6.5 Russlanddeutsche Sowjetbürger

I took this picture in March 2004 in western Kazakhstan.
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Urheber: Carole

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Steppe_of_western_Kazakhstan_in_the_early_spring.jpg

cc3 BY SA

Die kasachische Steppe – Eine neue Heimat?

6.5 Russlanddeutsche Sowjetbürger

1

1945 war der Zweite Weltkrieg vorbei – die Sowjetunion hatte unter schweren Verlusten gewonnen und feierte ihren Sieg. Aber war dies auch der Sieg der russlanddeutschen Sowjetbürger, hatten auch sie Grund zu feiern? Würde das Misstrauen, die Verfolgung und Misshandlung nun endlich ein Ende haben? Inwieweit konnte es für die Russlanddeutschen überhaupt eine Nachkriegsnormalität in einem Land geben, dass sich ihnen gegenüber so feindselig verhalten hatte?

1 Unterdrückung der Russlanddeutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

2
Diagramm, dass die Entwicklung der Gefangenenzahlen im sowjetischen Gulag-System  bis in die Mitte der 1960er Jahre zeigt
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https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Evolution_nombre_de_prisonniers_du_Goulag.png

PD

Entwicklung der Gefangenenzahlen im Gulag-System der Sowjetunion

Die Lebensumstände der deportierten Russlanddeutschen verbesserten sich nach dem Krieg nur sehr langsam. Die Verpflichtung zur Arbeit unter militärischen Bedingungen in der Trudarmee wurde erst Ende 1946 aufgehoben. Die 'Arbeitssoldaten' durften aber weiterhin ihre Arbeitsplätze nicht verlassen und mussten sich in regelmäßigen Abständen bei der Geheimdienst-Kommandantur melden und wurden auch auf anderen Wegen überwacht. Im Jahr 1948 beschloss der Oberste Sowjet, die Deportation nicht rückgängig zu machen. Die vertriebenen Deutschen und Angehörige anderer Völker sollten also dauerhaft im Gebiet ihrer 'Sondersiedlungen' bleiben. 1949 zählte das NKWD 1.035.701 deutsche 'Sondersiedler'. Ihre Zukunft war ungewiss. Viele lokale Partei- und Verwaltungsbehörden der Sowjetunion misstrauten ihnen noch lange und wollten auf ihre Arbeitskraft auch nicht verzichten.

3

Erklärung

Verbannung

Von Verbannung spricht man, wenn ein Mensch aus seiner Heimat vertrieben und gezwungen wird, an einem anderen Ort zu leben. In der russlanddeutschen Geschichte bezieht sich Verbannung vor allem auf die Orte, an denen sie nach der Deportation aus ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten leben mussten, da die Russlanddeutschen diese Orte nicht selbst gewählt hatten und ihnen eine Rückkehr verboten war.

Lukas Epperlein, Digitale Lernwelten

4
Verbannte 1954, Inv.Nr.: 2017/424
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold (mit freundlicher Genehmigung)

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei_f74072827378f3

arrc

Russlanddeutsche 1954 bei der Holzarbeit (Gebiet Kostroma)

Zwangsarbeiter 1952 Archangelsk
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte (mit freundlicher Genehmigung)

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei

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Russlanddeutsche Zwangsarbeiter 1952 bei Archangelsk

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demilierter Kopf des Stalindenkmals in Budapest während des Aufstands in Ungarn gegen die kommunistische Herrschaft
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Urheber: Fortepan adományozó HOFBAUER RÓBERT

https://de.wikipedia.org/wiki/Stalin-Denkmal_(Budapest)#/media/Datei:1956_a_budapesti_Szt%C3%A1lin-szobor_elgurult_feje_fortepan_93004.jpg

cc3 BY SA

Zerstörtes Stalindenkmal in Budapest 1956 – nach Stalins Tod

Im März 1953 starb J. Stalin. Im September 1955 führte die bundesdeutsche Regierung unter Konrad Adenauer Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung über eine erste Normalisierung ihrer Beziehungen. Im Ergebnis der Verhandlungen durften die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehren. Über die Ausreise von etwa 130.000 (verschleppten) Zivilpersonen wurde im Zusammenhang mit den Verhandlungen ebenfalls gesprochen, diese kam aber nicht zustande. In der Folge durften immer nur kleine Gruppen Deutscher nach Deutschland ausreisen. Das Schicksal der Russlanddeutschen fand als Folge der Verhandlungen jedenfalls wieder mehr Beachtung. Ende 1955 wurde in der Sowjetunion das Kommandantursystem aufgehoben. Die Russlanddeutschen durften die „Sondersiedlungen" verlassen und nach ihren Angehörigen suchen. In ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete durften sie jedoch immer noch nicht zurückkehren.

6
Die Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg
§

Urheber: Robert Trautmannsberger, Institut für digitales Lernen

http://institut-fuer-digitales-lernen.de/

cc4 BY SA

Gebiete, in denen Russlanddeutsche nach 1945 lebten.

7
Die Russlanddeutsche Swetlana Paschenko über Deutschsein in der sowjetischen Nachkriegszeit
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© Digitale Lernwelten GmbH

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8
Der Russlanddeutsche Erwin Vetter über Deutschsein in der sowjetischen Nachkriegszeit
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© Digitale Lernwelten GmbH

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9
Der Russlanddeutsche Thießen über Deutschsein in der sowjetischen Nachkriegszeit
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© Digitale Lernwelten GmbH

arrc
10

Quelle

Dekret des Obersten Sowjets über die Dauerhaftigkeit der Deportationen (1948)

Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die [...] während des Krieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren und anderen sowie in Anbetracht der Tatsache, daß bei ihrer Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird festgelegt, daß die obengenannten Personen in diese fernen Regionen auf ewig ausgewiesen sind, ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte aberkannt. – Für den eigenmächtigen Wegzug (Flucht) aus den Orten ihrer Pflichtansiedlung sind die Schuldigen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu ziehen. Als Strafzumessung [...] sind zwanzig Jahre Zwangsarbeit anzusetzen.

Regime: Das Wort meint hier die Überwachung und Unterdrückung der Zwangsumgesiedelten an ihren neuen Orten.
Tschetschenen, Karatschaier, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutsche, Krimtataren: Völker, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befanden und die ganz oder teilweise aus ihrer Heimat deportiert worden waren.

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 307, S. 311 f.

Unterschiedliche deutsche Reaktionen auf Stalins Tod 1953

11 Zeitzeugenbericht eines Kriegsgefangenen Bericht im Fernsehen der DDR
Lothar Scholz (7): Hoffen auf Stalins Tod
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https://www.youtube.com/watch?v=orOAH2AdsPw

[09.07.2021]
Sonderbericht zum Tode Stalins (Der Augenzeuge 11/1953)
§

https://www.youtube.com/watch?v=W7RzYRFklmk

[09.07.2021]
12

Der Bericht aus dem DDR-Fernsehen oben (zweiter Tab) ist ein klassisches Beispiel für staatliche Propaganda. Wenn du zu diesem Thema mehr erfahren willst, findest du im Kapitel 8.5 mehr Informationen.

13

Quelle

Dekret des Obersten Sowjets über die Aufhebung der Kommandantur-Aufsicht

Es wird festgestellt, daß die Aufhebung der durch die Sondersiedlung bedingten Einschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des Vermögens, das bei der Verschickung konfisziert worden ist, zur Folge hat und daß [die Deutschen] nicht das Recht haben, in die Orte zurückzukehren, aus denen sie ausgesiedelt worden sind.

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 399, S. 454 f.

2 Anpassung und bessere Lebenschancen

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© Johann Thießen, Privatarchiv

arrc

Der heutige Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland Johann Thießen als Junge in den 1960er Jahren in der Sowjetunion ...

Nach dem Tod des Diktators Stalin 1953 und mit der folgenden Entstalinisierungspolitik in der Sowjetunion verbesserte sich Stück für Stück auch das Leben der Russlanddeutschen. Dazu trug auch die wirtschaftliche Modernisierung des Landes in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Russlanddeutsche lebten nun in jenen neuen Gebieten Sibiriens, Kasachstans oder Kirgisiens, in die sie die Deportation verschlagen hatte. In ihrem Umfeld begegnete man ihnen einerseits mit Misstrauen, weil sie Deutsche waren und die Sowjetunion im Weltkrieg von Deutschland angegriffen worden war, andererseits wurden sie wegen ihrer Arbeitsamkeit und Verlässlichkeit auch immer mehr geschätzt. In der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik bemühten sich die kommunistischen Machthaber sogar um russlanddeutsche Bürger, weil sie deren Fähigkeiten bei der Gestaltung des Landes nutzen wollten.

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© Johann Thießen, Privatarchiv

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... und als Medizinstudent.

Im Jahr 1955 wurde im Altai-Gebiet die erste deutsche Zeitung nach dem Krieg zugelassen. Seit 1957 gab es eine landesweite deutschsprachige Wochenzeitung der Russlanddeutschen, die 'Neues Leben'. Wie alle Veröffentlichungen oder kulturellen Veranstaltungen in der Sowjetunion wurde aber auch diese Zeitung kontrolliert und gezwungen, die staatliche Propaganda zu verbreiten. Zur Lockerung der Politik gegenüber den Russlanddeutschen gehörten zudem die Zulassung deutscher Rundfunksendungen, Theatervorführungen und die Erlaubnis zur Eröffnung kultureller Einrichtungen.

Deutsche Schulen, wie sie die Russlanddeutschen sich gewünscht hätten, wurden nicht erlaubt. Im Jahr 1957 wurde jedoch muttersprachlicher Deutschunterricht für russlanddeutsche Schüler eingeführt. Im Jahr 1972 beschlossen die sowjetischen Machthaber sogar eine formale Bewegungsfreiheit für alle unterdrückten Minderheiten und Volksgruppen. Im alltäglichen Leben änderte sich dadurch jedoch kaum etwas, weil die Menschen umfangreiche Melde-, Pass- und Arbeitsgesetzgebungen zu beachten hatten, wenn sie ein Gebiet verlassen wollten.

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Das Video zeigt Alexander Kühl, dessen Eltern durch den Deportationsbefehl 1941 betroffen waren und in den Ural gehen mussten. Er berichtet u. a. über die Langzeitfolgen der Deportation für die Kinder der Deportierten, die nach 1945 geboren wurden und in der Sowjetunion aufwuchsen.
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© mit freundlicher Genehmigung des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold

arrc
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Soviet Premier Nikita Khrushchev in Vienna.
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Urheber: Unbekannt; Farbe: Militaryace; Credit: John Fitzgerald Kennedy Library

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nikita_Khruchchev_Colour.jpg

PD

Nikita Chruschtschow (1894–1971) wurde der Nachfolger Josef Stalins als Staatschef der Sowjetunion.

“Nikita Khrushchev, Valentina Tereshkova, Pavel Popovich and Yury Gagarin at Lenin Mausoleum”. Nikita Khrushchev (right), first secretary of the CPSU Central Committee, and cosmonauts Valentina Tereshkova, Pavel Popovich (center) and Yuri Gagarin at the Lenin Mausoleum during a demonstration dedicated to the successful space flights of the Vostok-5 (Valery Bykovsky) and Vostok-6 (Valentina Tershkova) spacecraft. [See #67477]
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Urheber: RIA Novosti archive, image #159271 / V. Malyshev

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:RIAN_archive_159271_Nikita_Khrushchev,_Valentina_Tereshkova,_Pavel_Popovich_and_Yury_Gagarin_at_Lenin_Mausoleum.jpg

cc3 BY SA

Aufbruch in der Sowjetunion? Chruschtschow rechnete mit seinem Vorgänger Stalin in einer Geheimrede vor führenden Genossen ab. Er trat volkstümlich auf. Das Bild zeigt Chruschtschow (ganz rechts) in einem lockeren Gespräch u. a. mit dem sowjetischen Kosmonauten Jurij Gagarin (ganz links).

Joseph Stalin and Nikita Khrushchev, January 1936.
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Urheber: Unbekannt; Upload: Eugene Zelenko from "Сталин. К шестидесятилетию со дня рождения." Москва, Правда, 1940.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Joseph_Stalin_and_Nikita_Khrushchev,_1936.jpg

PD

Stalin und Chruschtschow aber hatten über viele Jahre zusammengearbeitet. Das Bild zeigt sie im Jahr 1936 im Gespräch.

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Quelle

Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 26.11.1948: Auf ewige Zeiten ausgewiesen!

Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die vom Obersten Machtorgan der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschajer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren u.a. sowie in Anbetracht der Tatsache, dass bei ihrer Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird festgelegt, dass die o.g. Personen in diese fernen Regionen auf ewig ausgewiesen sind; ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte aberkannt.

(Auszug aus dem Erlass)

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Darstellung

Quälend langsame Normalisierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges

  • zunächst "ewige Verbannung" in den Verbannungsorten und ständige Sonderkommandantur; Drohung mit 20 Jahren Zwangsarbeit bei eigenmächtigem Verlassen der Verbannungsorte (1948)
  • keine Ausweispapiere für Russlanddeutsche, nur Deportierungsscheine, Kinder durften nur russische Kindereinrichtungen besuchen
  • Aushändigung von Pässen im März 1955
  • Aufhebung der Meldepflicht bei der Kommandantur im Dezember 1955
  • keine Rückgabe des entzogenen Vermögens
  • keine Rückkehrmöglichkeit in die ursprünglichen Siedlungsgebiete an der Wolga, in der Ukraine, auf der Krim usw.
  • fast vollständige Verweigerung einer Ausreise nach Deutschland (Ausnahme 1951: 1.721 Menschen durften ausreisen)
20

Quelle

Stalins Nachfolger kritisiert dessen Umsiedlungspolitik

Hinweis: Der Text ist ein Ausschnitt aus einer Rede, die Nikita Chruschtschow 1956 vor wichtigen Mitgliedern der KPdSU hielt.

Genossen! Beschäftigen wir uns mit einigen anderen Tatsachen. Die Sowjetunion wird zu Recht als Musterbeispiel eines multinationalen Staates angesehen, denn bei uns wurden in der Praxis Gleichheit und Freundschaft aller Völker gewährleistet, die unsere große Heimat bewohnen.

Um so ungeheuerlicher sind die Aktionen, deren Initiator Stalin war und die eine brutale Vergewaltigung der grundlegenden Leninschen Prinzipien der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates waren. Die Rede ist von der Massenumsiedlung ganzer Völker aus ihren heimatlichen Orten, darunter auch aller Kommunisten und Komsomolzen ohne jede Ausnahme, wobei derartige Aussiedlungsaktionen durch keinerlei militärische Beweggründe diktiert waren. [...]

Nicht nur für Marxisten-Leninisten, sondern für jeden vernünftig denkenden Menschen ist es unverständlich, wie man die Verantwortung einzelner Personen oder Gruppen für feindliche Handlungen auf ganze Völker übertragen konnte, Frauen und Kinder, Alte, Kommunisten und Komsomolzen nicht ausgenommen, wie man ihnen gegenüber Massenrepressalien anwenden und sie Entbehrungen und Leiden aussetzen konnte.

21

3 Entschuldigt sich die Sowjetunion?

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Im Jahre 1964 wurden die Russlanddeutschen durch einen Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion teilweise rehabilitiert. Damit war der Generalverdacht gegen eine ganze Volksgruppe aufgehoben, die Sowjetunion verraten zu wollen und Anhänger der deutschen Nationalsozialisten zu sein.

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Quelle

Rehabilitation der deutschen Bevölkerung?

Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben" wurden gegenüber großen Gruppen von deutschen Sowjetbürgern Anschuldigungen erhoben, den faschistischen deutschen Landräubern aktive Unterstützung und Vorschub geleistet zu haben.
Das Leben hat erwiesen, dass diese pauschal erhobenen Anschuldigungen haltlos und Ausdruck der angesichts des Personenkults um Stalin herrschenden Willkür waren. In Wirklichkeit hat die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gemeinsam mit dem ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg der Sowjetunion über das faschistische Deutschland beigetragen, und in den Nachkriegsjahren beteiligte sie sich aktiv am kommunistischen Aufbau.
Das Präsidium des Obersten Sowjet beschließt:

  1. Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 'Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben' [...] wird in dem Teil aufgehoben, der pauschal erhobene Anschuldigungen gegen die deutsche Bevölkerung, die in den Wolga-Rayons lebte, enthält.
  2. In Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung in ihren neuen Wohngebieten auf dem Territorium einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes fest integriert ist, und die Rayons ihres früheren Wohnsitzes besiedelt sind, werden die Ministerräte der Unionsrepubliken zwecks einer weiteren Entwicklung der Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der auf dem Territorium dieser Rayons lebenden deutschen Bevölkerung auch weiterhin Hilfe und Unterstützung beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung ihrer nationalen Eigenart und ihrer Interessen zu gewähren.

pauschal: allgemein, alle betreffend, nicht auf den Einzelfall bezogen
Personenkult: übertriebene Verehrung einer Person; in der Politik: die Betonung der Wichtigkeit einer politischen Führungsfigur, der sich Menschen unterwerfen sollen
Willkür: unberechenbares Verhalten Einzelner, die die Macht haben, Entscheidung zu treffen, die von Gesetzen nicht gedeckt sind

Diagramm 1 – Russlanddeutsche 'Mischehen' (1920er–1990er)

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Diagramm 'Mischehen' in der UdSSR 1920er-1990er
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Urheber: Tobias Arendt; Institut für digitales Lernen

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Gottesdienst auf dem Friedhof, InvNr.: 2017/205
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_fotos_hohe_aufl_sungtei

arrc

Die russlanddeutsche Gemeinde von Duschanbe 1975 bei einem Gottesdienst auf dem Friedhof. Der Gottesdienst selbst war nicht verboten, die Nutzung des Gebetsraums schon.

4 Fallstudie: Der Erfolg des russlanddeutschen Bauern Jakob Hering in der Sowjetunion

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Darstellung

Das Leben Jakob Herings: erfolgreicher Russlanddeutscher oder Vorzeige-Kommunist?

  • Jakob Hering wurde am 29. Februar 1932 in Katharinenfeld, später Luxemburg, heute Bolnissi, in Georgien geboren.
  • Herings Eltern waren Bauern und Nachfahren schwäbischer Kolonisten. Sein Großvater war Bauingenieur und arbeitete auf Ölfeldern in Aserbaidschan, Iran und in Afrika.
  • 1938 wurde der Vater Jakobs, Herman Hering, während des Terrors der Stalin-Zeit verhaftet.
  • 1941 musste auch der junge Jakob Hering sein Heimatdorf verlassen. Der Krieg und Stalins Politik zwangen die Herings von Georgien nach Kasachstan umzusiedeln.
  • Dort lebte und arbeite die Familie Hering gemeinsam mit anderen deportierten Landsleuten in der Stalin-Kolchose.
  • Jakob war ein aufgewecktes Kind: Bereits mit dreizehn Jahren war er für das Heizhaus einer Textilfabrik verantwortlich.
  • Mit 16 Jahren wurde Jakob in die sogenannte "Trudarmee" (Arbeitsarmee) einberufen. Er kam in die Kirow-Kohlengrube, die dem KarLAG, der Karagandaer Filiale des GULAG-Systems, unterstand.
  • Bis 1948 arbeitete der minderjährige Hering in der Kohlengrube unter schwierigsten Bedingungen. Es gab Grubenunglücke und viele Arbeiter starben. Sicherheitsvorkehrungen gab es kaum.
  • Er wurde verletzt und war gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Daher musste er nach seiner Entlassung aus dem Lager ein ganzes Jahr lang im Krankenhaus liegen.
  • Er begann Schulstoff nachzuholen.
  • Nach dem Tod Stalins begann Hering am veterinärmedizinischen Technikum von Pawlodar ein Studium, das er 1956 erfolgreich beendete.
  • Als Tierarzt ging er in die Kolchose nach Konstantinowka und arbeitete dort unter dem Kolchosvorsitzenden Jakob Brecht als Zootechniker.
  • Er wurde zum Sekretär der Kommunistischen Jugendorganisation (Komsomol) des Kolchos gewählt.
  • 1959 wurde Hering vom Rayon-Komitee der Kommunistischen Partei zum Vorsitzenden der Kollektivwirtschaft mit dem Namen "30 Jahre Kasachische SSR" ernannt.
  • Hering war voller Tatendrang und wollte die Kolchose ausbauen. Er ließ nach Wasser bohren, weil es an Wasser fehlte, um die Produktion ausweiten zu können. Im Jahr 1960 stießen die Bohrungen auf Wasser. Mehrere Brunnen versorgten nun die Kolchose. Hering baute eine erfolgreiche und in der ganzen Sowjetunion bekannte Pflanzen- und Tierproduktion auf.
  • Er wurde als Deputierter in den Obersten Sowjet der Kasachischen SSR, später in den Obersten Sowjet der Sowjetunion gewählt. Auf Parteitagen der KPdSU vertrat er die Kasachische Republik. Im Jahr 1966 bekam er den Ehrentitel "Held der Sozialistischen Arbeit" für die erfolgreiche Entwicklung der Landwirtschaft Kasachstans. Hinzu kam mit dem "Goldenen Stern" die höchste Auszeichnung der Sowjetunion.
  • 1974 gründete Jakob Hering das erste deutsche Folklore-Ensemble nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. Es hieß "Ährengold".
  • In Konstantinowka wurde auch ein Heimatmuseum eingerichtet, das u. a. Gebrauchsgegenstände der Bauernfamilien und die Geschichte der deutschen Einwanderung nach Kasachstan dokumentierte.
  • Die Kolchose Herings beteiligte sich jährlich an der Prämierung der besten literarischen Werke sowjetdeutscher Autoren mit Geldpreisen. Die Zeitung "Freundschaft", die seit 1966 für die deutsche Bevölkerung Kasachstans herausgegeben wurde, unterstützte Hering intensiv. Von den Bauern in Konstantinowka verlangte er sogar, die "Freundschaft" zu abonnieren, egal ob sie die deutsche Sprache verstanden oder nicht.
  • Jakob Hering starb im November 1984 an einem Herzanfall. Er wurde auf dem Dorffriedhof beigesetzt. Dessen Tor und Mauer hatte er erst zwei Monate vor seinem Tod errichten lassen. Das schwarze Tor hatte drei Kreuze. Die lutherische und zwei baptistische Gemeinden sangen am Sarg die Seelenmesse.

Verschriftlicht auf der Grundlage eines Gesprächs mit Katharina Neufeld (Museumleiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold) von Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten.

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Jakob Hering, Ernte, Feldwirtschaft, Technik
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© Foto: Museum für russlanddeutsche Kultur in Detmold

http://www.russlanddeutsche.de/

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In der von Jakob Hering geführten Kolchose wurde die Bearbeitung der Felder mit Maschinen vorangetrieben.

Jakob Hering/Göring Landwirtschaft
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http://www.russlanddeutsche.de/de/

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Moderne Bewässerungsanlagen machten eine effektive Bewirtschaftung auch in klimatisch schwierigen Gegenden möglich.

Jakob Hering, Kulturhaus
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© Foto: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

http://www.russlanddeutsche.de/

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Aufnahme des Kulturhauses der Kolchose Jakob Herings.

Jakob Hering, Kindergarten, Kolchose
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© Foto: Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte

http://www.russlanddeutsche.de/

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Jakob Hering ließ in seiner Kolchose auch Wohnungen und Sozialeinrichtungen für die Bauern errichten. Hier sieht man den Kindergarten (Aufnahme aus den 1980er Jahren).

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Darstellung

Der berufliche Erfolg Jakob Herings

Um Konstantinowka herum entstanden Speicherseen und Teiche. Fisch- und Geflügelzuchtanlagen folgten. Das mineralhaltige Wasser wurde zugleich für die Errichtung einer Mineralwasserfabrik genutzt. Diese produzierte in ihren besten Zeiten bis zu vier Millionen Flaschen im Jahr. Dann folgten eine Wurstfabrik, eine Ziegelfabrik und Gewächshäuser, die Pawlodar mit Gurken, Tomaten und Blumen versorgten. Auf Initiative des Kolchosvorsitzenden begannen die Deutschen in Konstantinowka auch Kamele zu züchten, deren Wolle und besonders deren heilkräftige Milch in Kasachstan sehr gefragt sind.

Hering holte begabte Ingenieure, Ärzte, Agronomen und andere Spezialisten nach Konstantinowka. Dort bekamen sie hohe Gehälter, attraktive Wohnungen und kolchoseigene Autos zur privaten Nutzung. Die Versorgung mit preiswerten Lebensmitteln war gesichert. Dazu wurden neue Wohnsiedlungen errichtet. Die Kolchose betrieb auch Kindergarten und Schule.

Die Kolchose „30 Jahre" wurde berühmt. Presse und Fernsehen berichteten über sie. Über die landwirtschaftlichen Erfahrungen mit der Bewässerung von Ackerflächen ließen sich viele Kolchos-Vorsitzende aus dem ganzen Land informieren. Reisende bewunderten die Wirtschaft, die Pfauen in den Volieren und die Tiere im Dorfzoo. Jakob Hering wurde mit seinen Kamelen und Bären sogar zu einem sowjetischen Filmstar. Drei Dokumentarfilme wurden über Konstantinowka gedreht, darunter ein Streifen mit dem Titel: „Wozu braucht ein Kolchos Bären?"

Jakob Hering, Deputierter in Moskau
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Urheber: Institut für digitales Lernen

cc4 BY SA
Jakob Hering als Abgeordneter in Moskau.
Jakob hering/Göring Büro
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Urheber: Institut für digitales Lernen

http://www.russlanddeutsche.de/de/

cc4 BY SA
Der Kolchos-Vorsitzende Hering an seinem Schreibtisch.

Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold.

5 Deutsche in der Sowjetunion der 1980er Jahre: Freiräume, Assimilation, eine multikulturelle Zukunft?

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Deutsches Schauspieltheater Temirtau/Alma-Ata vor 40 Jahren gegründet
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https://www.youtube.com/watch?v=QYl2c53Re9o

Eine Dokumentation über das 1980 im kasachischen Temirtau gegründete Deutsche Theater [09.07.2021]
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Plakat
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_dokumente_hohe_aufl_sun

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Theaterplakat des deutschen Theaters in Kasachstan (1986): Seit 1979 existierte dort eine deutschsprachige Bühne – erst in der Stadt Temirtau (bei Karaganda), später in Alma Ata (heute: Almaty), der Hauptstadt der Kasachischen SSR.

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§

© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

http://www.russlanddeutsche.de/

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Informationszettel des Deutschen Schauspieltheaters in deutscher Sprache.

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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

http://www.russlanddeutsche.de/

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Einladung zum Kennenlernen unterschiedlicher nationaler Traditionen und Kulturen – In der Sowjetunion war das in den 1980er Jahren neu.

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§

© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

http://www.russlanddeutsche.de/

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Theaterplakat des deutschen Theaters: Der Spielplan wies nicht nur Stücke deutscher Klassiker (Friedrich Schiller, Bertolt Brecht) aus, sondern auch neuere Stücke russlanddeutscher Künstler, die sich mit dem Leben und dem Schicksal der Russlanddeutschen beschäftigten (Viktor Heinz: "Auf den Wogen der Jahrhunderte").

31

Das Leben der Russlanddeutschen wurde auch in den 1980er Jahren von den Entwicklungen in der Sowjetunion bestimmt. Nach dem Tode Leonid Breschnews (1906–1982), der die UdSSR von 1964 bis 1982 geführt hatte, geriet die Sowjetunion immer mehr in eine politische Krise. Die Entwicklung der Wirtschaft stagnierte. Sie fiel im internationalen Wettbewerb immer mehr zurück. Gleichzeitig verschlangen die Hochrüstung und die Aufrechterhaltung der sowjetischen Weltmachtposition jedoch Unsummen.

Häuser von Russlanddeutschen in Marx (Marks), Oblast Saratov
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© LBHS, 6.8.2015

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Häuser von Russlanddeutschen in Marx (russ. Маркс), bis 1920 Katharinenstadt, Oblast Saratow.

Wohnhaus Russlanddeutsche in Marks (Marks), Oblast Saratov
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© LBHS 6.8.2015

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Wohnhaus Russlanddeutscher in Marks (russ. Маркс), bis 1920 Katharinenstadt, Oblast Saratow.

Haus in Marx (Marks) Katharinenstadt, Oblast Saratov
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© LBHS 8.8.2015

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Haus in Marx (russ. Маркс), bis 1920 Katharinenstadt, Oblast Saratow.

Galerie: Eindrücke von russlanddeutschen Häusern und Siedlungen im Jahr 2015.

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Rote Fahne
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

https://issuu.com/russlanddeutsche/docs/mrk_katalog_dokumente_hohe_aufl_sun

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Sowjetisch, aber auch deutsch – die Zeitung 'Rote Fahne' wurde von Russlanddeutschen in Slavogord (Region Altai) herausgegeben.

Den Russlanddeutschen, die in unterschiedlichen Regionen der Sowjetunion lebten, ging es graduell in den 1960er bis 1980er Jahren besser. Sie wurden nicht mehr prinzipiell verfolgt. Somit hatten sie die Möglichkeit, sich um ein Leben mit Familie, Bildung und Beruf zu bemühen, wie andere Sowjetbürger auch. Oft wurden sie jedoch unfair behandelt: Bei der Vergabe von Studienplätzen oder leitenden Stellungen wurden ethnische Russen meistens bevorzugt. Da eine politische Autonomie oder nationale Minderheitenrechte der Deutschen in der Sowjetunion im Laufe der Jahre immer unwahrscheinlicher wurden, resignierten viele Russlanddeutsche. Sie wollten das Leben in der Sowjetunion hinter sich lassen und bemühten sich um eine Ausreise nach Deutschland. Viele von ihnen gingen in einen der beiden deutschen Staaten.

33

Kontakte mit Deutschland sollten verhindert werden

Misstrauen sowjetischer Funktionäre gegenüber Russlanddeutschen (1975)

Hinweis: Die folgende Mitteilung sendeten Funktionäre der Kommunistischen Partei aus Kasachstan im Jahr 1975 an führende Stellen nach Moskau. Sie bezieht sich auf die verstärkten Bemühungen von Russlanddeutschen um Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland (hier: BRD) und eine Ausreise.

Ein Teil der Sowjetdeutschen führt eine breite Korrespondenz mit den im Westen lebenden Verwandten. Besondere Aufmerksamkeit ist der Entlarvung der aufhetzenden Tätigkeit der westdeutschen Wühlzentren sowie mit diesen verbundenen ideologischen Organen der BRD zu widmen.

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Karriere in der späten Sowjetunion

Über das Leben der 'sowjetdeutschen' Natalya Gellert

In den achtziger Jahren wurde Natalya Gellert, eine aus Kasachstan stammende Traktoristin, Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und Abgeordnete des Obersten Sowjets der UdSSR, zur 'sowjetdeutschen' Symbolfigur stilisiert. Mit einem Kasachen verheiratet, war sie als Mutter von drei Kindern, die dreisprachig – deutsch, russisch und kasachisch – aufwuchsen, leuchtendes Vorbild für andere: 'Ich bin stolz darauf, in dieser einträchtigen multinationalen Familie unter so großartigen Menschen aufgewachsen zu sein.'

Peter Hilkes und Gerd Stricker, Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Gerd Stricker (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Rußland (= Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1997, S. 236.

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Assimilation oder Ausreise

Die Russlanddeutschen sehen in Russland immer weniger eine Zukunft

Hinweis: Trotz mancher Normalisierungen des Lebens sahen viele Russlanddeutsche in den 1970er und 1980er Jahren in der Sowjetunion keine Zukunft mehr. Ihre Hauptanliegen, nämlich als freie Menschen anerkannt zu werden, ihre Kultur ohne Bevormundung leben und in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückkehren zu können, schienen dauerhaft unerreichbar.

Allmählich machte sich Resignation unter den Deutschen in der Sowjetunion breit; viele sahen nun in der Ausreise nach Deutschland ihre einzige Hoffnung. Zwischen 1970 und 1983 stieg im Zuge der Familienzusammenführung die Zahl der Ausreisen in die Bundesrepublik Deutschland auf über 70.000 an, mit einem Spitzenwert von 9.704 Ausreisen im Jahre 1976. Infolge sowjetischer Restriktionen sank die Zahl in den Jahren 1984, 1985 und 1986 auf insgesamt 2.131, wobei 1985 der Tiefpunkt mit 460 Ausreisen erreicht war.


Einleitung: Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten.
Darstellungstext: Peter Hilkes und Gerd Stricker, Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Gerd Stricker (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Rußland (= Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1997, S. 235

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Demonstranten fordern in der Bundesrepublik die Ausreise russlanddeutscher Verwandter aus der Sowjetunion(vor 1985)
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Inv.-Nr.: 2010/533a

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Demonstranten fordern in der Bundesrepublik die Ausreise russlanddeutscher Verwandter aus der Sowjetunion (vor 1985).

andere Aufnahme einer Demonstration für die Ausreise Russlanddeutscher aus der Sowjetunion
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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold, Inv.-Nr.: 2010/533c

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Eine andere Aufnahme einer Demonstration für die Ausreise Russlanddeutscher aus der Sowjetunion.

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Gründe für eine Ausreise der Russlanddeutschen aus der Sowjetunion verstärken sich (1970er und 80er Jahre)

Zunehmende Wirkungslosigkeit der sowjetischen Propaganda und Verstärkung der Unsicherheit

Zu Beginn der 1970er Jahre kam es zur Bildung eines Netzwerkes von Ausreisewilligen, die ihren Wohnsitz in den baltischen Republiken, in Sibirien, Kasachstan, Kirgisien und Usbekistan hatten. Dieses Netzwerk hat Sitzstreiks in Moskau und Tallinn, Unterschriftensammlungen u. a. öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt. Das ZK der KPdSU reagierte darauf 1974 mit dem Beschluss "Über Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit unter den Bürgern der UdSSR deutscher Nationalität" und 1984 mit dem Beschluss "Über Gegenmaßnahmen zu den Propagandakampagnen im Westen rund um die Frage der Lage der Bürger deutscher Nationalität". Die Propaganda und teilweise auch die repressiven Maßnahmen der KPdSU und der staatlichen Organe konnten nach der Unterzeichnung der Schlussakte der KSZE und der schrittweisen Öffnung der UdSSR keine entscheidende Wirkung mehr erzielen.

Die 1986 eingeleitete Politik der Glasnost und Perestroika machte das landesweite Anwachsen einer Bewegung für die vollständige Rehabilitierung der Deutschen und die Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga möglich. Fehlendes Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Systems und die 1987 erfolgte Änderung des Gesetzes der UdSSR über die Ein- und Ausreise waren entscheidend für die massenweise Ausreise der "Russlanddeutschen" nach Deutschland. Nach der Auflösung der UdSSR (8. Dezember 1991) und dem Zusammenbruch der zentral gelenkten Planwirtschaft spielten Versorgungsengpässe, ausbleibende Lohnzahlungen, bewaffnete Konflikte im Nord- und Südkaukasus sowie in Mittelasien, eine zunehmende Islamisierung und die Verdrängung der "nicht titularen" Bevölkerung aus den nach Souveränität und Homogenisierung strebenden Nachfolgestaaten der UdSSR eine zunehmende Rolle bei der Entscheidung nach möglichst umgehender Auswanderung nach Deutschland. Wer dies nicht konnte, suchte für sich eine neue Bleibe in Russland oder der Ukraine.

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Erklärung: Begriffe sind wichtig

Russlanddeutsche oder Sowjetdeutsche?

Der Begriff Russlanddeutsche bezeichnet jene Deutschen, die im Laufe der Zeit in das Russische Reich auswanderten, sich dort ansiedelten und heimisch wurden. Er trifft also zum Beispiel auch auf jene Siedler zu, die nach der Einladung der Zarin Katharina II. im 18. Jahrhundert nach Russland gingen. Deutsche Auswanderer lebten im Russischen Reich jedoch nicht nur an der Wolga, sondern auch in anderen Regionen.

Der Begriff Sowjetdeutsche ist eine Bezeichnung der kommunistischen Ideologie der Sowjetunion. Nach dieser Ideologie gab es zwar in der Sowjetunion unterschiedliche Völker und nationale Minderheiten wie z. B. die Georgier, Ukrainer, Kasachen, Kirgisen usw. Diese hatten formal oftmals auch eigene sozialistische Republiken.
Die Menschen auf dem Gebiet der Sowjetunion sollten gemäß der kommunistischen Ideologie in der Zukunft aber keine nationalen oder sozialen Unterschiede mehr aufweisen. Der Kommunismus sollte ihr oberstes Ziel sein, nicht nationale oder kulturelle Unterschiede. Auch die Deutschen wurden von der kommunistischen Partei in diese Ideologie einbezogen. Es ist sehr zweifelhaft, wie viele Menschen sich dieser Ideologie aus Überzeugung anschlossen.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten.

6 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie sich das Leben der Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte.

40 'Sondersiedler' Entstalinisierung Normalisierung
Die Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg
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Urheber: Robert Trautmannsberger, Institut für digitales Lernen

http://institut-fuer-digitales-lernen.de/

cc4 BY SA

Die Deportationen wurden auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht rückgängig gemacht. Den Russlanddeutschen war es weiterhin verboten, ihren Wohnort oder ihre Arbeit zu wechseln. Sie waren 'Sondersiedler' und blieben unter strenger militärischer Kontrolle ihre Kommandanturen.

Soviet Premier Nikita Khrushchev in Vienna.
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Urheber: Unbekannt; Farbe: Militaryace; Credit: John Fitzgerald Kennedy Library

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Nikita_Khruchchev_Colour.jpg

PD

Nach dem Tod Stalins 1953 verbesserten sich die Verhältnisse unter dem Nachfolger Chruschtschow etwas. Die militärische Überwachung endete und die Russlanddeutschen durften ihre Siedlungen wieder verlassen, wenn auch nicht in ihre alten Gebiete zurückkehren. Kulturelles Leben wurde unter staatlicher Aufsicht möglich.

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© Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

http://www.russlanddeutsche.de/

arrc

Bis in die 80er Jahre normalisierte sich das Leben der Russlanddeutschen unter sowjetischen Bedingungen. Das bedeutete, der Staat überwachte und kontrollierte weite Teile des politischen und kulturellen Lebens, die Russlanddeutschen wurden aber nicht mehr gezielt staatlich schikaniert.