6.2 Auf dem Weg zur Wolgadeutschen Republik

Plakat mayakowski gross
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Urheber: Wladimir Wladimirowitsch Majakowski

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Plakat_mayakowski_gross.jpg

PD

Willst du die Kälte und den Hunger besiegen? Willst du gut essen und trinken? Dann werde ein braver Sowjetkommunist.

6.2 Auf dem Weg zur Wolgadeutschen Republik

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Ich behaupte, die Wolgadeutsche Republik, die die Russlanddeutschen nach der Revolution tatsächlich erhielten, war mit das Wichtigste, was den Russlanddeutschen in ihrer Geschichte passiert ist. Nicht, weil diese Republik mächtig, politisch autonom, langlebig und stabil gewesen wäre – das war sie alles nicht. Aber sie sollte in der Erinnerung der Russlanddeutschen noch jahrzehntelang, vielleicht bis heute einen wichtigen Platz einnehmen. Sie war der Ort, an dem man endlich das sein konnte, was man war – Russe und Deutscher – und an dem einem daraus kein Vorwurf gemacht wurde. Sie war Heimat, vielleicht die letzte wirkliche Heimat, die die Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert haben sollten.
Aber Erinnerung kann auch trügerisch sein. Also wollen wir uns in diesem Kapitel die 'Wolgadeutsche Republik' anschauen und uns dabei fragen, was an ihr tatsächlich gut war und was vielleicht nur aus der Erinnerung an sie gut aussah.

1 Dient der neuen Sowjetunion, dann kriegt ihr eure Selbstverwaltung

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Für die Russlanddeutschen war 1918 nach den Verletzungen der Kriegsjahre klar, dass sie Schutzrechte und Selbstverwaltung brauchten, um sich in diesem Land wieder sicher zu fühlen. Die in Moskau neu an die Macht gekommenen kommunistischen Bolschewiki wollten ihre Herrschaft stabilisieren und das Land nach ihren Vorstellungen umgestalten. Natürlich hatten die Bolschewiki mehr Macht, aber ihre Lage war 1918 noch ziemlich unsicher – sie brauchten loyale und engagierte Bürger, um die Sowjetunion aufbauen und gegen ihre zahlreichen Feinde vorgehen zu können.

Die Russlanddeutschen bekamen also folgendes Angebot: Wenn sie, angeführt von guten deutschen Kommunisten, an der Wolga ein russlanddeutsch-sowjetisches Musterland aufbauen würden, bekämen sie ihre gewünschten Rechte und eine selbstverwaltete sogenannte 'Arbeitskommune'. Die Sache hatte für die Russlanddeutschen mehrere Haken: Erstens waren sie keineswegs überzeugte Kommunisten, sie waren größtenteils landbesitzenden Bauern und Kleinunternehmer – also Menschen, die von einer kommunistischen Verstaatlichungspolitik nichts Gutes zu erwarten hatten. Zweitens sollten an der Spitze ihrer Arbeitskommune von Moskau ernannte Kommissare stehen. War das dann überhaupt noch eine Selbstverwaltung?

Eine Karte der wolgadeutschen Arbeitskommune von 1922

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Quelle

Telegramm Josef Stalins an die sozialistischen Vertreter der Wolgadeutschen über den Ausgang der Verhandlungen (25. April 1918)

An das Komitee deutscher Sozialisten des Saratover Gouvernements. […] Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen bezüglich der Erklärung Ihrer Delegation, vertreten durch die Genossen Klinger, Emrich und Köhler, gegenüber dem Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten mitzuteilen, dass die Regierung erfreut sein kann über das Erwachen der deutschen werktätigen Massen, die sich endlich entschieden haben, den Aufbau ihres Volksschulwesens und der gesamten Selbstverwaltung des Volkes auf Grundlage der Rätebildung in die eigenen Hände zu nehmen. Die Regierung vertraut darauf, dass die deutschen Arbeiter und armen Bauern, zusammengeschlossen in Deputiertenräten, die Macht in ihre Hände nehmen und Schulter an Schulter mit den russischen Werktätigen zum Sozialismus voranschreiten werden. Wir zweifeln nicht daran, dass Ihr Komitee alle Kräfte einsetzen wird, um gemeinsam mit den zu Ihnen delegierten bewährten Genossen Reuter und Petin in Ihrem Tätigkeitsbereich den endgültigen Triumph des Sozialismus herbeizuführen.
Der Volkskommissar für Nationaliätenangelegenheiten
J. Stalin.

Telegramm: schnelle Übermittlung von Nachrichten durch ein Telegrafie-Gerät, das über leitende Kabel elektrische Signale sendet
Rätebildung
: Statt demokratisch gewählter Abgeordneter strebten die Kommunisten die Bildung von Arbeiter-
und Soldatenräten an. Diese sollten die Entscheidungen der sozialistischen Partei durchsetzen und damit ihre Macht stärken.
Deputiertenräte
: Als Deputierte werden hier die Mitglieder eines Rates bezeichnet. Diese bilden den Rat.

Arkadij Hermann, Wie die Arbeitskommune (das Autonome Gebiet) der Wolgadeutschen gegründet wurde, in: Die Russlanddeutschen. Gestern und heute, hg. von Boris Meissner, Helmut Neubauer und Alfred Eisfeld, Bd. 6: Nationalitäten- und Regionalprobleme in Osteuropa, Köln 1992, S. 163.

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Darstellung

Warum förderte Stalin die Gründung der Arbeitskommune als 'autonomes' Gebiet der Wolgadeutschen?

Josef Stalin war kein ehrlicher Mensch, so viel ist sicher, und selbstlos schon gar nicht. Einige seiner Autonomiemotive für das Wolgagebiet wurden bald für jeden spürbar: Die Rote Armee brauchte im Bürgerkrieg jeden Mann und jedes Getreidekorn, das sich irgendwie auftreiben ließ. Mit der Autonomie und der direkten Einflussnahme auf das Wolgagebiet erhielt er auf beides einen leichteren Zugang. So stand der Wolgadeutsche bald wieder auf dem Kriegsacker, doch diesmal im Kampf Russe gegen Russe, Rote Armee gegen Weiße Armee. Wieder waren die Deutschen zwischen die Fronten geraten, wieder litt die Landbevölkerung unter den übermäßigen und rücksichtslosen Lebensmittellieferungen. Hinzu kam die unsägliche Willkür des Kriegskommunismus, der für die Deutschen ein besonders hartes Brot sein sollte.

Natürlich hatte Stalin noch weitere Motive in der Hinterhand. So sollten andere Minderheiten mit dem wolgadeutschen Vorzeigeprojekt zum freiwilligen Verbleib im neuen Russland gebracht werden. Die Arbeitskommune des Gebietes der Wolgadeutschen war praktisch eine Werbeaktion für einen angeblichen kommunistischen Föderalismus.

Ebenso schwang bei Stalin die Hoffnung mit, dass endlich der „Flüchtlingsstrom" ins Deutsche Reich aufhören möge, der mit dem Frieden von Brest-Litowsk eingesetzt hatte. Lieber sollten die Russlanddeutschen zur Zusammenarbeit mit der Sowjetmacht gebracht werden.

Doch das stärkste Motiv war die Angst davor, dass das deutsche Kaiserreich mit seiner Werbung bei den Wolgadeutschen den Nerv treffen könnte. Das Deutsche Reich versuchte nämlich, die Wolgadeutschen an seine Politik zu binden. Um dies zu verhindern, ließ Stalin die deutsche Sprache und Kultur zu. Er erhoffte sich dadurch eine Erhöhung der Wirkung seiner eigenen Propaganda bei den deutschsprachigen Einwohnern in Sowjetrussland.

U. a. auf der Grundlage von Lydia Klötzel, Die Russlanddeutschen zwischen Autonomie und Auswanderung, in: Osteuropa-Studien, Bd. 3, hg. Margareta Mommsen, München 1998, S. 95 zusammengefasst von Michael Günther, Digitale Lernwelten.

2 Erst kommt der Kommunismus, dann der Bürgerkrieg

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Moskau schickte den Wolgadeutschen zwei 'ihrer eigenen Leute', den deutschen Sozialisten Ernst Reuter und den Österreicher Karl Petin. Beide waren ehemalige russische Kriegsgefangene. Die Rolle dieser beiden 'Kommissare' war zwiespältig. Sie waren an der Wolga, um Moskaus Vorstellungen von kommunistischen Reformen umzusetzen. Sie waren aber auch die Vertreter der wolgadeutschen Bevölkerung und ihrer Interessen gegenüber Moskau. Sie organisierten Schulen, in denen die Wolgadeutschen endlich wieder deutschen Unterricht geben konnten, aber diesen Unterricht eben auch nach den marxistischen Vorgaben der Regierung ausrichten mussten. Sie organisierten die landwirtschaftliche  Produktion und bestellten Geräte und Maschinen für die wolgadeutschen Bauern, aber eben auch mit dem Ziel, möglichst viel Getreide nach Moskau liefern zu können. Denn die Bolschewiki in Moskau brauchten dringend Vorräte und Versorgung. Nach ihrer Revolution war das halbe Land in Aufruhr, ganze Provinzen versagten der Sowjetunion die Gefolgschaft, Teile der Armee kämpften weiter für das untergegangene Zarenreich und gegen die Bolschewiki – das Land steckte mitten in einem blutigen Bürgerkrieg.

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Quelle

Allgemeines Statut des Kommissariats für wolgadeutsche Angelegenheiten (1918)

  1. Das Kommissariat ist der geistige Mittelpunkt der sozialistischen Arbeit unter der deutschen arbeitenden Bevölkerung.
  2. Das Kommissariat überwacht die Durchführung der Dekrete und Verfügungen der Sowjetregierung.
  3. Das Kommissariat hilft der Vereinigung der arbeitenden Massen der deutschen Kolonien in Bezirksräten, mit Rücksicht auf die besonderen Bedingungen ihrer Sprache, Sitte und Gebräuche. Die Vereinigung wird durchgeführt im Einvernehmen mit den örtlichen Gouvernementsräten, wenn die deutschen Räte einen diesbezüglichen Wunsch äußern.
  4. Beschlüsse der Bezirks- und Gouvernementsräte, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung der deutschen Kolonien berühren, werden nur mit Wissen und Einverständnis des Kommissariats für deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet durchgeführt.

Hinweis:
Wenn du dir das Statut im Original ansehen möchtest, kannst du das hier tun. Unter diesem Link findest du auch noch andere interessante Quellendokumente aus der ersten Zeit der Wolgadeutschen Republik.

Zitiert nach: Manfred Langhans-Ratzeburg, Die Wolgadeutschen. Ihr Staats- und Verwaltungsrecht in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin und Königsberg 1929, S. 167.

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Film über Ernst Reuter
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https://www.youtube.com/watch?v=1OKCmZXHkGQ

Ein Film über das ereignisreiche Leben Ernst Reuters [08.07.2021]

3 Hungersnot in den Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen

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Russlanddeutsche Flüchtlinge (Bauern) kommen 1929 im Hafen von Swindemünde-Osternothafen an.
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Urheber: Robert Sennecke (1885–1940)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1977-086-29A,_Ru%C3%9Flanddeutsche_Fl%C3%BCchtlinge.jpg

cc3 BY SA

Deutsche Flüchtlinge unter dem Schutz des Roten Kreuzes kommen aus Russland per Schiff in Deutschland an (1929).

Winter 1921. Der Bürgerkrieg war zu Ende, die Bolschewiki hatten gewonnen. Aber der Krieg hatte alle Vorräte und Nahrungsreserven im Land verschlungen. Der folgende Sommer brachte wegen einer Dürre kaum Ertrag. Im Gebiet der Wolgadeutschen litten die Menschen unter einer schrecklichen Hungersnot, doch nicht nur dort.

Die Gedanken der Menschen drehten sich überall nur ums Essen. Die Nahrungsbeschaffung wurde zu einem Überlebenskampf. Insgesamt verhungerten bis 1923 in Russland etwa fünf Millionen Menschen, davon waren 47.777 Wolgadeutsche. Ohne internationale Hilfsorganisationen wären noch viel mehr Menschen gestorben. Sie versorgten täglich Millionen, bewahrten ganze Dörfer vor dem Aussterben. Menschen, die eine Möglichkeit sahen, das Land zu verlassen, flohen aus dem Elend. So verlor das Siedlungsgebiet der Deutschen an der Wolga weitere 74.000 Einwohner. Sie gingen innerhalb Sowjetrusslands in Gegenden, in denen die Not nicht so groß war oder verließen das Land in Richtung Deutschland.

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Женщины благодарят представителей Американской администрации помощи. Деревня Васильевка Самарской губернии.(предположительно)  ARA (American Relief Administration) - Американская администрация помощи - официально негосударственная организация США, занимавшаяся продовольственной помощью в Европе и России после Первой мировой войны. Во время наибольшего расцвета организация кормила ежедневно до 10 с половиной миллионов человек. Существовала с 1919 до конца 1930-х гг.
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Urheber: Unknown author; http://rus-biography.ru/DocPage/?IdDocs=1452

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:American_Relief_Administration_in_Russia_in_1922.jpg

PD

Russische Bauersfrauen danken einem Mitarbeiter der US-Hilfsorganisation „American Relief Administration". Diese Organisation war bei der russischen Hungersnot von 1921 vor Ort tätig.

A postcard photograph (rotogravure) of two starving boys: one feeds the other. The boys are in an advanced stage of a famine related malnutrition. Their bellies are edematous due to ascites and liver failure resulting from severely inadequate protein intake. Their bodies have catabolized a large amount of skeletal muscle to compensate for the decreased protein intake, resulting in skeletal limbs. This is postcard number 3 of a set published by Rotogravure SA, Geneva, and sold by in 1922 to raise funds for the Ukrainian famine (number VIII of the set displayed bears the date 28 February 1922). The photographs were taken by Fridtjof Nansen and most likely published earlier as well in 1922 in his pamphlets and addresses for aid to the Russians.
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Urheber: Fridtjof Nansen (1861–1930)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fridtjof_Nansen,_Les_deux_%C3%A9tapes_de_la_faim_(1922).jpg

PD

Auf dem Bild siehst du zwei vom Hunger gezeichnete Jungen. Darunter steht: „Der Hunger in Russland. III. Das zweite Stadium des Hungers: ausgemergelte Gliedmaßen, aufgeblasene Bäuche (vom Verzehr von Grass, Stroh, Baumrinden, Würmern und Erde). Diese Kinder konnten schon nicht mehr gerettet werden. Sie hätten genährt werden müssen, bevor sie diesen Zustand der Erschöpfung einmal erreicht hatten."

Map of the Famine area of Soviet Russia in 1921.
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Urheber: The Russian Review

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1921-Famine-map.jpg

PD

Auf dieser Karte siehst du in der Mitte das Gebiet der Hungersnot in Russland in den Jahren 1921/22 (senkrecht schraffiert). Die Stadt Saratoff (Saratow) ist auf der Karte zu sehen, sie liegt im Zentrum des wolgadeutschen Siedlungsgebiets.

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Darstellung

Ursachen und Folgen der Hungerkatastrophe

Ursachen:

  • 'Kriegskommunismus':
    • Bevorzugung der Roten Armee und der kommunistischen Verwaltungen bei der Versorgung
    • Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch die Kommunisten
    • Enteignung des Privateigentums an Produktionsmitteln (Landbesitz, Industrieanlagen, Banken usw.)
  • Bürgerkrieg:
    • Plünderungen durch die Kriegsparteien, Verwüstungen durch Banden
    • Beschaffungskommandos beschlagnahmten rücksichtslos alle Lebensmittelreserven, oftmals auch das Saatgut für den Kampf der Roten Armee gegen die Weiße Armee der Anhänger des Zarenreichs.
    • Den Bauern wurden trotz der Missernte unerfüllbar hohe Abgabenlasten auferlegt. Wer wenig lieferte, musste mit Bedrohung oder grausamer Bestrafung rechnen (Verhaftungen, Geiselhaft der Familienmitglieder, Scheinerschießungen, Schläge).
    • Die russlanddeutschen Bauern am Schwarzen Meer und an der Wolga litten besonders, da sie im Vergleich zu anderen Minderheiten doppelt so viele Abgaben zu erbringen hatten.
  • Dürre in weiten Teilen Russlands vom Winter 1920 bis zum Sommer 1921:
    In den Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen an der Wolga und der Ukraine verdorrte das Getreide. Es folgte eine katastrophale Missernte.
  • Kommunistische Enteignungspolitik:
    Das 'Dekret über den Grund und Boden' führte zu einer starken Beschneidung des privaten Ackerbesitzes. Für die landwirtschaftliche Bestellung stand nun plötzlich viel weniger Anbaufläche zur Verfügung, weil die kollektiv organisierte Landwirtschaft nicht in Gang kam. Das führte zu einer Ertragskrise der russischen Landwirtschaft.

Folge:
Im Winter 1921/22 setzte eine große Hungersnot ein. Schätzungsweise 25 Millionen Menschen mussten in Russland hungern. Im Gouvernement von Saratow war die Katastrophe am schlimmsten. Hier wohnten 2,9 Millionen Menschen. Zum Jahreswechsel 1921/22 litten von diesen etwa 2,1 Million Menschen an Unterernährung.

Michael Günther, Digitale Lernwelten

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Quelle

Aus einem Brief von Wolgadeutschen an den deutschen Gesandten in Moskau über eine kommende Hungersnot (1918)

Die Lage der deutschen Kolonien an beiden Ufern der mittleren Wolga [...] wird von Tag zu Tag schlimmer. Die terroristischen Überfälle von Seiten der bolschewistischen Roten Gardisten, die seit Dezember 1917 stattfinden, nehmen Dimensionen an, die zur Annahme nötigen, als sei es auf die Vernichtung der Kolonien abgesehen. Unter dem Vorwande der Requisition wird den Leuten das letzte Mehl und Korn, Pferde und Kühe weggeführt, Schafe und Rinder abgeschlachtet. Viele Bauern sind dadurch der Möglichkeit, ihre Felder zu bestellen und die Frühjahrsaussaat zu besorgen, beraubt. Wer sein Gut zu verteidigen sucht, wird hingemordet.
Beispiele: In einem Dorfe, namens Schaffhausen, sind über hundert Männer, Frauen und Kinder hingemordet und ist fast alle Habe der Leute weggeführt und zerstört worden. Ein ähnliches Schicksal erreichte die Kolonien Basel, Zärig, Bettinger (russisch = Baratajewka), Glarus und andere. Den einzelnen Kolonien werden „Kontributionen" von vielen Millionen auferlegt, die besten Männer als Geiseln ins Gefängnis geworfen. [...]
Da die deutsche Regierung die deutschen Kolonisten, die zurückwandern wollen in die alte Heimat und deren Vermögen laut dem Brester Friedensvertrag [...], geschützt wissen will, können die so schwer Heimgesuchten nur von Deutschland Schutz und Hilfe erwarten. Diese Hilfe, um die die bedrängten Kolonisten dringend bitten, muss bald geschehen, wenn nicht ihr ganzes von hunderten von Millionen zählendes Vermögen und viele kostbare Menschenleben zugrunde gerichtet werden sollen.

Kontributionen: Geldzahlungen oder andere Abgaben, die von der Bevölkerung eines Landes in Kriegszeiten zur Unterhaltung einer Armee (sehr oft einer gegnerischen Besatzungsarmee) geleistet werden sollen. Diese Zahlungen werden in vielen Fällen mit Gewalt erzwungen.
Brester Friedensvertrag:
Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland vom 3. März 1918. In einem Zusatzvertrag zu diesem Friedensvertrag wurde denjenigen Russlanddeutschen, die nach Deutschland auswandern wollten, Schutz versprochen.

Alfred Eisfeld, Deutsche Kolonien an der Wolga 1917–1919 und das Deutsche Reich, in: Veröffentlichungen des Europa-Institutes München, Reihe Geschichte, Bd. 53, hg. Edgar Hösch, Wiesbaden 1985, S. 149 f.

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Quelle

Das Grauen an der Wolga: Auszug aus dem Bericht einer staatlichen Kommission über die Folgen des Hungers

Augenblicklich ernährt sich die Bevölkerung mit verschiedenen Gräsern, Kräutern, Zwiebeln, Knoblauch, Hunden, Katzen, Ratten, Fröschen, Zieselmäusen, Igeln und an der Wolga gesammelten toten Fische. Ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung verzehrt noch die letzten Reste seines Milch- und Arbeitsviehes. Die Kommission hat einzelne Fälle festgestellt, wo ganze Familien hilflos, nicht mehr imstande sich zu bewegen, in den Häusern umherlagen, wo und wie es der Zufall wollte, ohne jegliche Aufsicht und Pflege, ihre eigenen Exkremente unter sich hervorholten und mit den Händen in den Mund schleppten. […] In einem anderen Hause wurden Kinder von 7-17 Jahren beim Benagen der Knochen eines geschlachteten Hundes angetroffen. Der Zustand der genannten Kinder, vier an der Zahl, war traurig, alle waren angeschwollen, abgemagert, und entkräftet, unfähig eine selbstständige Bewegung zu machen.

Exkremente: menschliche Ausscheidungen (Kot, Urin)

Johannes Schleuning, In Kampf und Todesnot. Die Tragödie des Russlanddeutschtums, Berlin 1930, S. 158 f.

4 Gründung der Wolgadeutschen Republik

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Im Herbst 1923 ging es dann endlich wieder aufwärts für die Arbeitskommune an der Wolga. Die schreckliche Hungersnot schien mit der guten Ernte von 1923 überwunden zu sein und auch politisch tat sich etwas für die Wolgadeutschen. Die Regierung in Moskau war endlich bereit, ihnen ihre eigene Republik zu geben.

Am 6. Januar 1924 riefen die Bolschewiki die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdW) aus. Das Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen war somit von einer 'Arbeitskommune' zu einem formal eigenständigen Staat aufgestiegen – einer Sowjetrepublik im Verbund der Sowjetunion. Aber was bedeutete das für die Russlanddeutschen an der Wolga?

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Здание хлебной биржи: площадь Свободы, 3, Энгельс, Саратовская область
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Urheber: Insider

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%97%D0%B4%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B5_%D1%85%D0%BB%D0%B5%D0%B1%D0%BD%D0%BE%D0%B9_%D0%B1%D0%B8%D1%80%D0%B6%D0%B8.JPG?uselang=ru

cc4 BY SA

Die Stadt Pokrowsk im Jahr 2014. Pokrowsk wurde 1924 zur Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik ernannt und erhielt den Namen 'Engels'.

Die erste Regierung der deutschen Autonomie
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Urheber: Unbekannt, Staatsarchiv der Wolgadeutschen (GIANP) (Engels)

https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A4%D0%B0%D0%B9%D0%BB:Pervoe_pravitelstvo_nemeckoy_avtonomii.jpg

PD

Die erste Regierung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdW), 01. Januar 1924.

Die evangelisch-lutherische Kirche in Balzer (Goly Karamysch), erbaut 1851.
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Urheber: Виктор Бальцеров

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evangelisch-lutherische_Kirche_Balzer_Baujahr_1851_Foto_ca_1931.jpg

cc3 BY SA

Diese evangelisch-lutherische Kirche wurde 1851 erbaut. Sie steht in einer Stadt, die ebenfalls mehrfach den Namen wechselte: Gegründet wurde sie als Balzer, heute heißt sie Krasnoarmeisk.

Breite Gasse in Mariental, Russland, 1900.
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Urheber: Unknown Author; http://mariental-louis.com

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mariental_old.jpg

PD

Deutsche Siedler gründeten 1766 die Stadt Pfannenstiel, die später Mariental hieß. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich die Kolonie, es gab Windmühlen, ein Krankenhaus und eine Schule. Diese Stadtansicht mit der Pfarrkirche im Hintergrund stammt aus dem Jahr 1900.

Ruinierte katholische Pfarrkirche in Sowetskoje (ehem. Mariental), Russland.
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Urheber: Awry

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mariental_church.jpg

cc3 BY SA

Mariental heißt heute Sowetskoje und ist die zweitgrößte Stadt der Region. Die 1842 erbaute Pfarrkirche steht zwar noch, das Gebäude ist jedoch in schlechtem Zustand.

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Quelle

Der Zeitzeuge Edgar Groß über die Bedeutung der Wolgadeutschen Republik

Das Interesse an der Wolgarepublik als einem autonomen Staatsgebilde wächst im Westen, und von den Werktätigen selbst, so wie von ihren Leitern hängt es ab, die Republik zu einer wirklichen Bauernrepublik zu machen, in der die aus dem Westen kommenden Bauerndelegationen auf jeden Schritt den Beweis der Überlegenheit und der Vorteile des Sowjetsystems auch für das kultivierte westliche Bauerntum finden.

Hinweis: Edgar Groß war Vertreter der ASSRdW, also der Republik der Wolgadeutschen beim Moskauer Zentralexekutivkomitee. Sein Bericht stammt aus dem Jahr 1926.

Zentralexekutivkomitee: Es handelt sich um das oberste, die politischen Entscheidungen ausführende Organ. Es wurde gebildet aus der Versammlung aller Abgeordneten der Arbeiter- und Bauernräte (Sowjet = dt. Rat).

Alfred Eisfeld, Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 103.

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Erkundung: Das Wappen der Wolgadeutschen Republik
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Darstellung

Wissenswertes über die Verfassung der Wolgadeutschen Republik aus dem Jahr 1926

Staatsverfassungen ansehen? Vielen Menschen erscheint das zunächst langweilig. Und doch bekommt man bei Lesen von Verfassungen immer einen guten Eindruck davon, wie ein Staat so „tickt“, was er über sich und seine Werte zu sagen hat.
Das ist auch bei der Verfassung der ASSRdW der Fall. Die Wolgarepublik hatte ab dem 1. Januar 1926 endlich eine Verfassung.

  • Der Text zeigt deutlich, dass auch die Republik wie die Arbeitskommune keine wirkliche Autonomie besaß: Die Republik wurde nicht als Staat bezeichnet. Sie hatte auch kein Gesetzgebungsrecht.
  • Die Wolgadeutschen durften lediglich um eine Abänderung oder Aufhebung der Dekrete der Zentralregierung in Moskau bitten. Forderungen durften die Wolgadeutschen praktisch jedoch nicht stellen. Die Regelung zur Aufhebung oder Abänderung von Dekreten sollte daher nur den Anschein erwecken, die Wolgadeutschen könnten ihr Leben mitgestalten.
  • Für die Verwaltung der Finanz- und Wirtschaftsaufgaben waren sogenannte vereinigte Volkskommissare für Finanzen und Arbeit, die Arbeiter- und Bauerninspektion und der Volkswirtschaftsrat zuständig. Diese waren den jeweils gleichnamigen Behörden in Moskau unterstellt.
  • Die Volkskommissare für Innere Angelegenheiten, Justiz, 'Volksaufklärung', Gesundheit, Landwirtschaft, Sozialversicherung waren ebenso zentralen sowjetischen Instanzen gegenüber rechenschaftspflichtig.

Michael Günther, Digitale Lernwelten

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Darstellung

Gebiet und politischer Charakter der Wolgadeutschen Republik

Die Gesamtfläche der Republik betrug bei der Gründung 25.447 km². Hier lebten insgesamt 454.358 Deutsche, was einem Bevölkerungsanteil von 67,9 Prozent entsprach. Traditionell war das Gebiet der Republik landwirtschaftlich geprägt. In der Republik gab es nicht weniger als 91.000 Bauernwirtschaften.

Vertreten wurden die Menschen der Republik vom wolgadeutschen Rätekongress, zu dem 300 Deputierte aus den örtlichen Dorfsowjets berufen wurden. Aus ihnen rekrutierte sich alljährlich das 65 Mitglieder umfassende Zentralvollzugskomitee.

Zusammenfassung von Michael Günther, Digitale Lernwelten auf der Grundlage der Informationen bei: Johannes Schleuning, Das Deutschtum in Sowjetrussland, in: Taschenbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, hg. von R. C. von Loesch, Heft 24, 1927, S. 12 f.; Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer, Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte der nationalen Minderheit im 20. Jahrhundert, in: Osteuropa und der internationale Kommunismus, hg. Karl Heinz Ruffmann, Baden-Baden 1987, S. 87.

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Quelle

Liste deutschsprachiger Orte der Wolgadeutschen Republik

Hier kannst du dich genauer über das Gebiet der wolgadeutschen Republik und die deutschsprachigen Orte auf dem Gebiet der Republik informieren.

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5 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Fragen, was die Wolgadeutsche Republik eigentlich war und wie sie entstand.

23 Arbeitskommune Bürgerkrieg und Hunger Die Republik
Рабочая карта землеустроителя, изданная в сентябре 1922 года (на немецком языке).
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Urheber: Sawmak

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karta_AGW_1922.jpg

PD

1918 entstand die wolgadeutsche Arbeitskommune. Durch sie erhielten die Wolgadeutschen ein gewisses Maß an kultureller Eigenständigkeit (z. B. deutschsprachiger Unterricht) und Interessenvertretung (eigene Kommissare). Der Preis dafür war, dass die Kommune kommunistisch organisiert wurde und die Parteiführung in Moskau direkten Zugriff auf die Produktion der Kommune hatte. 

Женщины благодарят представителей Американской администрации помощи. Деревня Васильевка Самарской губернии.(предположительно)  ARA (American Relief Administration) - Американская администрация помощи - официально негосударственная организация США, занимавшаяся продовольственной помощью в Европе и России после Первой мировой войны. Во время наибольшего расцвета организация кормила ежедневно до 10 с половиной миллионов человек. Существовала с 1919 до конца 1930-х гг.
§

Urheber: Unknown author; http://rus-biography.ru/DocPage/?IdDocs=1452

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:American_Relief_Administration_in_Russia_in_1922.jpg

PD

Der russische Bürgerkrieg zwischen Bolschewiki und Zarentreuen und die mit ihm einhergehende Hungersnot traf auch die Arbeitskommune an der Wolga schwer. Sie verlor bis 1923 über 100.000 Einwohner durch Hungertod und Abwanderung.

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Urheber: Unbekannt

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:ASSR_Wolgadeutsche.svg

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1924 wurde die Arbeitskommune offiziell zur Wolgadeutschen Republik. Damit war sie ein eigener Staat mit eigener kommunistischer Räteregierung. ABER: Solche Staaten gab es in der Sowjetunion viele, keiner von ihnen konnte effektiv gegen den Willen der Moskauer Parteiführung Politik machen und viele der ihnen zugesicherten Rechte existierten nur auf dem Papier.