Der Inhalt wird nicht schön dargestellt? Bitte aktivieren sie JavaScript und nutzen Sie einen aktuellen Browser und alles wird toll aussehen und funktionieren. Versprochen.đŸ€ž

8.2 Was ist eigentlich dieses Deutschland?

Bild von Jörn Heller auf Pixabay
§

Urheber: Jörn Heller

https://pixabay.com/de/photos/reichstag-berlin-regierungsgeb%C3%A4ude-1358937/

PDBYSA

Viele Symbole – aber was steht dahinter?

1

Das heutige Deutschland abschließend und fest zu definieren ist eine schier unmögliche Aufgabe. Wann immer man etwas als ‚deutsch‘ bezeichnet, werden unzĂ€hlige Deutsche völlig zu Recht darauf hinweisen, dass dies auf sie ĂŒberhaupt nicht zutrifft. Aus diesem Grund ist es fĂŒr alle immer leichter zu definieren, was denn nicht deutsch ist. IdentitĂ€t durch Abgrenzung nennt man das. Aber eine solche IdentitĂ€t ist schwĂ€cher und unsicherer als eine IdentitĂ€t, die aus positiven Inhalten zusammengesetzt wird. Also wird hier der gewagte Versuch gestartet zu erklĂ€ren, was Deutschland heute sein könnte.

?

1 Was Deutschland heute (politisch) ausmacht

2
Reichstagskuppel Berlin mit Deutschlandfahne und Besuchern
§

Urheber: AC Almelor @acalmelor

https://unsplash.com/photos/9HiCRY11-CI

PDBYSA

Reichstagskuppel auf dem umgebauten Reichstag in Berlin, in dem der Bundestag, das deutsche Parlament, tagt – ein altes GebĂ€ude mit wechselvoller Geschichte.

Heute ist die Reichstagskuppel eine der bekanntesten SehenswĂŒrdigkeiten Berlins und Deutschlands, ein Symbol fĂŒr dieses Land oder wie es sich sehen will: transparent, offen fĂŒr die Welt, eine Einladung zum Mitmachen.

Deutschland ist heute eine freiheitliche Demokratie. Ein Land, das von Wahlen, Parlamenten und vielfachen Mitbestimmungsmöglichkeiten geprĂ€gt ist. Manchmal erscheint es wie eine Plattform, auf der jeder sein Leben nach seinen eigenen WĂŒnschen und Vorstellungen gestalten kann. PluralitĂ€t, also Vielfalt kennzeichnet das Leben gerade in den großen StĂ€dten, ist aber ein Grundsatz, der ĂŒberall gilt: Vielfalt der Lebensweisen, Meinungen, Interessen, politischen Ansichten, religiösen Überzeugungen usw.

Dazu gehört, dass jeder die Freiheit hat, diese Möglichkeiten (im Rahmen von Verfassung und Gesetzen) zu nutzen. Unterschiedliche Positionen und Interessen sowie die daraus mitunter entstehenden Konflikte können öffentlich ausgedrĂŒckt werden und das passiert auch stĂ€ndig. Zur letztendlichen Entscheidung kann man Gerichte anrufen, die unabhĂ€ngig urteilen.

3
Bundespolitik = Landespolitik? | Mirko Drotschmann erklÀrt Föderalismus
§

https://www.youtube.com/watch?v=Tzr3nztOo04

Wie funktioniert das politische System Deutschlands? Warum ist die Unterscheidung von Bundes- und Landespolitik so wichtig? (Dieses Video entstand im Jahr 2019 mit einem Bezug zu den Wahlen in ThĂŒringen. Weitere Informationen dazu unter https://wahlen.ljrt.de/.) [08.07.2021]
4

Persönliche Sicht der Autoren

Was macht Deutschland und Deutsche heute aus?

Das politische GrundgerĂŒst der bundesdeutschen Republik ist wichtig, beschreibt aber nicht die Lebenswirklichkeit in Deutschland. Wie hat sich alles entwickelt? Was ist, auch im Vergleich zum alten Deutschland (bis 1945), wichtig zu wissen. Dabei fallen mir vor allem folgende vier Punkte auf:

  • Die deutsche Bevölkerung war nach der NS-Zeit und ihren entsetzlichen rassistischen Verbrechen sehr einheitlich: Es lebten kaum AuslĂ€nder oder Menschen anderer Kultur und Sprache in Deutschland. Die deutsche Gesellschaft war daher sehr homogen. Heute leben Millionen Menschen mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Lebensweisen in Deutschland. Die Deutschen sind insgesamt viel toleranter geworden. In ihrer ĂŒbergroßen Mehrheit empfinden sie kulturelle Vielfalt als Bereicherung, weil sie unterschiedliche Erfahrungen ermöglicht, bei alltĂ€glichen Dingen wie Essen, Trinken und Kleiden, aber auch beim Lernen und Arbeiten.
  • Die Deutschen sind viel friedlicher geworden. Es gehört zu den erstaunlichen und erfreulichen Entwicklungen der Zeit nach 1945, dass der Militarismus aus der deutschen Gesellschaft verschwunden ist. Die Mehrheit der Deutschen kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass wir in Kriege verwickelt sind oder sie sogar selbst entfesseln wĂŒrden. Dieser Pazifismus ist einerseits sehr erfreulich, fĂŒhrt aber auch dazu, dass die Deutschen manchmal zu wenig Interesse an Außenpolitik und der internationalen Verantwortung Deutschlands haben.
  • Den Ă€lteren Vorstellungen von einer einheitlichen Nation und eines starken einheitlichen Staates, die von einer zentralen Regierung gelenkt werden, hĂ€ngen die Deutschen in der Gegenwart deutlich weniger an, als frĂŒher. Viele Deutsche ringen auch mit ihrer nationalen IdentitĂ€t. Braucht man das noch? Oder ist das heute eher unwichtiger geworden? Viele Menschen spiegeln damit auch die zum Teil sehr alten Gewohnheiten des Lebens in Deutschland wieder, das ja auch durch die unterschiedlichen LĂ€nder, Regionen und Dialekte sehr stark geprĂ€gt ist. Sie sehen sich als Bayern, Hessen, ThĂŒringer oder Hamburger, daneben aber auch – mehr oder weniger – als Gesamtdeutsche, zudem als SchwarzwĂ€lder, Frankfurter, Lausitzer oder Kölner.
  • Menschen sehen manchmal in Deutschland sehr stark das Land von Wohlstand und wirtschaftlicher Kraft. Konsum ist vielen Menschen wichtig. Manchmal hat man den Eindruck, die Menschen identifizieren sich ĂŒber ihre EinkĂ€ufe, ihr Auto, ihre Urlaubsreisen. Andererseits sind unglaublich viele Menschen Vereinsmitglieder und engagieren sich ehrenamtlich.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

5

Persönliche Sicht der Autoren

Kulturelle Codes kennen: Die Wirkung kann enorm sein!

Hinweis: Was verstehen wir hier unter einem kulturellen Code? Kulturelle Codes sind nicht das Wissen ĂŒber ein Land, das in BĂŒchern steht. Sie sind bestimmte Verhaltensweisen und GesprĂ€chsweisen zwischen Menschen in ganz privaten Bereichen. Es geht also um das Zwischenmenschliche.
Wir wollen hier nur aus unserer Sicht ĂŒber ein paar Beispiele fĂŒr kulturelle Codes in Deutschland sprechen, wie wir sie empfinden. Viele Menschen werden es anders sehen oder andere Beispiele kennen. Und natĂŒrlich kann man solche persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen auch keinesfalls verallgemeinern: Es trifft eben nicht auf alle Leute zu und man kann also nicht sagen: „Ja. Genau. So sind sie alle, diese Deutschen, Amerikaner oder Italiener!“

Und noch ein Hinweis: Wir, die Autoren dieses Kapitels, haben immer wieder und mitunter sehr leidenschaftlich ĂŒber solche Codes debattiert. Wir haben sehr ernsthaft unsere eigenen Erfahrungen vorgestellt und verteidigt und hatten gleichzeitig viel Spaß dabei, sie von allen Seiten zu betrachten, sie zu bestreiten oder zu unterstĂŒtzen. Also nehmt unsere Debatte ernst und tut es gleichzeitig mit einem Augenzwinkern!

  • Wenn man in ein örtliches GeschĂ€ft geht, das privat gefĂŒhrt wird, deren Mitarbeiter also z. B. auch im Ort leben und anerkannte Mitglieder der BĂŒrgerschaft sind, signalisiert man meistens durch Aussehen, Verhalten und Sprache sehr deutlich, ob man aus dem Ort stammt oder nicht. Menschen gewinnen beim ersten Kennenlernen innerhalb sehr kurzer Zeit einen ersten Eindruck von anderen Menschen. Das geht in Sekunden. Dieser Eindruck ist sinnvoll, aber natĂŒrlich auch sehr ungenau, weil man den Anderen ja noch nicht wirklich kennt. Die Frage ist nun, wie der oder die Neue reagiert. Was sagt er/sie? Wie bewegt er/sie sich? Gewonnen hat jetzt, wer beim Betreten des GeschĂ€fts die ortsĂŒbliche BegrĂŒĂŸung drauf hat: „Ei guude wie?“ – „Frach misch net.“ Und jetzt geht's gleich ganz anders weiter.
  • Geschlechter begegnen sich in Deutschland im Allgemeinen auf Augenhöhe. Wer das nicht tut, fĂ€llt auf. Wer als Deutsche/Deutscher wahrgenommen werden will, flirtet zum Beispiel nicht sehr schnell sehr offensiv mit Frauen/MĂ€nnern.
  • In der Öffentlichkeit begegnen sich Deutsche meistens eher distanziert, zumindest bei den ersten Begegnungen. In vielen anderen Kulturen begegnet man sich hingegen offener, fröhlicher und mit mehr körperlicher NĂ€he.
  • Deutsche haben in der Öffentlichkeit viel weniger deutlich ein „offizielles Gesicht“, das von bestimmten Wirkungsabsichten bestimmt ist: Menschen aus den USA sind z. B. bei ersten Begegnungen und BegrĂŒĂŸungen immer ausgesprochen freundlich und wirken sehr zugewandt. Ein typisches Benehmen in der Öffentlichkeit wird Deutschen kaum beigebracht: Viele von ihnen benehmen sich daher oftmals auch unfreundlich oder lassen ihre Launen an anderen aus.
  • Im Ausland erkennt man Deutsche mitunter daran, dass sie verwundert sind, wenn die Menschen aus anderen LĂ€ndern, die sie treffen, versuchen, die VorzĂŒge „ihrer Nation“ offensiv zu preisen und den GesprĂ€chspartner auf seine nationale Seite zu ziehen.
  • Deutschen wird zugeschrieben, dass sie das Funktionieren des Staates und öffentlicher Einrichtungen lieben. Sie fĂŒllen Formulare aus, weil sie hoffen, dass dann alles pĂŒnktlich, genau und fehlerfrei verlaufen wird. Unordnung mögen Deutsche nicht.
  • Gleichzeitig haben Deutsche aber auch zu allem eine eigene Meinung, zeigen sich mitunter als Besserwisser und nehmen nicht alles hin, was Beamte ihnen sagen: Wenn man von einem Verkehrspolizisten im Straßenverkehr angehalten wird, beginnen Deutsche oftmals ein Spiel. Sie sagen nicht sofort reumĂŒtig: „Ja. Mach ich. Sie haben recht.“ Sie denken sich: „Na. Dann schauen wir mal ...“

Piera Jelinek, Florian Sochatzy, Lukas Epperlein und Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

6
„Wir können nicht immer warten, dass es ein anderer macht. Nein. Wir mĂŒssen es selber machen!“ Johann Thießen von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland ĂŒber freies Denken und selbstbewusstes Handeln.
§

© Digitale Lernwelten GmbH

Arrc

2 Wann ist man denn deutsch?

7
§

Urheber: Grischo

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kassel_-_Bergpark_Wilhelmsh%C3%B6he_-_20170806142238.gif?uselang=de

Cc4BYSA

Ach, ist das romantisch! Sind die Deutschen romantisch? Bist du es?

Bei der Frage nach dem Deutschsein muss man viele Aspekte berĂŒcksichtigen. Klar gibt es objektive Kriterien wie die StaatsbĂŒrgerschaft. Es geht aber noch vielmehr darum, dass man sich zugehörig fĂŒhlt und dafĂŒr sind u. a. folgende Punkte wichtig:

  • Verstehst du die Sichtweisen, die viele Menschen des Landes, in dem du bist, haben? Das betrifft AlltĂ€gliches (Kannst du mit den Nachbarn das Thema Hausordnung regeln?) und Allgemeines (Wie stehst du zur politischen Ordnung des Landes? Welche Einstellung zur deutschen Geschichte hast du?).
  • Isst du das Essen des Landes gern oder zumindest manche Gerichte?
  • Sprichst du die Sprache?
  • SpĂŒrst du etwas beim Anblick einer bestimmten Landschaft oder Stadt?
  • Verbindet man Erlebnisse mit den Menschen und Orten des Landes?
  • WĂŒrdest du dich fĂŒr etwas einsetzen, das dir in dem Land, in dem du lebst, wichtig ist? (Teilnahme an einer Demo fĂŒr eine bestimmte Sache? GrĂŒndung eines Vereins fĂŒr ...? WĂ€hlen gehen? Etc.)
  • Hast du dich in dem Land verliebt? Oder hĂ€ltst du das zumindest fĂŒr möglich?
  • Arbeitest du in dem Land? Bist du dort versichert?
  • Kannst du mit den Traditionen des Landes (Feuerwerk an Silvester, ZuckertĂŒten zum Schulanfang, im Wald wandern gehen, Volksfeste) etwas anfangen oder zumindest mit einigen?

Der zweite wichtige Punkt ist: Halten dich andere fĂŒr deutsch? Wer in Deutschland einen ‚auslĂ€ndischen‘ Namen oder Akzent hat oder eine nicht mitteleuropĂ€ische Hautfarbe, der gilt in den Augen vieler als ‚nicht wirklich deutsch‘ – selbst wenn er alle obigen Kriterien erfĂŒllt. Das ist vor allem deshalb problematisch, weil die Betroffenen dagegen kaum etwas unternehmen können. Allein durch die stĂ€ndigen Fragen und kritischen Blicke wird ihr GefĂŒhl des Deutschseins stĂ€ndig angegriffen.

Deutsche Nation und deutsche Kultur? Eine junge Frau aus Deutschland ohne russlanddeutschen Hintergrund gibt ihre Antworten.

8
Teil 1: Deutschsein Teil 2: Nation Teil 3: Kultur
Was ist fĂŒr dich deutsch oder Deutschsein?
§

© Digitale Lernwelten GmbH

Arrc
Was bedeutet dir die deutsche Nation?
§

© Digitale Lernwelten GmbH

Arrc
Was ist fĂŒr dich deutsche Kultur?
§

© Digitale Lernwelten GmbH

Arrc
Teil 1: Deutschsein Teil 2: Nation Teil 3: Kultur

3 IdentitÀt durch Essen und Trinken, Sprache und Familie, Literatur und Kunst

9
HandkĂ€s mit Musik und Äppelwoi
§

Urheber: Manfred&Barbara Aulbach

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Handk%C3%A4s_mit_Musik_%2B_%C3%84ppelwoi.jpg

Cc3BYSA

HandkĂ€s mit Musik und Äppelwoi – sowas essen und trinken viele Leute in Hessen gern. Ist das jetzt typisch deutsch oder hessisch?

Teller mit Kartoffelsalat und Frankfurter WĂŒrstchen
§

Urheber: WordRidden / Jessica Spengler

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Frankfurter_wuerstchen.jpg

PDBYSA

Frankfurter WĂŒrstchen mit Kartoffelsalat – ist bei vielen Deutschen ein traditionelles Gericht zu Heiligabend.

Die Großen Kaskaden mit dem vorgelagerten Neptunbassin am Herkules im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel, Hessen, Deutschland.
§

Urheber: Baummapper

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bergpark_Wilhelmsh%C3%B6he_-_Gro%C3%9Fe_Kaskaden_2020-05-14_i.JPG?uselang=de

Cc3BYSA

Schlösser und GĂ€rten gibt's fast ĂŒberall in Deutschland. Das hier ist die Große Kaskade am Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel.

10
Russlanddeutscher Dialek.Youtube-Leibedduch-mehr Videos.
§

https://www.youtube.com/watch?v=S4l65UHZVu0

Dialekt und Kochtraditionen – das gehört einfach eng zusammen. [08.07.2021]
11

Buchauszug

Vorwort aus einem Kochbuch der Deutschen aus Russland

Aus den verschiedensten deutschen Landschaften, hauptsĂ€chlich aus Schwaben, Baden und Hessen, sind von 1763 bis 1815 Menschen ausgewandert und haben ihre Kultur ins ferne Russland mitgenommen. Zur Kultur gehören Sitten und GebrĂ€uche, dazu gehört aber auch die Esskultur. Ich könnte mir vorstellen, dass es damals nur vereinzelt KochbĂŒcher gab, sodass die meisten Frauen ihre Rezepte handgeschrieben sammeln mussten. In den Kolonistendörfern wurden die Rezepte von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Heute bringen die Aussiedler die mehr als 200 Jahre ĂŒberlieferten Rezepte in ihre Urheimat zurĂŒck.

NatĂŒrlich haben die Kolonistenfrauen in ihren Siedlungsgebieten auch den Ukrainern und Russen „in den Topf geschaut“ und mit der Zeit Speisen von ihnen ĂŒbernommen. In den ersten Jahren wurden die Speisen allerdings noch so zubereitet, wie man es in der alten Heimat gewohnt war.

Eine große VerĂ€nderung hat die Verbannung nach Sibirien gebracht. In der Notzeit entstanden viele „Rezepte“, außerdem haben die deutschen Frauen auch einige ganz hervorragende Rezepte von Usbeken, Tadschiken, Kirgisen usw. ĂŒbernommen.

In einigen KochbĂŒchern kann man diese Rezepte vereinzelt zwar auch schon finden, aber in dieser Form noch nicht. Dieses Kochbuch soll einerseits den alteingesessenen Russlanddeutschen, die gleich nach dem Krieg nach Deutschland kamen, Rezepte aus ihrer ehemaligen Heimat nahe bringen, andererseits den Neuankömmlingen auch die Rezepte ihrer neuen Heimat vermitteln. Wichtig war mir, dass sich in der Esskultur unserer Landsleute auch ihre Lebensgeschichte spiegelt. Das heißt zum Beispiel, dass sich an den Rezepten die Verbannungsorte der Aussiedler ablesen lassen, deshalb sind die Rezepte ab und zu in kleine Geschichten eingebettet und nicht immer kochbuchĂŒblich angeordnet.

Meine Vorfahren sind 1811 aus Friedrichsfeld, Schwaben, ausgewandert, daher ĂŒberwiegen die schwĂ€bischen Rezepte.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Frauen bedanken, die beim Zustandekommen dieses Kochbuches mitgewirkt haben. Alle Rezepte wurden von verschiedenen Köchinnen ausprobiert und sollten unter dem Motto verwendet werden:

Man nehme... so man hat!

Allen, die dieses BĂŒchlein benutzen werden, wĂŒnsche ich viel Freude beim Ausprobieren der Rezepte und – gutes Gelingen!

Neugierig geworden? Die genauen Angaben zu diesem Kochbuch stehen hier in der Quellenangabe:

Nelly DĂ€s, Kochbuch der Deutschen aus Russland, 5., erweiterte Auflage, Stuttgart 2018, S. 2.

12

Darstellung

Bedeutung der Familie bei Deutschen aus Russland

Die Familie ist bei vielen Deutschen aus Russland eine der wichtigsten Gruppen ihres Lebens. Das hat seine Ursachen u. a. auch im Leben in der Sowjetunion. Dort war die Familie oftmals der einzige RĂŒckzugsort, der nicht von Partei- und Staatseinrichtungen bestimmt war. Auf die Familie konnte man sich verlassen.

Die enge Bindung der Familienmitglieder russlanddeutscher Familien wurde noch dadurch gestÀrkt, dass dort Deutsch gesprochen werden konnte und die deutschen Traditionen gepflegt wurden. Deutsch verstanden die Menschen der Umgebung nicht: Das gab Sicherheit, schuf aber auch Misstrauen und stÀrkte dadurch den Familienverband. Was ist an Familien in Deutschland anders?

  • Die Schutz- und Zufluchtsfunktion der Familie ist in Deutschland nicht so stark gefragt wie in der ehemaligen Sowjetunion.
  • Die Bindungen des erweiterten Familienverbands sind nicht so stark ausgebaut: Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins bilden in Deutschland eigene Familien und man plant und gestaltet sein Leben nicht so eng mit ihnen.
  • Viele Deutsche wohnen zur Miete und nicht in eigenen HĂ€usern. Großeltern und andere Verwandte wohnen oftmals in eigenen Wohnungen und HĂ€usern.
  • Durch diese eher lockeren Familienbindungen haben Hierarchie und die AutoritĂ€t der Älteren in der Familie deutlich abgenommen. (Die AutoritĂ€t und Achtung der Familienmitglieder in russlanddeutschen Familien erkennt man etwa daran, dass Kinder ihre Eltern mit „Sie“ ansprachen und dies zum Teil heute immer noch tun.)
  • Traditionelle Rollenverteilungen in den Familien lassen sich oftmals nicht mehr fortfĂŒhren. Die Ursachen können zum Beispiel mit beruflicher Umorientierung oder der eingeschrĂ€nkten BerufstĂ€tigkeit von Frauen in Deutschland zu tun haben. (Die Ursache dafĂŒr ist die oftmals immer noch mangelhafte Versorgung mit Kinderbetreuungsmöglichkeiten.)

Interesse an der Vertiefung des Themas? Dann sieh zum Beispiel mal hier nach.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

4 Russlanddeutsche aus Sicht der Sozialwissenschaften: Kategorisierungen

13

Vertiefung

Untersuchung ĂŒber Identifikationstypen bei Russlanddeutschen I

Basierend auf dreißig grĂ¶ĂŸtenteils auf Russisch gefĂŒhrten Interviews identifizierte die russische Sozialgeographin Maria Savoskul in einer 2006 publizierten qualitativen Studie drei unterschiedliche Typen von Identifikationen bei SpĂ€taussiedlern, abhĂ€ngig von Faktoren wie dem Alter und dem Zeitpunkt der Einwanderung.

  • Als „echte Deutsche“ fĂŒhlten sich ihren Erkenntnissen nach diejenigen, die schon vor der Massenaussiedlung ab 1988 nach Deutschland gekommen waren, sich sprachlich voll assimiliert und auch die russische Sprache nicht an ihre Kinder weitergegeben haben.
  • „Russlanddeutsche“ sind laut Savoskul hingegen bewusst bikulturell: Sie lernen Deutsch, bewahren aber auch die russische Sprache und brechen den Kontakt in die ehemalige Sowjetunion und zu anderen Russlanddeutschen nicht ab. In der Sowjetunion lebten sie ĂŒberwiegend in ethnisch gemischten urbanen Milieus.
  • Die dritte Gruppe, die Savoskul als „Russaki“ bezeichnet, tun sich schwerer mit ihrem „Dazwischen-Sein“ und leiden unter der mangelnden Akzeptanz als Deutsche in Deutschland. Ihre Integration verlaufe besonders problematisch, sie seien oft sozial isoliert. Dieser Typus war laut Savoskul zum Zeitpunkt ihrer Studie am hĂ€ufigsten und umfasste verschiedene Generationen: Rentner, die fĂŒr die Zukunft ihrer Kinder nach Deutschland gingen, aber selber keinen Anschluss fanden; Erwachsene zwischen 30 und 50, die in Deutschland soziale Deklassierung und Statusverlust erlebten; aber auch „mitgenommene“ Kinder und Jugendliche, die sich in eigenethnische Cliquen zurĂŒckzogen.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Savoskul kannst du hier genauer nachlesen: Maria Savoskul, Russlanddeutsche in Deutschland: Integration und Typen der ethnischen Selbstidentifizierung, in: Sabine Ipsen-Peitzmeier, Markus Kaiser (Hg.), Zuhause fremd – Russlanddeutsche zwischen Russland und Deutschland, Bielefeld 2006, S. 197–221.

Jannis Panagiotidis, IdentitĂ€t und EthnizitĂ€t bei BundesbĂŒrgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

14

Vertiefung

Untersuchung ĂŒber Identifikationstypen bei Russlanddeutschen II

Die Kulturwissenschaftlerin Olga Kurilo nimmt mit anderen Begriffen eine ganz Àhnliche Kategorisierung vor:

  • Die „echten Deutschen“ heißen bei ihr „Deutsche in Russland“, Menschen, die zwar in Russland leb(t)en, sich dort aber kaum assimilierten.
  • Die „Russaki“ nennt sie „deutsche Russen“, Menschen deutscher Herkunft, die aber in russischsprachigen Milieus aufgewachsen sind.
  • Savoskuls „Russlanddeutsche“ nennt Kurilo „Russische Deutsche“, Menschen hybrider kultureller Zugehörigkeit. Im Unterschied zu Savoskul bezeichnet sie diesen Typus aber als den hĂ€ufigsten.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Kurilo kannst du hier genauer nachlesen: Olga Kurilo, Russlanddeutsche als kulturelle Hybride. Schicksal einer Mischkultur im 21. Jahrhundert, in: Markus Kaiser/Michael Schönhuth (Hg.), Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, S. 53–72. Siehe auch: Olga Kurilo, Die Lebenswelt der Russlanddeutschen in den Zeiten des Umbruchs: 1917–1991: ein Beitrag zur kulturellen MobilitĂ€t und zum IdentitĂ€tswandel, Essen 2010.

Jannis Panagiotidis, IdentitĂ€t und EthnizitĂ€t bei BundesbĂŒrgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

15

Vertiefung

Untersuchung ĂŒber Identifikationstypen bei Russlanddeutschen III

Die Sozialwissenschaftlerin Svetlana Kiel wiederum konstruierte auf Grundlage von Mehrgenerationeninterviews mit insgesamt sieben aufgrund ihrer unterschiedlichen Eigenschaften ausgewÀhlten Familien (akademisch und nicht-akademisch gebildet, religiös, ethnisch gemischt u. a.) eine nuanciertere Typologie von Selbstidentifikationen, die stÀrker auf generationelle Unterschiede sowie Faktoren wie Religion und Bildung eingeht.

  • Der erste Typus sind (SpĂ€t-)Aussiedler, die sich als „nicht-richtig deutsch“ empfinden. Dies sind vor allem Angehörige der Großelterngeneration, die sich in der Sowjetunion als Deutsche verstanden, diese IdentitĂ€t in Deutschland nun aber in Frage gestellt sehen und sich so in eine negative Eigendefinition gedrĂ€ngt sehen.
  • Der zweite Typus, Deutsche mit „russischem Glanz“, hat oft einen akademischen Hintergrund und sehen, ganz Ă€hnlich wie Savoskuls „Russlanddeutsche“, ihre BikulturalitĂ€t als einen Vorteil.
  • Deutsche „mit Makel“ kommen hingegen eher aus nicht-akademischen Milieus und sehen BikulturalitĂ€t und gemischte Herkunft als ein Problem oder gar ein Stigma.
  • Als „wahre Deutsche“ identifizieren sich laut Kiel die in Baptisten- oder Pfingstlergemeinden organisierten strengglĂ€ubigen russlanddeutschen (SpĂ€t-)Aussiedler, die sich aufgrund ihrer konservativen Werte und strengen GlaubenssĂ€tze als „deutscher“ als die Einheimischen empfinden.
  • Und schließlich nennt Kiel als fĂŒnften Typus noch die „sowjetischen Leute“, Angehörige von ethnisch gemischten Familien, fĂŒr die sich auch nach der Aussiedlung die Notwendigkeit gar nicht ergibt, exklusiv deutsch zu sein.

Literatur:
Die Untersuchungen von Frau Kiel kannst du hier genauer nachlesen: Svetlana Kiel, Heterogene Selbstbilder: IdentitĂ€tsentwĂŒrfe und -strategien bei russlanddeutschen (SpĂ€t-)Aussiedlern, in: Markus Kaiser/Michael Schönhuth (Hg.), Zuhause? Fremd? Migrations- und Beheimatungsstrategien zwischen Deutschland und Eurasien, Bielefeld 2015, S. 73–89. Siehe auch: Svetlana Kiel, Wie deutsch sind Russlanddeutsche? Eine empirische Studie zur ethnisch-kulturellen IdentitĂ€t in russlanddeutschen Aussiedlerfamilien, MĂŒnster 2009.

Jannis Panagiotidis, IdentitĂ€t und EthnizitĂ€t bei BundesbĂŒrgern mit russlanddeutschem Hintergrund, in: Dossier Russlanddeutsche (https://www.bpb.de/gesellschaf... [14.1.2019]), bearbeitet von Marcus Ventzke.

16

Und du?

Beschreibe deine IdentitÀt. Nutze dabei auch die Informationen und Anregungen dieses Kapitels.

Hinweise:

  • Du kannst dich dazu auch gern vorher mit deinen Freunden, Geschwistern oder Eltern austauschen.
  • Mach dir Notizen zu den Punkten, die dir wichtig sind.
  • Nimm deine Sichtweise mit dem AudiogerĂ€t auf.

5 Zusammenfassung

17

Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie man Deutschland heute eigentlich beschreiben kann bzw. was nationale IdentitÀt eigentlich ausmacht.

18
Politische Definition Deutschsein Essen, Sprache, Kultur
Reichstagskuppel Berlin mit Deutschlandfahne und Besuchern
§

Urheber: AC Almelor @acalmelor

https://unsplash.com/photos/9HiCRY11-CI

PDBYSA

Deutschland ist heute eine freiheitliche Demokratie. Ein Land, das von Wahlen, Parlamenten und vielfachen Mitbestimmungsmöglichkeiten geprĂ€gt ist. Unterschiedliche Positionen und Interessen sowie die daraus mitunter entstehenden Konflikte können öffentlich ausgedrĂŒckt werden. Zur letztendlichen Entscheidung kann man Gerichte anrufen, die unabhĂ€ngig urteilen.

§

Urheber: Grischo

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kassel_-_Bergpark_Wilhelmsh%C3%B6he_-_20170806142238.gif?uselang=de

Cc4BYSA

Deutsch zu sein und sich als deutsch zu empfinden hĂ€ngt nicht nur an der StaatsbĂŒrgerschaft. Es geht dabei um Fragen, ob man die Sprache beherrscht, sich fĂŒr das Land interessiert und sich dort wohlfĂŒhlt. Und es geht darum, ob einen andere Deutsche als deutsch ansehen oder einem stĂ€ndig das GefĂŒhl geben, nicht wirklich deutsch zu sein.

HandkĂ€s mit Musik und Äppelwoi
§

Urheber: Manfred&Barbara Aulbach

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Handk%C3%A4s_mit_Musik_%2B_%C3%84ppelwoi.jpg

Cc3BYSA

Nationale und regionale IdentitĂ€t macht sich aber vielleicht am stĂ€rksten an Dingen wie Essen, Dialekt (also Sprache) und Erinnerungen fest. Menschen, die mit denselben Gerichten oder Dialektworten aufgewachsen sind, fĂŒhlen sich gerade deshalb oft besonders verbunden.

Politische Definition Deutschsein Essen, Sprache, Kultur