5.2 Arbeit – Kirche – Schule: Das Leben auf dem Dorf

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Dorfleben heute: Im Zentrum steht – nach wie vor – die Kirche.

5.2 Arbeit – Kirche – Schule: Das Leben auf dem Dorf

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Das Leben der deutschen Siedler fand fast ausschließlich in ihren Dörfern statt. Zur russischen Außenwelt hatten die Siedler nur sehr wenig Kontakt, über lange Zeit fehlten ihnen dazu auch die notwendigen Russischkenntnisse. Alles, was im Leben der Siedler wichtig war, musste also im Dorf organisiert werden: Arbeit und Ausbildung, aber auch Gottesdienst und Feste. 

1 Zu Hause und auf dem Feld – Die Arbeit auf dem Dorf

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Sieht man sich den Plan einer wolgadeutschen Siedlung im 19. Jahrhundert an, so fallen einem mehrere Merkmale auf: Das Dorf bestand aus mehreren, ähnlich oder sogar völlig gleich gebauten Gehöften. Diese wurden von geraden, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen miteinander verbunden. Am Dorfrand befanden sich einige für das Dorfleben notwendige Betriebe, zum Beispiel eine Mühle oder ein Sägewerk. Und im Dorfzentrum befanden sich immer zwei Gebäude: die Kirche und die Schule.

Diese Gestaltung der Dörfer zeigt gut, woraus das Leben auf den Dörfern bestand: Die Arbeit auf dem Feld, im Haus und in der Werkstatt nahm den größten Raum ein. Unterbrochen wurde der von den Tages- und Jahreszeiten vorgegebene Arbeitsrhythmus nur von Sonntagen und kirchlichen Feiertagen.

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Urheber: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

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Alles, was die Siedler selbst herstellen konnten, mussten sie nicht kaufen. Die Herstellung von Stoffen und Kleidern war dabei die Aufgabe der Frauen. Das Foto zeigt links ein Spinnrad, mit dem aus Schafswolle oder Pflanzenfasern Fäden gesponnen werden. Hinten in der Mitte sieht man eine Drehhaspel, auf der die Fäden aufgewickelt werden. Mit einem Webstuhl (nicht im Bild) konnten dann aus den Fäden Tücher gewebt werden. Auf dem Nähtisch wurden die Tücher mit der Nähmaschine (rechts) zu Kleidungsstücken vernäht. Das Foto wurde, wie auch alle anderen Fotos in dieser Galerie, im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold aufgenommen.

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Urheber: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

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In einer Schreinerwerkstatt konnten Holzwerkzeuge und Möbel hergestellt und ausgebessert werden.

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Urheber: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

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Hufeisen, Scharniere, Beschläge, Nägel – wer eine Schmiede wie diese im Haus hatte, konnte all diese Dinge selber herstellen, bearbeiten und ausbessern.

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Quelle

Ein Dorf im wolgadeutschen Roman

Hinweis: Der Text stammt aus dem Roman "Nor net lopper g´gewa!" (Nur nicht nachgegeben!) des wolgadeutschen August Lonsinger (1881–1953). Der Roman erschien 1911 und beschreibt unter anderem das Dorfleben in den wolgadeutschen Kolonien Anfang des 20. Jahrhunderts. Wolgadeutsche.net hat den Roman komplett als PDF ins Netz gestellt. Wenn du ihn lesen möchtest (und Frakturschrift lesen kannst) findest du ihn hier.

Eichenwald war eine ziemlich große Kolonie: Sie hatte drei lange Straßen; die mittlere Straße war breiter, als die anderen, und man sah hie und da Bäumchen vor den Häusern.

In der Mitte des Dorfes stand die Kirche mit einem schiefen Turm. An derselben führte die breite Querstraße (die anderen waren bedeutend schmäler) vorüber: an beiden Seiten derselben waren meist stattliche Bauernhäuser erbaut, hier mochten wohl die reichsten Wirte wohnen, denen die ärmeren, die hier früher gewohnt haben mögen, nach und nach Platz gemacht hatten.

Den hoflos gewordenen wurden, wie der Vetter Fritz erzählte, Hofplätze am Ende des Dorfes gegeben; weshalb das Dorf auch so sehr in die Länge gewachsen war. Eine neue Straße konnte nicht angelegt werden, da man von einer Seite, dem Bache entlang, die Gemüsegarten angelegt und von der anderen Seite die Tennen zugepfercht hatte: erstere konnte man nicht vernichten, weil weiter kein geeigneter Platz vorhanden war, letztere wollte man nicht überführen, obgleich dies sehr vernünftig gewesen wäre: denn die ärmeren wären dann doch näher zu der Kirche und Schulz gekommen, und hättten keine ganze Werst zu laufen gehabt.

Das Schulhaus machte keinen aufmunternden Eindruck: es war niedrig und grau; das Dach vielfach geflickt, von Farbe – keine Spur mehr; nur die Fensterladen wiesen noch eine blasse fast nicht erkennbare Spur von Dunkelgrün auf.

August Lonsinger, Nor net lopper g'gewa (Nur nicht nachgegeben!): eine Erzählung aus den deutschen Wolgakolonien, Aberdeen (Freie Presse Print. Company), zitiert nach: https://wolgadeutsche.net/bibl... [07.07.2021]

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Quelle

Die deutschen Dörfer an der Wolga in einem Reisebericht

Ein spitzer Turm und Windmühlen – das ist eine deutsche Kolonie aus der Ferne. Kommt man näher, muß man durch einen halb ausgetrockneten Bach. Die Dorfstraßen sind wegen der Feuergefahr breit angelegt; die Zäune sind alle aus Weidenruten geflochten, denn Holz ist teuer. Nur spärliche Wälder verkrüppelter Eichen und Schlehen trifft man dann und wann.
Die Hauptpersönlichkeiten in einem Wolgadorfe, das manchmal über 1000 Einwohner hat, sind: der Pastor, der Obervorsteher, der Vorsteher, der Kolonieschreiber, der Küsterlehrer und der Lehrer. Dazu gehören wohl noch die Kaufleute und die Großwirte. [...]

Es ist geradezu wunderbar, wie rein sich dort die deutsche Sprache erhalten hat; zum Teil hört man sogar noch Mundarten, wie schwäbisch. In ihren Sitten sind die Kolonisten vollkommen deutsch geblieben.

Reisebericht des Oberlehrers J. Mühlbaum, zitiert nach: Theodor Baßler, Das Deutschtum in Rußland, München 1911, S. 20 f.

Nachbau eines typischen russlanddeutschen Hauses

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Darstellung

Die Sprache der wolgadeutschen Bauern

Hinweis: Der Text stammt von Georg Dinges (1891–1932), einem wolgadeutschen Germanisten. Er schreibt darin als Wolgadeutscher und Sprachwissenschaftler über die Dialekte seiner Heimat

Wenn ich im Folgenden etwas über unsere Mundarten zu schreiben unternehme, so bedeutet das soviel, dass ich über die Sprache unserer Bauern, über die Bauernsprachen schreiben werde. Ich sage Bauernsprachen, denn es ist doch jedem Bauern bekannt, dass jedes Dorf nach seiner Art redet, sei´ abartig Schprooch hot. „No was soll dann des gewe, wird mancher denken, iwr de Bauer ehre Schprooch zu schreiwe, zu was hot mr dan so was?

Und er wird dann in seinen Gedanken noch weiter fortfahren und wird sich noch ganz gut daran erinnern, dass er vom Pastor, der aus Livland stammte, gehört hat, dass unsere Sprache, die Sprache der deutschen Bauern an der Wolga, gar keine richtige deutsche Sprache sei, sondern eine verdorbene, platte Sprache, ein Plattdeutsch, und das niemand in Deutschland so spreche oder jemals gesprochen habe. Und auch der Russenlehrer, der doch auch ein bisschen Deutsch (Schriftdeutsch) verstand und ein gelernter Mann war, hat sich mal noch vor dem Kriege, [...] so schrecklich ausgelacht, als er in der Schule einmal sagte, was auf Deutsch das Wort коза bedeute, und s Hannesche ihm geantwortet hat: „ai, Gaas!“ Der Lehrer konnte zuerst gar nicht begreifen, was die Ziege mit газ Gase oder gar Petroleum (Lampenöl) zu tun hätte und zuletzt meinte er: ну и чудной у вас язык (Ihr habt aber eine sonderbare Sprache).

Der Russenlehrer hat es später auch dem Doktor und dem Postnatschalnik erzählt; da hat es noch ein tüchtiges Gelächter gegeben. Das Hannesche aber war aus der Schule heim gekommen und hat geweint und gesagt: „Ich geh net meh in die Schuul, do wärd mr jo iwr sai´ daitsch Schprooch ausgelacht!“ (Ich gehe nicht mehr in die Schule, (denn) da wird man wegen seiner deutschen Sprache ausgelacht!) Der Vater musste ihm noch Schläge anbieten und es schließlich auf folgende Art trösten: „unser Schprooch is jo net richtig dr Schrift, dr Bücher nooch, mer schwädze jo plattdaitsch!“ (Unsere Sprache ist ja nicht richtig nach der Schrift und den Büchern, wir sprechen ja plattdeutsch!)

Georg Dinges, Über unsere Mundarten, in: Georg Dinges u. a. (Hg.), Beiträge zur Heimatkunde des deutschen Wolgagebiets, Pokrowsk 1923, S. 60–72, hier S. 60, leicht bearbeitet von Lukas Epperlein

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WOLGADEUTSCHE MUNDART- RUSSLANDDEUTSCHER DIALEKT
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https://www.youtube.com/watch?v=CSsYOE7dZKA

Beispiele für wolgadeutschen Dialekt von einem wolgadeutschen YouTuber [29.08.2018]

2 Im Zentrum: Die Kirche

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Die meisten deutschen Dörfer bauten rasch ihre eigene Kirche. Das verrät uns zwei Dinge: Die Siedler waren sehr religiös, die Kirche war sozusagen nach dem eigenen Dach über dem Kopf das Nächstwichtigste. Und die Siedler waren schnell wirtschaftlich erfolgreich. Sie gehörten nicht der russischen Mehrheitsreligion an, dem orthodoxen Christentum. Die meisten von ihnen waren evangelische Christen. Als solche war ihnen zwar freie Religionsausübung zugesichert worden, sie mussten die Mittel für einen Kirchenbau aber ohne staatliche oder kirchliche Hilfe selber aufbringen. Dass viele deutsche Siedlungen dennoch schon bald größere Steinkirchen errichteten, die teilweise heute noch stehen, zeigt uns, dass diese Siedlungen schon bald Überschüsse produzierten.

Die Kirchen waren ein wichtiges Zentrum der dörflichen Gemeinschaft. Hier wurde der heimatliche Glauben praktiziert, die bekannten Lieder in der Muttersprache gesungen und das Gemeindeleben jenseits der alltäglichen Arbeit organisiert: z. B. Feiertage, Hochzeiten und Taufen.

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Зал современной Сарептской кирхи
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Urheber: Администрация Волгоградской области

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zal_sovremennoi_Sareptskoi_kirhi.jpg?uselang=de

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Das Zentrum des deutschen Dorflebens: der Gemeindesaal der Kirche. Das Foto zeigt den restaurierten Gemeindesaal der Kirche von Sarepta. Heute ist die Kirche Teil des Freilichtmuseums Alt-Sarepta in Wolgograd.

Русский: Бывшая лютеранская церковь в Марксе (Саратовская область)
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Urheber: Unknown author

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lutheran_church_(Marx).JPG

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Die lutherisch-evangelische Kirche in Marx auf einem Foto von 1917. Die 1766 als ‚Katharinenstadt‘ gegründete Siedlung hatte schon um 1770 eine erste Holzkirche. Die auf dem Foto zu sehende Steinkirche wurde 1851 fertiggestellt.

Лютеранская церковь: улица Либкнехта, 67, Маркс, Марксовский район, Саратовская область
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Urheber: Kemal KOZBAEV

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%9B%D1%8E%D1%82%D0%B5%D1%80%D0%B0%D0%BD%D1%81%D0%BA%D0%B0%D1%8F_%D1%86%D0%B5%D1%80%D0%BA%D0%BE%D0%B2%D1%8C;_%D0%9C%D0%B0%D1%80%D0%BA%D1%81_01.jpg?uselang=de

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Die lutherische Kirche in Marx steht bis heute, ihr Glockenturm wurde vor wenigen Jahren restauriert. Das Foto ist von 2017.

Die evangelisch-lutherische Kirche in Balzer (Goly Karamysch), erbaut 1851.
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Urheber: Виктор Бальцеров

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evangelisch-lutherische_Kirche_Balzer_Baujahr_1851_Foto_ca_1931.jpg

cc3 BY SA

Die evangelisch-lutherische Kirche in Balzer. Auch sie wurde im Jahr 1851 fertiggestellt und sieht im Baustil der Katharinenstädter Kirche sehr ähnlich.

Breite Gasse in Mariental, Russland, 1900.
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Urheber: Unknown Author; http://mariental-louis.com

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mariental_old.jpg

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Wiederum eine ähnlich aussehende Kirche in Mariental (heute Sowetskoje) auf einem Foto von 1900. Sie wurde bereits 1842 als Steinkirche erbaut und ersetzte die hölzernen Vorgängerbauten.

Ruinierte katholische Pfarrkirche in Sowetskoje (ehem. Mariental), Russland.
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Urheber: Awry

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mariental_church.jpg

cc3 BY SA

Die Marientaler Kirche ist heute nur noch als Ruine erhalten.

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Quelle

Antrag des Dorfes Wiesenmüller für den Bau einer Kirche im Jahr 1875

Seiner Hohen Exzellenz, Herrn Minister für Innere Angelegenheiten, General-Adjutanten, General der Kavallerie Alexander Jegorowitsch Timaschew

In der Vorstellung vom 23. Oktober 1875 [...] hat das General-Konsistorium den ordnungsgemäß bestätigten Plan und den Kostenvoranschlag für den Bau einer neuen hölzernen Kirche auf steinernem Fundament im Dorf Wiesenmüller/Gouvernement Samara vorgestellt und Ihre Exzellenz um Erlaubnis zum Bau gebeten. Ihre Hohe Exzellenz hatten dem General-Konsistorium mitgeteilt, dass Sie eine Erlaubnis zum Bau der benannten Kirche für vorzeitig zählen, bis eine positive Bestätigung vorliege, dass die für den Bau noch fehlende Summe aus dem Verkauf von Getreide beschafft werden kann.

In der Erfüllung dieser Empfehlung hat die Gemeinde von Wiesenmüller eine Bestätigung vom 2. Januar 1876 vorgelegt, aus der unter anderem hervorgeht, dass die zur Zeit für den Bau vorhandene Summe 17.147 Rubel und 30 ½ Kopeken beträgt, und dass die noch fehlende Summe von 3033 Rubel und 36 ½ Kopeken aus der Ernte vom Gemeinschaftsland für das Jahr 1876 gedeckt wird. Das General-Konsistorium seinerseits, ist [...] der Meinung, dass die Mittel für den Bau der Kirche ausreichend vorhanden sind, und hat die Ehre, bei Ihrer Hohen Exzellenz erneut die Erlaubnis für den Bau einer projektierten neuen Kirche im Dorf Wiesenmüller zu beantragen.

Alexander Muth, Die Geschichte des Dorfes Wiesenmüller, Horn Bad Meinberg 2012, S. 44.

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Quelle

Probleme mit dem Kirchengesang – ein wolgadeutscher Zeitungsartikel

Der Kirchengesang macht einen bedeutenden Teil des Gottesdienstes aus. Der Gesang ist es ja, der so mächtig Herz und Seele zu Gott erhebt; und doch wird bei uns auf dem Lande für nichts so nachlässig und stiefmütterlich gesorgt, als für diesen Gesang. Ich habe hier nicht die Absicht, einen großartigen Aufsatz über Kirchengesang zu liefern, das lasse ich dem Fachmanne, – hier mögen vorläufig nur wenige Bemerkungen bezüglich unserer Koloniechöre eingeräumt werden. Woran fehlt‘s denn? Das ist eine Frage, die sich nicht so einfach und im Handumdrehen beantworten läßt. Es fehlt eben an vielem. [...]

Wie der Bauer schon jetzt von dem Baumstamme, der erst nach Jahren zu Brettern zersägt werden soll, die Äste und knotige Auswüchse weghackt, so möchte ich auch mit unserm Koloniegesang verfahren, der gewiß einem plumpen Balken gleicht, an dem viel und viel zu säubern ist. O, wenn sie mir darin nur folgen würden! Was nun folgt, dürfen die Sänger auswendig lernen und oft erwägen.

  1. Der Kirchengesang ist ein Gebet. Meide somit beim Gesange die Zerstreutheit, alles Lächerliche; meide alles, was irgendwie die Aufmerksamkeit anderer auf dich lenken könnte. Die Aufmerksamkeit der Kirchenbesucher gehört Gott und göttlichen Dingen; sei also kein Dieb.
  2. Spreche die Worte richtig und deutlich aus; kannst du diese nicht auswendig oder hast du kein Buch zur Hand, so schweige. Mitsingen und dabei keine bestimmten Worte aussprechen wäre buchstäblich ein Geheul und nur den Besoffenen auf der Straße eigen.
  3. Stampfe nie mit den Füßen in den Takt, den das verursacht Störung und bei Leuten mit schwachen Nerven Kopfschmerzen. Ist das Angeben des Tempo nötig, so tue dies einer und zwar mit der Hand.

P. M., Etwas über den Kirchengesang auf dem Lande, Klemens. Ein katholisches Wochenblatt, Nr. 22, 25.2.1898, S. 334 ff., zitiert nach: https://wolgadeutsche.net/bibl...

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Darstellung

Pfarrer und Küsterlehrer – das religiöse Leben in den Dörfern

In der Regel hatte ein Pfarrer in den Kolonien mehrere Dörfer zu betreuen, in entlegenen Gebieten manchmal über 10 Dörfer [...]. Der Pastor besuchte die meisten Kolonistendörfer etwa einmal im Monat. Während seiner Abwesenheit wurde er vom Lehrer vertreten. Diese Schulmeister, in den Schwarzmeerkolonien Küsterlehrer oder Kantor genannt, waren meist zugleich Küster und Organisten. Da sie nicht selbst predigen durften, verlasen sie aus Predigtsammlungen eine Predigt und führten den liturgischen Teil des Gottesdienstes durch, ebenso Nottaufen und Beerdigungen. Sie unterrichteten die Konfirmanden und die ‚Kinderlehre‘, die die Konfirmierten noch drei Jahre nach der Konfirmation besuchen mussten, führten die Kirchenbücher und besuchten die Kranken. [...] Lediglich die Trauung, die Konfirmation und die Abendmahlsfeier waren dem Pfarrer vorbehalten.

Stefanie Theis, Religiosität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006, S. 56

3 Nicht wirklich von der Kirche zu trennen: Die Schule

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Den Siedlern war auch die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig. Deshalb bezahlten sie Lehrer und schickten ihre Kinder zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr zur Schule. Das Schuljahr dauerte von November bis März. In den anderen Monaten mussten die Kinder bei der Haus- und Feldarbeit mithelfen.

Oft war die Schule in oder in der Nähe der Kirche und der Lehrer war der Küster (der in der Kirche das Glockenläuten und Orgelspiel übernahm). Auch der Lehrstoff war stark religiös geprägt und sollte die Kinder zu guten Christenmenschen erziehen. Auf diesem Weg wurde allen Kindern aber dennoch Lesen, Schreiben und Grundfertigkeiten der Mathematik beigebracht und das unterschied die deutschen Siedlerkinder von einem Großteil der russischen Landbevölkerung im 19. Jahrhundert.

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Knabengymnasium in Katherinengrad
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei

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Das Knabengymnasium von Katharinenstadt (heute Marx), Foto um 1910

Schulgebäude in Huck an der Wolga, gebaut 1897 aus Backstein, 1897-1941 Schule, 1970-1996 Kaufhaus, 1996 verwüstet; Foto 2009
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Urheber: Georg Knaus

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gymnasium_in_Huck_an_der_Wolga,_Backstein,_Baujahr_1897,_seit_1970_Kaufhaus,_1996_verw%C3%BCstet;_Foto_2009.jpg

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Die heute noch erhaltenen Schulgebäude in wolgadeutschen Siedlungen sind größtenteils Steinbauten vom Ende des 19. Jahrhunderts. Das Foto zeigt das Schulgebäude der Siedlung Huck, heute Splawnucha.

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Quelle

Verordnung über Schul- und Religionsunterricht in den Saratower Kolonien.

  1. Die Patres der römisch-katholischen und die Pastoren der protestantischen Konfession prägen ihren Pfarrkindern bei jeder Gelegenheit die Heiligkeit der Pflicht ein, ihre Kinder in Gotttesfurcht zu erziehen und sie rechtzeitig in die Kirchenschulen zu schicken, deren Hauptaufgabe in der Unterrichtung der Jugend in der Religion besteht.
  2. Die Patres und Pastoren besuchen wöchentlich die Schulen ihrer Pfarrdörfer und halbmonatlich die Schulen der Nebendörfer. Außer diesen festgesetzten Besuchen liegt ihnen ob, diese Schulen, unerwartet für Lehrer und Schüler, aufzusuchen.
  3. Die Besuche der Patres und Pastoren haben nicht nur den Zweck, ein allgemeine Aufsicht auszuüben, sondern durch Belobung der Fleißigen und Tadelung der Faulen zum Fleiß anzuspornen
  4. Die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Besuche der Patres und Pastoren werden mit Angabe des Datums von den Schulmeistern in das von ihnen geführte Revisionsbuch eingetragen, damit der Superior und Probst zu jeder Zeit feststellen kann, inwieweit der Geistliche sich seiner Schulen annimmt.
  5. Jeder Familienvater ist verpflichtet, seine Kinder, Zöglinge, Lehrlinge und Diener beiderlei Geschlechts, vom siebenten Jahre an von anfangs Oktober bis Ende Mai täglich in die Schule und Sonntags in die Katechese zu schicken.
  6. Jeder Schulmeister führt eine genaue Liste aller schulpflichtigen Kinder, an Hand welcher er nach Beendigung des Vormittag- und Nachmittagunterrichts oder der Kinderlehre aufruft und die Fehlenden in eine besondere Liste einträgt, die er jeden Tag der Dorfobrigkeit vorlegt.
  7. Nach Erhalt der Liste erkundigt sich das Dorfamt beim Familienvorstand über die Gründe des Ausbleibens der Schüler. Falls dieses als gesetzlich anerkannt wird, werden die Gründe in der Liste vermerkt, im anderen Falle wird das Familienoberhaupt mit der in § 9 festgesetzten Strafe belegt.
  8. Als gesetzliche Gründe für das Fehlen der Schüler werden anerkannt: Krankheit des Schülers, die Notwendigkeit, ein Familienmitglied zu pflegen, Todesfall, jedoch nur bis zur Beendigung der Beerdigung, und bei weitem Schulweg schlechtes Wetter.
  9. Für jedes ungesetzliche Fernbleiben von der Schule zahlen die Eltern, Vormünder, Erzieher oder überhaupt das Familienoberhaupt 5 Kopeken Strafe.
  10. Die Strafe wird vom Dorfamt eingezogen und mit dem Verzeichnis den Kirchenältesten gegen Quittung ausgehändigt, die das Geld der Schulkassen einverleiben. Die Schulkasse wird auf gleicher Grundlage wie das übrige Kirchenvermögen verwaltet. Die Strafgelder werden zum Ankauf von Schulbüchern für arme Kinder und Büchern als Prämien für fleißige Kinder verwandt.
  11. Wenn die zur Strafe verurteilte Person diese nicht zahlen kann, so wird sie zur Gemeindearbeit herangezogen, und zwar für jede Abwesenheit des Schülers einen halben Tag. Vergleiche auch (Schulbesuch)
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Darstellung

Der Historiker Viktor Krieger über die deutschen Dorfschulen

Von Anfang an war das Schulwesen stark konfessionell geprägt; die Dorfschule bereitete die Jugendlichen in erster Linie auf die Konfirmation beziehungsweise Firmung vor. Bei allen Unzulänglichkeiten konnten diese kirchlichen Schulen den meisten Kindern das Lesen beibringen; von den Knaben wurden zusätzlich Schreibfähigkeiten und Rechnen erwartet. Eine wichtige Rolle fiel dabei dem Küster zu, der in den russlanddeutschen Siedlungen die Funktionen eines Pfarrersgehilfen und Schulmeisters in einer Person ausübte. Da ein Kirchspiel oft mehrere Siedlungen umfasste, vertrat der Küster in den Filialgemeinden den Pastor, leitete den Gottesdienst, taufte Neugeborene, bestattete die Gestorbenen und erteilte den Kindern Konfirmations- bzw. Firmunterricht.

Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn (bpb) 2015, S. 42

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4 Dörfliches Leben im Museum

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Die russischen Städte Engels und Marx liegen beide im Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen. Beide Städte besitzen Heimatmuseen, in denen das dörfliche Leben im 19. Jahrhundert anhand von Ausstellungsstücken nachvollziehbar gemacht wird. Das Bayrische Kulturzentrum der Deutschen (BKDR) aus Russland hat virtuelle Rundgänge aus beiden Museen erstellt, über die man die Ausstellungen besichtigen kann. Den Rundgang aus Engels findet man hier: , den Rundgang aus Marx hier:  .

5 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie das Leben in einem wolgadeutschen Dorf im 19. Jahrhundert aussah.

21 Arbeit Kirche Schule
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Urheber: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

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Auf dem Feld, in der Werkstatt, zu Hause – Arbeit machte den größten Teil des Dorflebens aus. Zu kaufen gab es wenig und selten, d. h. Lebensmittel mussten selbst angebaut werden, Möbel, Kleidung und Werkzeug oft selbst hergestellt und auf jeden Fall selbst repariert werden.

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Urheber: Unknown author

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PD

Die Kolonisten waren sehr gläubige Menschen, jedes Dorf besaß eine Kirche, die von Kolonisten gemeinsam errichtet und finanziert wurde. Die Kirche war sowohl für Glaubensfeste und Gottesdienste als auch für das festliche Dorfleben bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen von großer Wichtigkeit.

Schulgebäude in Huck an der Wolga, gebaut 1897 aus Backstein, 1897-1941 Schule, 1970-1996 Kaufhaus, 1996 verwüstet; Foto 2009
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Urheber: Georg Knaus

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Die deutschen Siedlerkinder gingen alle zur Schule. Die Schulzeit lag im Winterhalbjahr, damit die Kinder im Sommer bei der Arbeit helfen konnten. Neben religiöser Erziehung wurde den Kindern lesen und schreiben (auf Deutsch) und Mathematik beigebracht.