8.2 Was ist eigentlich dieses Deutschland?

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Urheber: Jörn Heller

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Viele Symbole – aber was steht dahinter?

8.2 Was ist eigentlich dieses Deutschland?

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Das heutige Deutschland abschließend und fest zu definieren ist eine schier unmögliche Aufgabe. Wann immer man etwas als ‚deutsch‘ bezeichnet, werden unzählige Deutsche völlig zu Recht darauf hinweisen, dass dies auf sie überhaupt nicht zutrifft. Aus diesem Grund ist es für alle immer leichter zu definieren, was denn nicht deutsch ist. Identität durch Abgrenzung nennt man das. Aber eine solche Identität ist schwächer und unsicherer als eine Identität, die aus positiven Inhalten zusammengesetzt wird. Also wird hier der gewagte Versuch gestartet zu erklären, was Deutschland heute sein könnte.

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1 Was Deutschland heute (politisch) ausmacht

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Reichstagskuppel Berlin mit Deutschlandfahne und Besuchern
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Urheber: AC Almelor @acalmelor

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Reichstagskuppel auf dem umgebauten Reichstag in Berlin, in dem der Bundestag, das deutsche Parlament, tagt – ein altes Gebäude mit wechselvoller Geschichte.

Heute ist die Reichstagskuppel eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Berlins und Deutschlands, ein Symbol für dieses Land oder wie es sich sehen will: transparent, offen für die Welt, eine Einladung zum Mitmachen.

Deutschland ist heute eine freiheitliche Demokratie. Ein Land, das von Wahlen, Parlamenten und vielfachen Mitbestimmungsmöglichkeiten geprägt ist. Manchmal erscheint es wie eine Plattform, auf der jeder sein Leben nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen gestalten kann. Pluralität, also Vielfalt kennzeichnet das Leben gerade in den großen Städten, ist aber ein Grundsatz, der überall gilt: Vielfalt der Lebensweisen, Meinungen, Interessen, politischen Ansichten, religiösen Überzeugungen usw.

Dazu gehört, dass jeder die Freiheit hat, diese Möglichkeiten (im Rahmen von Verfassung und Gesetzen) zu nutzen. Unterschiedliche Positionen und Interessen sowie die daraus mitunter entstehenden Konflikte können öffentlich ausgedrückt werden und das passiert auch ständig. Zur letztendlichen Entscheidung kann man Gerichte anrufen, die unabhängig urteilen.

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Bundespolitik = Landespolitik? | Mirko Drotschmann erklärt Föderalismus
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https://www.youtube.com/watch?v=Tzr3nztOo04

Wie funktioniert das politische System Deutschlands? Warum ist die Unterscheidung von Bundes- und Landespolitik so wichtig? (Dieses Video entstand im Jahr 2019 mit einem Bezug zu den Wahlen in Thüringen. Weitere Informationen dazu unter https://wahlen.ljrt.de/.) [08.07.2021]
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Persönliche Sicht der Autoren

Was macht Deutschland und Deutsche heute aus?

Das politische Grundgerüst der bundesdeutschen Republik ist wichtig, beschreibt aber nicht die Lebenswirklichkeit in Deutschland. Wie hat sich alles entwickelt? Was ist, auch im Vergleich zum alten Deutschland (bis 1945), wichtig zu wissen. Dabei fallen mir vor allem folgende vier Punkte auf:

  • Die deutsche Bevölkerung war nach der NS-Zeit und ihren entsetzlichen rassistischen Verbrechen sehr einheitlich: Es lebten kaum Ausländer oder Menschen anderer Kultur und Sprache in Deutschland. Die deutsche Gesellschaft war daher sehr homogen. Heute leben Millionen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Lebensweisen in Deutschland. Die Deutschen sind insgesamt viel toleranter geworden. In ihrer übergroßen Mehrheit empfinden sie kulturelle Vielfalt als Bereicherung, weil sie unterschiedliche Erfahrungen ermöglicht, bei alltäglichen Dingen wie Essen, Trinken und Kleiden, aber auch beim Lernen und Arbeiten.
  • Die Deutschen sind viel friedlicher geworden. Es gehört zu den erstaunlichen und erfreulichen Entwicklungen der Zeit nach 1945, dass der Militarismus aus der deutschen Gesellschaft verschwunden ist. Die Mehrheit der Deutschen kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass wir in Kriege verwickelt sind oder sie sogar selbst entfesseln würden. Dieser Pazifismus ist einerseits sehr erfreulich, führt aber auch dazu, dass die Deutschen manchmal zu wenig Interesse an Außenpolitik und der internationalen Verantwortung Deutschlands haben.
  • Den älteren Vorstellungen von einer einheitlichen Nation und eines starken einheitlichen Staates, die von einer zentralen Regierung gelenkt werden, hängen die Deutschen in der Gegenwart deutlich weniger an, als früher. Viele Deutsche ringen auch mit ihrer nationalen Identität. Braucht man das noch? Oder ist das heute eher unwichtiger geworden? Viele Menschen spiegeln damit auch die zum Teil sehr alten Gewohnheiten des Lebens in Deutschland wieder, das ja auch durch die unterschiedlichen Länder, Regionen und Dialekte sehr stark geprägt ist. Sie sehen sich als Bayern, Hessen, Thüringer oder Hamburger, daneben aber auch – mehr oder weniger – als Gesamtdeutsche, zudem als Schwarzwälder, Frankfurter, Lausitzer oder Kölner.
  • Menschen sehen manchmal in Deutschland sehr stark das Land von Wohlstand und wirtschaftlicher Kraft. Konsum ist vielen Menschen wichtig. Manchmal hat man den Eindruck, die Menschen identifizieren sich über ihre Einkäufe, ihr Auto, ihre Urlaubsreisen. Andererseits sind unglaublich viele Menschen Vereinsmitglieder und engagieren sich ehrenamtlich.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

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Persönliche Sicht der Autoren

Kulturelle Codes kennen: Die Wirkung kann enorm sein!

Hinweis: Was verstehen wir hier unter einem kulturellen Code? Kulturelle Codes sind nicht das Wissen über ein Land, das in Büchern steht. Sie sind bestimmte Verhaltensweisen und Gesprächsweisen zwischen Menschen in ganz privaten Bereichen. Es geht also um das Zwischenmenschliche.
Wir wollen hier nur aus unserer Sicht über ein paar Beispiele für kulturelle Codes in Deutschland sprechen, wie wir sie empfinden. Viele Menschen werden es anders sehen oder andere Beispiele kennen. Und natürlich kann man solche persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen auch keinesfalls verallgemeinern: Es trifft eben nicht auf alle Leute zu und man kann also nicht sagen: „Ja. Genau. So sind sie alle, diese Deutschen, Amerikaner oder Italiener!“

Und noch ein Hinweis: Wir, die Autoren dieses Kapitels, haben immer wieder und mitunter sehr leidenschaftlich über solche Codes debattiert. Wir haben sehr ernsthaft unsere eigenen Erfahrungen vorgestellt und verteidigt und hatten gleichzeitig viel Spaß dabei, sie von allen Seiten zu betrachten, sie zu bestreiten oder zu unterstützen. Also nehmt unsere Debatte ernst und tut es gleichzeitig mit einem Augenzwinkern!

  • Wenn man in ein örtliches Geschäft geht, das privat geführt wird, deren Mitarbeiter also z. B. auch im Ort leben und anerkannte Mitglieder der Bürgerschaft sind, signalisiert man meistens durch Aussehen, Verhalten und Sprache sehr deutlich, ob man aus dem Ort stammt oder nicht. Menschen gewinnen beim ersten Kennenlernen innerhalb sehr kurzer Zeit einen ersten Eindruck von anderen Menschen. Das geht in Sekunden. Dieser Eindruck ist sinnvoll, aber natürlich auch sehr ungenau, weil man den Anderen ja noch nicht wirklich kennt. Die Frage ist nun, wie der oder die Neue reagiert. Was sagt er/sie? Wie bewegt er/sie sich? Gewonnen hat jetzt, wer beim Betreten des Geschäfts die ortsübliche Begrüßung drauf hat: „Ei guude wie?“ – „Frach misch net.“ Und jetzt geht's gleich ganz anders weiter.
  • Geschlechter begegnen sich in Deutschland im Allgemeinen auf Augenhöhe. Wer das nicht tut, fällt auf. Wer als Deutsche/Deutscher wahrgenommen werden will, flirtet zum Beispiel nicht sehr schnell sehr offensiv mit Frauen/Männern.
  • In der Öffentlichkeit begegnen sich Deutsche meistens eher distanziert, zumindest bei den ersten Begegnungen. In vielen anderen Kulturen begegnet man sich hingegen offener, fröhlicher und mit mehr körperlicher Nähe.
  • Deutsche haben in der Öffentlichkeit viel weniger deutlich ein „offizielles Gesicht“, das von bestimmten Wirkungsabsichten bestimmt ist: Menschen aus den USA sind z. B. bei ersten Begegnungen und Begrüßungen immer ausgesprochen freundlich und wirken sehr zugewandt. Ein typisches Benehmen in der Öffentlichkeit wird Deutschen kaum beigebracht: Viele von ihnen benehmen sich daher oftmals auch unfreundlich oder lassen ihre Launen an anderen aus.
  • Im Ausland erkennt man Deutsche mitunter daran, dass sie verwundert sind, wenn die Menschen aus anderen Ländern, die sie treffen, versuchen, die Vorzüge „ihrer Nation“ offensiv zu preisen und den Gesprächspartner auf seine nationale Seite zu ziehen.
  • Deutschen wird zugeschrieben, dass sie das Funktionieren des Staates und öffentlicher Einrichtungen lieben. Sie füllen Formulare aus, weil sie hoffen, dass dann alles pünktlich, genau und fehlerfrei verlaufen wird. Unordnung mögen Deutsche nicht.
  • Gleichzeitig haben Deutsche aber auch zu allem eine eigene Meinung, zeigen sich mitunter als Besserwisser und nehmen nicht alles hin, was Beamte ihnen sagen: Wenn man von einem Verkehrspolizisten im Straßenverkehr angehalten wird, beginnen Deutsche oftmals ein Spiel. Sie sagen nicht sofort reumütig: „Ja. Mach ich. Sie haben recht.“ Sie denken sich: „Na. Dann schauen wir mal ...“

Piera Jelinek, Florian Sochatzy, Lukas Epperlein und Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

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„Wir können nicht immer warten, dass es ein anderer macht. Nein. Wir müssen es selber machen!“ Johann Thießen von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland über freies Denken und selbstbewusstes Handeln.
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2 Wann ist man denn deutsch?

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Urheber: Grischo

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kassel_-_Bergpark_Wilhelmsh%C3%B6he_-_20170806142238.gif?uselang=de

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Ach, ist das romantisch! Sind die Deutschen romantisch? Bist du es?

Bei der Frage nach dem Deutschsein muss man viele Aspekte berücksichtigen. Klar gibt es objektive Kriterien wie die Staatsbürgerschaft. Es geht aber noch vielmehr darum, dass man sich zugehörig fühlt und dafür sind u. a. folgende Punkte wichtig:

  • Verstehst du die Sichtweisen, die viele Menschen des Landes, in dem du bist, haben? Das betrifft Alltägliches (Kannst du mit den Nachbarn das Thema Hausordnung regeln?) und Allgemeines (Wie stehst du zur politischen Ordnung des Landes? Welche Einstellung zur deutschen Geschichte hast du?).
  • Isst du das Essen des Landes gern oder zumindest manche Gerichte?
  • Sprichst du die Sprache?
  • Spürst du etwas beim Anblick einer bestimmten Landschaft oder Stadt?
  • Verbindet man Erlebnisse mit den Menschen und Orten des Landes?
  • Würdest du dich für etwas einsetzen, das dir in dem Land, in dem du lebst, wichtig ist? (Teilnahme an einer Demo für eine bestimmte Sache? Gründung eines Vereins für ...? Wählen gehen? Etc.)
  • Hast du dich in dem Land verliebt? Oder hältst du das zumindest für möglich?
  • Arbeitest du in dem Land? Bist du dort versichert?
  • Kannst du mit den Traditionen des Landes (Feuerwerk an Silvester, Zuckertüten zum Schulanfang, im Wald wandern gehen, Volksfeste) etwas anfangen oder zumindest mit einigen?

Der zweite wichtige Punkt ist: Halten dich andere für deutsch? Wer in Deutschland einen ‚ausländischen‘ Namen oder Akzent hat oder eine nicht mitteleuropäische Hautfarbe, der gilt in den Augen vieler als ‚nicht wirklich deutsch‘ – selbst wenn er alle obigen Kriterien erfüllt. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil die Betroffenen dagegen kaum etwas unternehmen können. Allein durch die ständigen Fragen und kritischen Blicke wird ihr Gefühl des Deutschseins ständig angegriffen.

Deutsche Nation und deutsche Kultur? Eine junge Frau aus Deutschland ohne russlanddeutschen Hintergrund gibt ihre Antworten.

8 Teil 1: Deutschsein Teil 2: Nation Teil 3: Kultur
Was ist für dich deutsch oder Deutschsein?
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Was bedeutet dir die deutsche Nation?
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Was ist für dich deutsche Kultur?
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3 Identität durch Essen und Trinken, Sprache und Familie, Literatur und Kunst

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Handkäs mit Musik und Äppelwoi
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Urheber: Manfred&Barbara Aulbach

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Handk%C3%A4s_mit_Musik_%2B_%C3%84ppelwoi.jpg

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Handkäs mit Musik und Äppelwoi – sowas essen und trinken viele Leute in Hessen gern. Ist das jetzt typisch deutsch oder hessisch?

Teller mit Kartoffelsalat und Frankfurter Würstchen
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Urheber: WordRidden / Jessica Spengler

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurter_wuerstchen.jpg

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Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat – ist bei vielen Deutschen ein traditionelles Gericht zu Heiligabend.

Die Großen Kaskaden mit dem vorgelagerten Neptunbassin am Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, Hessen, Deutschland.
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Urheber: Baummapper

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Schlösser und Gärten gibt's fast überall in Deutschland. Das hier ist die Große Kaskade am Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel.

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Russlanddeutscher Dialek.Youtube-Leibedduch-mehr Videos.
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https://www.youtube.com/watch?v=S4l65UHZVu0

Dialekt und Kochtraditionen – das gehört einfach eng zusammen. [08.07.2021]
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Buchauszug

Vorwort aus einem Kochbuch der Deutschen aus Russland

Aus den verschiedensten deutschen Landschaften, hauptsächlich aus Schwaben, Baden und Hessen, sind von 1763 bis 1815 Menschen ausgewandert und haben ihre Kultur ins ferne Russland mitgenommen. Zur Kultur gehören Sitten und Gebräuche, dazu gehört aber auch die Esskultur. Ich könnte mir vorstellen, dass es damals nur vereinzelt Kochbücher gab, sodass die meisten Frauen ihre Rezepte handgeschrieben sammeln mussten. In den Kolonistendörfern wurden die Rezepte von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Heute bringen die Aussiedler die mehr als 200 Jahre überlieferten Rezepte in ihre Urheimat zurück.

Natürlich haben die Kolonistenfrauen in ihren Siedlungsgebieten auch den Ukrainern und Russen „in den Topf geschaut“ und mit der Zeit Speisen von ihnen übernommen. In den ersten Jahren wurden die Speisen allerdings noch so zubereitet, wie man es in der alten Heimat gewohnt war.

Eine große Veränderung hat die Verbannung nach Sibirien gebracht. In der Notzeit entstanden viele „Rezepte“, außerdem haben die deutschen Frauen auch einige ganz hervorragende Rezepte von Usbeken, Tadschiken, Kirgisen usw. übernommen.

In einigen Kochbüchern kann man diese Rezepte vereinzelt zwar auch schon finden, aber in dieser Form noch nicht. Dieses Kochbuch soll einerseits den alteingesessenen Russlanddeutschen, die gleich nach dem Krieg nach Deutschland kamen, Rezepte aus ihrer ehemaligen Heimat nahe bringen, andererseits den Neuankömmlingen auch die Rezepte ihrer neuen Heimat vermitteln. Wichtig war mir, dass sich in der Esskultur unserer Landsleute auch ihre Lebensgeschichte spiegelt. Das heißt zum Beispiel, dass sich an den Rezepten die Verbannungsorte der Aussiedler ablesen lassen, deshalb sind die Rezepte ab und zu in kleine Geschichten eingebettet und nicht immer kochbuchüblich angeordnet.

Meine Vorfahren sind 1811 aus Friedrichsfeld, Schwaben, ausgewandert, daher überwiegen die schwäbischen Rezepte.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Frauen bedanken, die beim Zustandekommen dieses Kochbuches mitgewirkt haben. Alle Rezepte wurden von verschiedenen Köchinnen ausprobiert und sollten unter dem Motto verwendet werden:

Man nehme... so man hat!

Allen, die dieses Büchlein benutzen werden, wünsche ich viel Freude beim Ausprobieren der Rezepte und – gutes Gelingen!

Neugierig geworden? Die genauen Angaben zu diesem Kochbuch stehen hier in der Quellenangabe:

Nelly Däs, Kochbuch der Deutschen aus Russland, 5., erweiterte Auflage, Stuttgart 2018, S. 2.

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Darstellung

Bedeutung der Familie bei Deutschen aus Russland

Die Familie ist bei vielen Deutschen aus Russland eine der wichtigsten Gruppen ihres Lebens. Das hat seine Ursachen u. a. auch im Leben in der Sowjetunion. Dort war die Familie oftmals der einzige Rückzugsort, der nicht von Partei- und Staatseinrichtungen bestimmt war. Auf die Familie konnte man sich verlassen.

Die enge Bindung der Familienmitglieder russlanddeutscher Familien wurde noch dadurch gestärkt, dass dort Deutsch gesprochen werden konnte und die deutschen Traditionen gepflegt wurden. Deutsch verstanden die Menschen der Umgebung nicht: Das gab Sicherheit, schuf aber auch Misstrauen und stärkte dadurch den Familienverband. Was ist an Familien in Deutschland anders?

  • Die Schutz- und Zufluchtsfunktion der Familie ist in Deutschland nicht so stark gefragt wie in der ehemaligen Sowjetunion.
  • Die Bindungen des erweiterten Familienverbands sind nicht so stark ausgebaut: Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins bilden in Deutschland eigene Familien und man plant und gestaltet sein Leben nicht so eng mit ihnen.
  • Viele Deutsche wohnen zur Miete und nicht in eigenen Häusern. Großeltern und andere Verwandte wohnen oftmals in eigenen Wohnungen und Häusern.
  • Durch diese eher lockeren Familienbindungen haben Hierarchie und die Autorität der Älteren in der Familie deutlich abgenommen. (Die Autorität und Achtung der Familienmitglieder in russlanddeutschen Familien erkennt man etwa daran, dass Kinder ihre Eltern mit „Sie“ ansprachen und dies zum Teil heute immer noch tun.)
  • Traditionelle Rollenverteilungen in den Familien lassen sich oftmals nicht mehr fortführen. Die Ursachen können zum Beispiel mit beruflicher Umorientierung oder der eingeschränkten Berufstätigkeit von Frauen in Deutschland zu tun haben. (Die Ursache dafür ist die oftmals immer noch mangelhafte Versorgung mit Kinderbetreuungsmöglichkeiten.)

Interesse an der Vertiefung des Themas? Dann sieh zum Beispiel mal hier nach.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

4 Russlanddeutsche aus Sicht der Sozialwissenschaften: Kategorisierungen

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Vertiefung

Untersuchung über Identifikationstypen bei Russlanddeutschen I

Basierend auf dreißig größtenteils auf Russisch geführten Interviews identifizierte die russische Sozialgeographin Maria Savoskul in einer 2006 publizierten qualitativen Studie drei unterschiedliche Typen von Identifikationen bei Spätaussiedlern, abhängig von Faktoren wie dem Alter und dem Zeitpunkt der Einwanderung.

  • Als „echte Deutsche“ fühlten sich ihren Erkenntnissen nach diejenigen, die schon vor der Massenaussiedlung ab 1988 nach Deutschland gekommen waren, sich sprachlich voll assimiliert und auch die russische Sprache nicht an ihre Kinder weitergegeben haben.
  • „Russlanddeutsche“ sind laut Savoskul hingegen bewusst bikulturell: Sie lernen Deutsch, bewahren aber auch die russische Sprache und brechen den Kontakt in die ehemalige Sowjetunion und zu anderen Russlanddeutschen nicht ab. In der Sowjetunion lebten sie überwiegend in ethnisch gemischten urbanen Milieus.
  • Die dritte Gruppe, die Savoskul als „Russaki“ bezeichnet, tun sich schwerer mit ihrem „Dazwischen-Sein“ und leiden unter der mangelnden Akzeptanz als Deutsche in Deutschland. Ihre Integration verlaufe besonders problematisch, sie seien oft sozial isoliert. Dieser Typus war laut Savoskul zum Zeitpunkt ihrer Studie am häufigsten und umfasste verschiedene Generationen: Rentner, die für die Zukunft ihrer Kinder nach Deutschland gingen, aber selber keinen Anschluss fanden; Erwachsene zwischen 30 und 50, die in Deutschland soziale Deklassierung und Statusverlust erlebten; aber auch „mitgenommene“ Kinder und Jugendliche, die sich in eigenethnische Cliquen zurückzogen.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Savoskul kannst du hier genauer nachlesen: Maria Savoskul, Russlanddeutsche in Deutschland: Integration und Typen der ethnischen Selbstidentifizierung, in: Sabine Ipsen-Peitzmeier, Markus Kaiser (Hg.), Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland, Bielefeld 2006, S. 197–221.

Jannis Panagiotidis, Identität und Ethnizität bei Bundesbürgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

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Vertiefung

Untersuchung über Identifikationstypen bei Russlanddeutschen II

Die Kulturwissenschaftlerin Olga Kurilo nimmt mit anderen Begriffen eine ganz ähnliche Kategorisierung vor:

  • Die „echten Deutschen“ heißen bei ihr „Deutsche in Russland“, Menschen, die zwar in Russland leb(t)en, sich dort aber kaum assimilierten.
  • Die „Russaki“ nennt sie „deutsche Russen“, Menschen deutscher Herkunft, die aber in russischsprachigen Milieus aufgewachsen sind.
  • Savoskuls „Russlanddeutsche“ nennt Kurilo „Russische Deutsche“, Menschen hybrider kultureller Zugehörigkeit. Im Unterschied zu Savoskul bezeichnet sie diesen Typus aber als den häufigsten.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Kurilo kannst du hier genauer nachlesen: Olga Kurilo, Russlanddeutsche als kulturelle Hybride. Schicksal einer Mischkultur im 21. Jahrhundert, in: Markus Kaiser/Michael Schönhuth (Hg.), Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, S. 53–72. Siehe auch: Olga Kurilo, Die Lebenswelt der Russlanddeutschen in den Zeiten des Umbruchs: 1917–1991: ein Beitrag zur kulturellen Mobilität und zum Identitätswandel, Essen 2010.

Jannis Panagiotidis, Identität und Ethnizität bei Bundesbürgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

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Vertiefung

Untersuchung über Identifikationstypen bei Russlanddeutschen III

Die Sozialwissenschaftlerin Svetlana Kiel wiederum konstruierte auf Grundlage von Mehrgenerationeninterviews mit insgesamt sieben aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften ausgewählten Familien (akademisch und nicht-akademisch gebildet, religiös, ethnisch gemischt u. a.) eine nuanciertere Typologie von Selbstidentifikationen, die stärker auf generationelle Unterschiede sowie Faktoren wie Religion und Bildung eingeht.

  • Der erste Typus sind (Spät-)Aussiedler, die sich als „nicht-richtig deutsch“ empfinden. Dies sind vor allem Angehörige der Großelterngeneration, die sich in der Sowjetunion als Deutsche verstanden, diese Identität in Deutschland nun aber in Frage gestellt sehen und sich so in eine negative Eigendefinition gedrängt sehen.
  • Der zweite Typus, Deutsche mit „russischem Glanz“, hat oft einen akademischen Hintergrund und sehen, ganz ähnlich wie Savoskuls „Russlanddeutsche“, ihre Bikulturalität als einen Vorteil.
  • Deutsche „mit Makel“ kommen hingegen eher aus nicht-akademischen Milieus und sehen Bikulturalität und gemischte Herkunft als ein Problem oder gar ein Stigma.
  • Als „wahre Deutsche“ identifizieren sich laut Kiel die in Baptisten- oder Pfingstlergemeinden organisierten strenggläubigen russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler, die sich aufgrund ihrer konservativen Werte und strengen Glaubenssätze als „deutscher“ als die Einheimischen empfinden.
  • Und schließlich nennt Kiel als fünften Typus noch die „sowjetischen Leute“, Angehörige von ethnisch gemischten Familien, für die sich auch nach der Aussiedlung die Notwendigkeit gar nicht ergibt, exklusiv deutsch zu sein.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Kiel kannst du hier genauer nachlesen: Svetlana Kiel, Heterogene Selbstbilder: Identitätsentwürfe und -strategien bei russlanddeutschen (Spät-)Aussiedlern, in: Markus Kaiser/Michael Schönhuth (Hg.), Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, S. 73–89. Siehe auch: Svetlana Kiel, Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen Identität in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien, Münster 2009.

Jannis Panagiotidis, Identität und Ethnizität bei Bundesbürgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

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Und du?

Beschreibe deine Identität. Nutze dabei auch die Informationen und Anregungen dieses Kapitels.

Hinweise:

  • Du kannst dich dazu auch gern vorher mit deinen Freunden, Geschwistern oder Eltern austauschen.
  • Mach dir Notizen zu den Punkten, die dir wichtig sind.
  • Nimm deine Sichtweise mit dem Audiogerät auf.

5 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie man Deutschland heute eigentlich beschreiben kann bzw. was nationale Identität eigentlich ausmacht.

18 Politische Definition Deutschsein Essen, Sprache, Kultur
Reichstagskuppel Berlin mit Deutschlandfahne und Besuchern
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Urheber: AC Almelor @acalmelor

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PD BY SA

Deutschland ist heute eine freiheitliche Demokratie. Ein Land, das von Wahlen, Parlamenten und vielfachen Mitbestimmungsmöglichkeiten geprägt ist. Unterschiedliche Positionen und Interessen sowie die daraus mitunter entstehenden Konflikte können öffentlich ausgedrückt werden. Zur letztendlichen Entscheidung kann man Gerichte anrufen, die unabhängig urteilen.

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Urheber: Grischo

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Deutsch zu sein und sich als deutsch zu empfinden hängt nicht nur an der Staatsbürgerschaft. Es geht dabei um Fragen, ob man die Sprache beherrscht, sich für das Land interessiert und sich dort wohlfühlt. Und es geht darum, ob einen andere Deutsche als deutsch ansehen oder einem ständig das Gefühl geben, nicht wirklich deutsch zu sein.

Handkäs mit Musik und Äppelwoi
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Urheber: Manfred&Barbara Aulbach

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Nationale und regionale Identität macht sich aber vielleicht am stärksten an Dingen wie Essen, Dialekt (also Sprache) und Erinnerungen fest. Menschen, die mit denselben Gerichten oder Dialektworten aufgewachsen sind, fühlen sich gerade deshalb oft besonders verbunden.