8.4 Integration ins Eigene

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Zusammen in das eigene Land integrieren

8.4 Integration ins Eigene

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Hunderte Jahre unterwegs, zurückkommen in die Heimat, Rückkehr zu sich selbst – solche und ähnliche Aussagen treffen viele Russlanddeutsche, wenn sie zu ihrer Geschichte und ihren Erfahrungen befragt werden. Dahinter steckt die Sehnsucht danach, irgendwo selbstverständlich anerkannt zu sein, die eigene nationale und kulturelle Identität finden zu können, unter ähnlich geprägten Menschen zu leben und sich in diesem Leben auch spezifisch wahrnehmen zu können. Die Integration in ein Land, das ihres und doch nicht mehr ihres war, war für viele Spätaussiedler keine einfache Erfahrung. Aber sie haben damit auch einen unschätzbaren Vorteil: Sie wissen, wie es ist, wenn man nicht in etwas selbstverständlich hineingeboren wird, sie kennen den Wert des Eigenen, weil sie es sich hart erarbeiten mussten.

1 Warum muss jemand integriert werden oder sich integrieren?

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Preisfrage: Warum sollten sich Deutsche aus Russland integrieren (müssen)? Stellt sich bei ihnen die Frage überhaupt? Sie sind doch schon Deutsche.
Das ist einerseits richtig. Andererseits ist die Integration mit der Aushändigung des deutschen Passes nicht abgeschlossen, sondern beginnt in vielen Fällen erst. Denn natürlich haben viele Deutsche, die in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten lebten, sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen und Prägungen. Oft hat man in der Vergangenheit Integrationsmaßnahmen für Russlanddeutsche nicht für so wichtig gehalten, eben weil sie ja Deutsche sind. Das war aber zu oberflächlich gedacht. Auch Russlanddeutsche sollten Hilfe bekommen, wenn sie sie benötigen.

Bei Integration geht es also um das Beseitigen von Schwierigkeiten, um die Erhöhung von Teilhabe und die Erweiterung von Lebenschancen. Daran zu arbeiten lohnt sich immer und bei jedem – nicht nur, aber auch bei Russlanddeutschen.

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Darstellung

Was bedeutet Integration?

Die Grafik zeigt verschiedene Formen des Zusammenlebens zwischen unterschiedlichen Gruppen in einer Gesellschaft/unterschiedlichen Mitgliedern in einer Gruppe.
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Urheber: WhiteHotaru

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Wie unterscheidet sich Integration von anderen Formen der Gruppengestaltung?

Die Frage nach der Integration stellt sich immer dann, wenn Menschen einer Gruppe in eine andere (größere) Gruppe aufgenommen werden sollen. Integration meint ja eigentlich genau das: Aufnahme irgendwo/Einbeziehung in irgendetwas. Bei menschlichen Gesellschaften ist es damit nicht immer ganz so einfach, weil Menschen sich mitunter tiefgreifend ändern oder Neues erwerben müssen, wenn sie sich integrieren. Manchen Menschen macht das gar keine Schwierigkeiten, anderen fällt das eher schwer.

Das Ziel von Integration besteht, sehr kurz zusammengefasst, darin, dass alle Menschen in einer Gesellschaft ohne ständige grundlegende Konflikte miteinander auskommen. Wenn Integration gelingen soll, sind daran immer beide Seiten beteiligt: die Menschen, die sich integrieren wollen und sollen, und diejenigen aus der bestehenden Gesellschaft, die sie aufnehmen und ihnen helfen (sollten). In Deutschland gibt es für Integration vielfache Gesetze und Hilfen.

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Wann gelingt Integration?

Die Sicht der Wissenschaft (und der Lebenserfahrung)

Die Russlanddeutschen wussten, dass sie in Deutschland bleiben können und bauten sich eine Existenz auf. Ihre Integration zeigt auch die Bedeutung einer guten Förderung: Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gab es einen einjährigen Sprachkurs, relativ großzügige finanzielle Integrationshilfen und als Folge kaum Integrationsprobleme. Diese kamen erst, als der Staat Sprachförderung und Integrationshilfen nach und nach heruntergefahren hat. Jede Mark, die man damals bei der Integration gespart hat, musste man dann mit Aufschlag in die Bekämpfung von Jugendkriminalität stecken.

"Ungeregelte Einwanderung muss keine Katastrophe sein", Interview mit Prof. Dr. Jannis Panagiotidis, 26.8.2016, in: Mediendienst Integration (https://mediendienst-integrati... [5.12.2020].)

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Wie gelingt Integration von Russlanddeutschen am besten? Eine rückblickende Einschätzung von Albina Nazarenus-Vetter.
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2 Hindernisse bei der Integration von Deutschen aus Russland

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Im Grunde ist die große Gruppe der Deutschen aus Russland sehr gut in Deutschland integriert. Wo es Schwierigkeiten gibt, haben die mit der Aufnahmegesellschaft und den Spätaussiedlern zu tun. Nicht alle schon in Deutschland lebenden Deutschen haben die Russlanddeutschen angemessen wahrgenommen. "Das sind doch Russen", ist eine falsche Einordnung und ein oberflächliches Vorurteil.

Es gibt aber auch Probleme, die nicht mit persönlichem Handeln zu tun haben, sondern durch politische Entscheidungen und politisches Handeln entstanden sind:

  • Instrumentalisierung der Russlanddeutschen im Kampf der politischen Parteien
  • Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen
  • mangelhafte Rentenzahlungen und Schwierigkeiten bei der Rentenangleichung
  • fehlende Angebote für Hilfe beim Umgang mit Ämtern und Amtsformularen
  • mangelnde Angebote für politische und kulturelle Bildungsarbeit
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Vor 20 Jahren: Aussiedlerfeindlichkeit im Wahlkampf | SPIEGEL TV
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https://www.youtube.com/watch?v=DQ9LVScZgW4

Wahlkampf gegen Russlanddeutsche? Der damalige SPD-Ministerpräsident des Saarlandes und einflussreiche SPD-Politiker forderte im Jahr 1996, Deutsche aus Russland nur noch "nach Bedürftigkeit" nach Deutschland kommen zu lassen [13.07.2021].
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Hochqualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen durften nach ihrer Übersiedlung in Deutschland nicht in ihren Berufen arbeiten, weil ihre Abschlüsse nicht anerkannt wurden. Was sollten sie machen? Albina Nazarenus-Vetter von der DJR e. V. berichtet.
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Johann Thießen von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland über soziale Integrationsprobleme und politische Aktivitäten der Landsmannschaft
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Die Beauftragte des Landes Hessen für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf zu den Renten von Spätaussiedlern in einem Interview mit Marcus Ventzke
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3 Staatliche Hilfen zur Integration in Hessen

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Von den etwa 6,3 Mio. Einwohnern Hessens haben ungefähr 30 Prozent einen Hintergrund als Vertriebene oder Aussiedler. Mehr als 7 % aller in die Bundesrepublik Deutschland kommenden Spätaussiedler werden in Hessen aufgenommen. Allein vom Ende der 1970er bis zum Beginn der 2010er Jahre hat Hessen etwa 180.000 Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion aufgenommen.

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Anerkennung von Berufsabschlüssen

Das Bundesgesetz zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung im Ausland erworbener Berufsqualifikationen ist am 1. 4. 2012 in Kraft getreten. Ziel des Gesetzes ist die wirtschaftliche Einbindung von Fachkräften mit Auslandsqualifikationen und die Förderung der Integration auch vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und einem sich abzeichnenden Fachkräftemangel in Deutschland. Das Gesetz bedeutet eine deutliche Verbesserung des bisherigen Zustandes, unabhängig vom Herkunftsland des Antragstellers, damit also auch für Spätaussiedler.

Das Gesetz legt erstmals einheitliche Beurteilungskriterien für die Feststellung der Gleichwertigkeit fest, wie Inhalt und Dauer der Ausbildung, berücksichtigt aber auch einschlägige Berufserfahrung. Mit dem Ergebnis der Gleichwertigkeitsprüfung wird in einem Verwaltungsbescheid auch ein eventuell notwendiger Nachqualifizierungsbedarf verbindlich benannt. Die Länder waren aufgefordert, eigene gesetzliche Regelungen schnellstmöglich auf den Weg zu bringen. Denn sie sind für die Anerkennung vieler Berufe zuständig, so z. B. für Lehrer, Sozialberufe und Ingenieure. Der Hessische Landtag hat das entsprechende Gesetz am 12. 12. 2012 beschlossen.

Heimatvertriebene und Spätaussiedler – eine Bereicherung für unser Land. Bericht der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, 2009-2014, hg. vom Hessischen Sozialministerium – Landesbeauftragte der Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, Wiesbaden 2014, S. 19.

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Die Beauftragte des Landes Hessen für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf zur Problematik der Anerkennung von Berufsabschlüssen in einem Interview mit Marcus Ventzke
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Projekt zur Integration von Lehrerinnen und Lehrern in den Hessischen Schuldienst

Mit diesem erfolgreich verlaufenen Nachqualifizierungsprojekt wurden aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und Mitteln des Hessischen Sozialministeriums 20 Personen aus dem Bereich zugewanderter Spätaussiedler sowie Migranten gefördert. Das Projekt wurde im Auftrag des Hessischen Sozialministeriums von der Otto Benecke Stiftung in Kooperation mit der Fortbildungsakademie der Wirtschaft in Offenbach durchgeführt. Als Spätaussiedler zugewanderte Lehrerinnen und Lehrer haben in der Regel nur ein Fach studiert und können deswegen nicht in den Schuldienst des Landes Hessen aufgenommen werden, da dieser das Studium von zwei Fächern verlangt. Voraussetzung für die Aufnahme in das Projekt war, dass die im Herkunftsland studierten Fächer den in Hessen ausgewiesenen Mangelfächern entsprechen. Neben der Vermittlung allgemeiner Grundlagen des hessischen Schulwesens, der Fachdidaktik und aktueller Unterrichtsmethoden stand die Vermittlung der Unterrichtsprache Deutsch im Vordergrund. Die Absolventen der Maßnahme haben die Befähigung erlangt, als angestellte Lehrkräfte im Hessischen Schuldienst zu arbeiten. Das Projekt wurde Anfang März 2013 mit einer Abschlussfeier und der Zertifikatsübergabe durch Sozialminister Stefan Grüttner abgeschlossen.

Heimatvertriebene und Spätaussiedler – eine Bereicherung für unser Land. Bericht der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, 2009-2014, hg. vom Hessischen Sozialministerium – Landesbeauftragte der Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Margarete Ziegler-Raschdorf, Wiesbaden 2014, S. 18–19.

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Neubewertung der Rentenansprüche von Spätaussiedlern

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Ausführliche Informationen

Heimatvertriebene und Spätaussiedler in Hessen

Wenn du dich ausführlich über Spätaussiedler in Hessen und die Politik des Landes Hessen zu Spätaussiedlern informierten willst, kannst du dich dazu im Bericht der Landesbeauftragten der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler informieren. Sieh mal hier.

Die Beauftragte des Landes Hessen für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf über ihre Aufgaben in einem Interview mit Marcus Ventzke
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4 "Nachholende Integration" – Was soll das eigentlich sein?

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Kann man Integrationsmaßnahmen nachholen, wenn man sie zu dem Zeitpunkt, als sie dringend nötig gewesen wären, verpasst hat? Ja und Nein. Das Leben geht ja jeden Tag weiter und so verändern sich auch Anforderungen und Bedürfnisse.
Machen wir es konkret: Wobei brauchten die Deutschen aus Russland denn Hilfen? Beispielsweise dabei:

  • deutsche Sprache (besser) lernen
  • Wohnungssuche
  • Umgang mit Ämtern im Alltag
  • Klärung der (Nicht-)Anerkennung von Schul-, Berufs- und Schulabschlüssen
  • Arbeit finden
  • Mitmachen in Vereinen, Institutionen, Politik
  • Schule und Ausbildung der Kinder
  • Sozial-, Kranken- und Rentenversicherung
  • einfach mal jemanden haben, mit dem man reden und bei dem man sich entspannen kann

Und was kann man davon nachholend machen? Sehr einfach: Alles, wenn es nötig ist und wenn es auf die gegenwärtigen Lebenslagen der Menschen, die davon profitieren sollen, angepasst ist.

Übrigens kann man sich hier über die Integrationshilfen für Spätaussiedler des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sehr gut informieren.

Angebote von DJR und LmDR

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Alexandra Dornhof ist Bildungsreferentin. Sie organisiert viele Angebote der DJR.

Die Organisationen der Deutschen aus Russland sind wichtige Institutionen zur Stärkung der Integration. Sie folgen dem Motto: 'Lasst es uns selbst machen.' Über alle aktuellen Aktivitäten kann man sich u. a. auf der Webseite der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (LmDR) und in der Zeitschrift 'Volk auf dem Weg' informieren. Und die Angebote zum Mitmachen sind vielfältig. Beispiele? Gern:

  • Im Bereich der politischen Bildungsangebote gibt es beispielsweise die Seminarreihe „Mitsprache durch Teilhabe“. Der LmDR agiert hier als anerkannter Bildungsträger der Bundeszentrale für politische Bildung. Es geht darum, Multiplikatoren auszubilden, die zur Beteiligung an politischen Vorgängen motivieren und aktivieren können, die Strukturen der Meinungsbildung erläutern sowie Streitkultur und Wehrhaftigkeit in der Demokratie nahebringen können.
  • Schon mal von „Juleica“ gehört? Die Abkürzung steht für Jugendgruppenleiter. Der Verein Deutsche Jugend aus Russland (DJR e. V.) bietet eine solche Ausbildung an. Jugendgruppenleiter fahren mit Kindern und jungen Leuten in Ferienfreizeiten, betreuen offene Treffs, organisieren Gruppen im Sport-, Kultur- und Medienbereich. Der DJR ist dabei übrigens Mitglied im Hessischen Jugendring.
  • Migrationsberatung für Erwachsene gibt es über den LmDR in jedem Bundesland. In Hessen natürlich auch.

5 Das Leben in die eigenen Hände nehmen – Der Gestaltungswille der Russlanddeutschen als Bereicherung für die deutsche Gesellschaft

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Die Beauftragte des Landes Hessen für Heimatvertriebene und Spätaussiedler Margarete Ziegler-Raschdorf über die Bereicherung Deutschlands durch die Russlanddeutschen in einem Interview mit Marcus Ventzke
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6 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, was Integration eigentlich bedeutet und wie es um die Integration Russlanddeutscher steht.

21 Integration Hindernisse Hilfen
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Bei Integration geht es um das Beseitigen von Schwierigkeiten, um die Erhöhung von Teilhabe und die Erweiterung von Lebenschancen. Das Ziel von Integration besteht zusammengefasst darin, dass alle Menschen in einer Gesellschaft ohne ständige grundlegende Konflikte miteinander auskommen. Wenn Integration gelingen soll, sind daran immer beide Seiten beteiligt: die Menschen, die sich integrieren, und diejenigen aus der bestehenden Gesellschaft, die sie aufnehmen.

Photo by Marcel Strauß on Unsplash
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Urheber: Marcel Strauß

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Es gibt verschiedene Probleme, die die Integration Russlanddeutscher erschweren: beispielsweise Nichtanerkennung von Berufsabschlüssen, mangelhafte Rentenzahlungen und Schwierigkeiten bei der Rentenangleichung, fehlende Angebote für Hilfe beim Umgang mit Ämtern und Amtsformularen oder mangelnde Angebote für politische und kulturelle Bildungsarbeit.

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Es gibt in Deutschland sowohl von staatlicher Seite als auch von russlanddeutschen Organisationen verschiedenen Hilfsangebote zur Integration. Diese können auch als 'nachholende Integration' von Menschen wahrgenommen werden, die schon jahrelang in Deutschland wohnen.