saatgut nicht halt.

Schließlich kam es, wie es kommen musste, die Sowjetunion wurde 1932/33 von einer fürchterlichen Hungersnot heimgesucht. Erneut wütete sie am schrecklichsten in diesen ertragreichsten Gegenden des Landes. Stalin hatte nichts von der vergangenen Hungersnot gelernt! Schlimmer noch, das Ausland sollte nichts von der Not der Bevölkerung und der Schwäche des 'überlegenen' Kommunismus erfahren, denn die Getreideexporte waren nicht zu gefährden. Schließlich drangen die Nachrichten über die Grenzen, sodass Stalin mit gemischten Gefühlen und unter internationalen Druck die Einfuhr von internationalen Hilfspaketen und die Arbeit von Hilfsorganisationen zuließ. Doch die Angst vor der mitgelieferten Propaganda erwies sich bald größer als die Sorge um das hungernde Volk. So wurden die Hungerhilfen überwacht und nach kurzer Zeit strengstens limitiert.

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A
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Urheber: Unknown author; Central State Audiovisual Archives of Ukraine.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:HolodomorVyizdValky.jpg

PD

Die Hungersnot von 1932/33 war das direkte Ergebnis von Stalins Politik. Und als die Hungersnot ausgebrochen war, wurden keinerlei Maßnahmen ergriffen, den Betroffenen zu helfen – im Gegenteil. Hier siehst du einen sogenannten 'Roten Zug', der 1932 die Ernte aus einem sowjetischen Dorf abtransportiert, um sie in die Großstädte des Landes zu schaffen.

Starved peasants on a street in Kharkiv, 1933. In Famine in the Soviet Ukraine, 1932–1933: a memorial exhibition, Widener Library, Harvard University. Cambridge, Mass.: Harvard College Library: Distributed by Harvard University Press, 1986. Procyk, Oksana. Heretz, Leonid. Mace, James E. (James Earnest). ISBN: 0674294262. Page 35. Initially published in Muss Russland Hungern? [Must Russia Starve?], published by Wilhelm Braumüller, Wien [Vienna] 1935.
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Urheber: Alexander Wienerberger

https://en.wikipedia.org/wiki/File:GolodomorKharkiv.jpg

PD

Zurück auf dem Land blieben der Hunger und bald die Toten. Das Foto zeigt verhungerte Leichen auf einer Straße in Charkiw, Ukraine.

Famine in USSR, 1933. Areas of most disastrous famine marked with black.
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Urheber: A. Markoff

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Famine_en_URSS_1933.jpg

PD

Die Karte zeigt die betroffenen Gebiete – es sind gleichzeitig die fruchtbarsten und ertragreichsten Gebiete der Sowjetunion. Dass hier am meisten Menschen starben, war menschengemacht und beabsichtigt. Deshalb spricht man heute in der Ukraine von der Hungersnot auch als 'Holodomor', Hungermord, und einige Staaten (Deutschland nicht) definieren die Hungersnot von 32/33 als Völkermord.

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Urheber: Institut für digitales Lernen

cc4 BY SA

Die Grafik zeigt uns zwei Dinge: Den Einbruch in der Getreideproduktion ab 1931 und dass noch während der Hungerkatastrophe Getreide aus der Sowjetunion exportiert – und nicht etwa in die betroffenen Gebiete geschickt – wurde!

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Darstellung

Die Russlanddeutschen in Zwangskollektivierung und politischem Terror

Die großangelegte Kollektivierung der Landwirtschaft in der Sowjetunion führte auch bei den Russlanddeutschen zu Enteignungen und Neuverteilungen der landwirtschaftlichen Flächen. Vor allem die Mennoniten mussten einen großen Teil ihres Grundbesitzes hergeben. Und da die Mennoniten den kommunistischen Funktionären ohnehin in Dorn im Auge waren, wurden sie zunehmend auch persönlich verfolgt und vertrieben. Mehr als 20.000 Mennoniten wanderten zwischen 1923 und 1929 aus der UdSSR aus.
Parteiaktivisten wurden zu Hunderten in die Gebiete der Wolgadeutschen geschickt, um Enteignungen und Deportationen durchzusetzen. 1929 wurde in der Wolgadeutschen Republik beschlossen, dass alle Bauern ihr gesamtes Produktions- und auch einen großen Teil des persönlichen Eigentums vergemeinschaften sollten. Dagegen protestierten die Bauern in mehr als 30 Dörfern. Mit Gewalt wurden sie unterdrückt. In den Jahren 1930/31 wurden 3,7 % der Bevölkerung der Wolgarepublik in die Verbannung getrieben, Zehntausende starben.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

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Quelle

Das Ende von Onkel Paul

Otto Dreit, 1921 in Saratow geboren, erinnert sich an den letzten Besuch seines Nachbarn während der schrecklichen Hungerkatastrophe von 1932/33:

In unserem Hinterhaus wohnte der Hausmeister, ein Deutscher. Mit seiner Frau, einer Russin, hatte er vier Kinder. Wir Jungs nannten ihn immer nur Onkel Paul. Ausgangs des Hungerwinters, wohl so im März, kam er früh in unsere Wohnung. Ich hätte ihn fast nicht erkannt. Fahlbleich, abgemagert zum Skelett mit tief liegenden Augen stand er in unserer Küche und bat meine Mutter mit leiser, zitternder Stimme um ein Stück Brot. Mutter fragte ihn gleich nach der Frau und den Kindern. Weinend erzählte er, dass Gott sie zu sich genommen habe. Seit drei Tagen hätte er nichts mehr gegessen, er könnte es nicht mehr aushalten. Obwohl ich noch ein Kind war, bemerkte ich sehr deutlich, wie er sich des Bettelns wegen schämte. Unsere Essenration war auch äußerst knapp. Mutter teilte jedem ein kleines Stück Brot am Morgen zu, für den älteren Bruder, der arbeiten ging, hatte sie die Ration im Schrank verschlossen. Wortlos ging sie nun, als sie das Elend des Hausmeisters sah, und schnitt für ihn die Hälfte des für den Bruder bestimmten Brotes ab. Onkel Paul dankte mit Tränen in den Augen. Den angebotenen Tee lehnte er ab. Er wankte, sich mit der Hand an der Wand haltend, auf den Hof. Wenig später ging ich zur Schule und sah ihn am Tor auf der Bank sitzend. Einen Bissen Brot hatte er noch im Mund, das restliche hielt er fest in der Hand. Vor Entkräftung war er eingeschlafen. Als ich am Mittag aus der Schule nach Hause zurückkam, saß er noch immer so da, mit dem Brotkrumen im Mund. Nur das Stückchen Brot war ihm inzwischen von einem anderen Hungrigen aus der Hand genommen worden. Ich stand eine Weile vor ihm, ohne zu begreifen, was passiert war. Schließlich sah ich Insekten über sein Gesicht laufen, erst da erkannte ich: Der Hungertod hatte auch Onkel Paul ereilt.

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Darstellung

Hungerhilfe aus Deutschland und was daraus gemacht wurde

Die Hungersnot rief erneut internationale Hilfsaktionen hervor, die für die Russlanddeutschen besonders aus Deutschland kamen. In Deutschland organisierte der sogenannte Reichsausschuss 'Brüder in Not' die Hilfsaktivitäten. Als Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, wurden die Hilfsleistungen eingeschränkt und die deutschen Empfänger in der Sowjetunion eingeschüchtert. Die sowjetische Presse verbreitete zum Beispiel, dass die Pakete aus Deutschland 'Hitlerhilfen' und deren Empfänger Agenten der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland seien. [...] Verhaftungen, die allein auf der Annahme von deutschen Paketen beruhten, folgten und galten oftmals als Beweis der Spionage.

Erarbeitet von Michael Günther, Digitale Lernwelten u. a. auf der Grundlage von: Viktor Krieger, Kolonisten – Sowjetdeutsche – Aussiedler, Bonn 2015.

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Kinderparade, Inv.Nr.: 2017/368
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei

arrc

Auch wenn das Land verhungert – der Schein musste stimmen: Russlanddeutsche Kinder 1935 bei einer Parade zu Ehren Stalins. Auf den Transparenten steht: "Danke Stalin für die glückliche Kindheit".

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Merkkasten

Der Fünfjahresplan in der Sowjetunion und seine Auswirkungen

Stalin hatte sich für den schnellen Aufbau eines Industriestaats und gegen einen Agrarstaat ausgesprochen. Fünf Jahre, von 1928 bis 1934, gab er seinem Land Zeit für den Umbau. Die Kollektivwirtschaften (Kolchosen) sollten die Ernährungsgrundlage sichern. Von diesen Kolchosen gab es jedoch Ende der 1920er Jahre noch sehr wenige.

Als der Fünfjahresplan in Rückstand geriet, griff Stalin mit Gewalt nach den privaten Bauernhöfen, um sie mit Zwang zu kollektivieren. Die Großbauern sollten ganz entfernt werden. Der harte Eingriff in die ländlichen Strukturen führte zu einer Hungersnot. Letztlich wurde die Industrialisierung in der Sowjetunion tatsächlich beschleunigt. Der Preis dafür waren die Zerstörung der traditionellen Landwirtschaft und 13 Millionen Todesopfer.

Michael Günther, Digitale Lernwelten

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Die Propaganda zeigt nur die ehrgeizigen Pläne, die Realität zeigt die Kosten, die bei der Verwirklichung dieser Pläne entstehen.

4 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie sich die stalinistische Kollektivierungspolitik auf die Wolgadeutschen auswirkte.

22 Der Plan Entkulakisierung Hungersnot
Колхозник, читай книгу! Книга поможет выполнить план второй большевистской весны : [плакат]. — [Иваново-Вознесенск] : Государственное издательство ; ивановское областное отделение, [1931] (Иваново-Вознесенск  : Типолитография «Красный октябрь»). — Цветная литография, 1 лист, 74 × 52 см. — 5000 экз.
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Urheber: Неизвестный художник (не указан в выходных данных плаката; отсутствует авторская монограмма или подпись)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Колхозник,_читай_книгу!_Книга_поможет_выполнить_план_второй_большевистской_весны.jpg

PD

Stalin wollte die Sowjetunion industrialisieren. Dafür brauchte er mehr Fabriken, mehr Arbeiter und für diese mehr Nahrung. Diese Nahrung sollte in den sowjetischen Dörfern erarbeitet werden, indem dort alles Land beschlagnahmt, von einer staatlichen Kolchose verwaltet und effizienter bearbeitet würde. In solchen Kolchosen sollten die sowjetischen Bauern arbeiten.

Soviet propaganda: We will keep out Kulaks from the collectives.
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Urheber: Autor unbekannt

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:%D0%92%D1%8B%D1%88%D0%B8%D0%B1%D0%B5%D0%BC_%D0%BA%D1%83%D0%BB%D0%B0%D0%BA%D0%BE%D0%B2_%D0%B8%D0%B7_%D0%BA%D0%BE%D0%BB%D1%85%D0%BE%D0%B7%D0%BE%D0%B2_1930.jpg

PD

Der Plan schlug zunächst fehl. Die staatlichen Kolchosen waren nicht effizient, die Bauern waren unmotiviert, die Erträge brachen ein. Stalin machte dafür die 'Kulaken' (reiche Bauern) verantwortlich. Sie wurden enteignet, verhaftet, in Lager gesperrt und oft hingerichtet. Da unter den Russlanddeutschen viele reiche Bauern waren, waren sie auch besonders von diesen Maßnahmen betroffen.

Starved peasants on a street in Kharkiv, 1933. In Famine in the Soviet Ukraine, 1932–1933: a memorial exhibition, Widener Library, Harvard University. Cambridge, Mass.: Harvard College Library: Distributed by Harvard University Press, 1986. Procyk, Oksana. Heretz, Leonid. Mace, James E. (James Earnest). ISBN: 0674294262. Page 35. Initially published in Muss Russland Hungern? [Must Russia Starve?], published by Wilhelm Braumüller, Wien [Vienna] 1935.
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Urheber: Alexander Wienerberger

https://en.wikipedia.org/wiki/File:GolodomorKharkiv.jpg

PD

Diese Maßnahmen verschlimmerten die Ernteausfälle aber noch. 1932/33 kam es zu einer entsetzlichen Hungersnot in Südrussland und der Ukraine. Diese Gebiete waren die ertragreichsten der Sowjetunion – dass hier Millionen Menschen verhungerten, lag daran, dass Stalin trotz Hunger Getreide und Saatgut wegschaffen ließ, um es in die Industriestädte zu bringen und zu exportieren.