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1945 war der
Zweite Weltkrieg vorbei – die Sowjetunion hatte unter schweren Verlusten
gewonnen und feierte ihren Sieg. Aber war dies auch der Sieg der
russlanddeutschen Sowjetbürger, hatten auch sie Grund zu feiern? Würde
das Misstrauen, die Verfolgung und Misshandlung nun endlich ein Ende
haben? Inwieweit konnte es für die Russlanddeutschen überhaupt eine
Nachkriegsnormalität in einem Land geben, dass sich ihnen gegenüber so
feindselig verhalten hatte?
1 Unterdrückung der Russlanddeutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs
Entwicklung der Gefangenenzahlen im Gulag-System der Sowjetunion
Die Lebensumstände der deportierten Russlanddeutschen verbesserten sich nach dem Krieg nur sehr langsam. Die Verpflichtung zur Arbeit unter
militärischen Bedingungen in der Trudarmee wurde erst Ende 1946
aufgehoben. Die 'Arbeitssoldaten' durften aber weiterhin
ihre Arbeitsplätze nicht verlassen und mussten sich in regelmäßigen
Abständen bei der Geheimdienst-Kommandantur melden und wurden auch auf
anderen Wegen überwacht. Im Jahr 1948 beschloss der Oberste Sowjet,
die Deportation nicht rückgängig zu machen. Die vertriebenen Deutschen
und Angehörige anderer Völker sollten also dauerhaft im Gebiet ihrer
'Sondersiedlungen' bleiben. 1949 zählte das NKWD 1.035.701
deutsche 'Sondersiedler'. Ihre Zukunft war ungewiss. Viele lokale
Partei- und Verwaltungsbehörden der Sowjetunion misstrauten ihnen noch
lange und wollten auf ihre Arbeitskraft auch nicht verzichten.
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Erklärung
Verbannung
Von Verbannung spricht man, wenn ein Mensch aus seiner Heimat vertrieben und gezwungen wird, an einem anderen Ort zu leben. In der russlanddeutschen Geschichte bezieht sich Verbannung vor allem auf die Orte, an denen sie nach der Deportation aus ihren ursprünglichen Siedlungsgebieten leben mussten, da die Russlanddeutschen diese Orte nicht selbst gewählt hatten und ihnen eine Rückkehr verboten war.
Zerstörtes Stalindenkmal in Budapest 1956 – nach Stalins Tod
Im März 1953 starb J. Stalin. Im September 1955 führte die
bundesdeutsche Regierung unter Konrad Adenauer Verhandlungen mit der
sowjetischen Regierung über eine erste Normalisierung ihrer Beziehungen.
Im Ergebnis der Verhandlungen durften die letzten deutschen
Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehren. Über die Ausreise von
etwa 130.000 (verschleppten) Zivilpersonen wurde im Zusammenhang mit den
Verhandlungen ebenfalls gesprochen, diese kam aber nicht zustande. In
der Folge durften immer nur kleine Gruppen Deutscher nach Deutschland
ausreisen. Das Schicksal der Russlanddeutschen fand als Folge der
Verhandlungen jedenfalls wieder mehr Beachtung. Ende 1955 wurde in der
Sowjetunion das Kommandantursystem aufgehoben. Die Russlanddeutschen
durften die „Sondersiedlungen" verlassen und nach ihren Angehörigen
suchen. In ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete durften sie jedoch immer
noch nicht zurückkehren.
6
§
Urheber: Robert Trautmannsberger, Institut für digitales Lernen
Dekret des Obersten Sowjets über die Dauerhaftigkeit der Deportationen (1948)
Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die [...] während des Krieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren und
anderen sowie in Anbetracht der Tatsache, daß bei ihrer Verschickung
die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird
festgelegt, daß die obengenannten Personen in diese fernen Regionen auf
ewig ausgewiesen sind, ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren
Siedlungsorte aberkannt. – Für den eigenmächtigen Wegzug (Flucht) aus
den Orten ihrer Pflichtansiedlung sind die Schuldigen zur
strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu ziehen. Als Strafzumessung [...]
sind zwanzig Jahre Zwangsarbeit anzusetzen.
Regime: Das Wort meint hier die Überwachung und Unterdrückung der Zwangsumgesiedelten an ihren neuen Orten. Tschetschenen, Karatschaier, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutsche, Krimtataren: Völker, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befanden und die ganz oder teilweise aus ihrer Heimat deportiert worden waren.
Unterschiedliche deutsche Reaktionen auf Stalins Tod 1953
11
Zeitzeugenbericht eines Kriegsgefangenen
Bericht im Fernsehen der DDR
§
[09.07.2021]
Zeitzeugenbericht eines Kriegsgefangenen
Bericht im Fernsehen der DDR
12
Der Bericht aus dem DDR-Fernsehen oben (zweiter Tab) ist ein
klassisches Beispiel für staatliche Propaganda. Wenn du zu diesem Thema
mehr erfahren willst, findest du im Kapitel 8.5 mehr Informationen.
13
Quelle
Dekret des Obersten Sowjets über die Aufhebung der Kommandantur-Aufsicht
Es wird festgestellt, daß die Aufhebung der durch die Sondersiedlung
bedingten Einschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des
Vermögens, das bei der Verschickung konfisziert worden ist, zur Folge
hat und daß [die Deutschen] nicht das Recht haben, in die Orte
zurückzukehren, aus denen sie ausgesiedelt worden sind.
Der heutige Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland Johann Thießen als Junge in den 1960er Jahren in der Sowjetunion ...
Nach dem Tod des Diktators Stalin 1953 und mit der folgenden Entstalinisierungspolitik in
der Sowjetunion verbesserte sich Stück für Stück auch das Leben der
Russlanddeutschen. Dazu trug auch die wirtschaftliche Modernisierung des
Landes in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Russlanddeutsche
lebten nun in jenen neuen Gebieten Sibiriens, Kasachstans oder
Kirgisiens, in die sie die Deportation verschlagen hatte. In ihrem
Umfeld begegnete man ihnen einerseits mit Misstrauen, weil sie Deutsche
waren und die Sowjetunion im Weltkrieg von Deutschland angegriffen
worden war, andererseits wurden sie wegen ihrer Arbeitsamkeit und
Verlässlichkeit auch immer mehr geschätzt. In der Kasachischen
Sozialistischen Sowjetrepublik bemühten sich die kommunistischen
Machthaber sogar um russlanddeutsche Bürger, weil sie deren Fähigkeiten
bei der Gestaltung des Landes nutzen wollten.
Im Jahr 1955 wurde im Altai-Gebiet die erste deutsche Zeitung nach dem Krieg zugelassen. Seit 1957 gab es eine landesweite deutschsprachige Wochenzeitung der Russlanddeutschen, die 'Neues Leben'. Wie alle Veröffentlichungen oder kulturellen Veranstaltungen in der Sowjetunion wurde aber auch diese Zeitung kontrolliert und gezwungen, die staatliche Propaganda zu verbreiten. Zur Lockerung der Politik gegenüber den Russlanddeutschen gehörten zudem die Zulassung deutscher Rundfunksendungen, Theatervorführungen und die Erlaubnis zur Eröffnung kultureller Einrichtungen.
Deutsche Schulen, wie sie die Russlanddeutschen sich gewünscht hätten, wurden nicht erlaubt. Im Jahr 1957 wurde jedoch muttersprachlicher Deutschunterricht für russlanddeutsche Schüler eingeführt. Im Jahr 1972 beschlossen die sowjetischen Machthaber sogar eine formale Bewegungsfreiheit für alle unterdrückten Minderheiten und Volksgruppen. Im alltäglichen Leben änderte sich dadurch jedoch kaum etwas, weil die Menschen umfangreiche Melde-, Pass- und Arbeitsgesetzgebungen zu beachten hatten, wenn sie ein Gebiet verlassen wollten.
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00:0000:00Das Video zeigt Alexander Kühl, dessen Eltern durch den Deportationsbefehl 1941 betroffen waren und in den Ural gehen mussten. Er berichtet u. a. über die Langzeitfolgen der Deportation für die Kinder der Deportierten, die nach 1945 geboren wurden und in der Sowjetunion aufwuchsen.§
Nikita Chruschtschow (1894–1971) wurde der Nachfolger Josef Stalins als Staatschef der Sowjetunion.
Aufbruch in der Sowjetunion? Chruschtschow rechnete mit seinem Vorgänger Stalin in einer Geheimrede vor führenden Genossen ab. Er trat volkstümlich auf. Das Bild zeigt Chruschtschow (ganz rechts) in einem lockeren Gespräch u. a. mit dem sowjetischen Kosmonauten Jurij Gagarin (ganz links).
Stalin und Chruschtschow aber hatten über viele Jahre zusammengearbeitet. Das Bild zeigt sie im Jahr 1936 im Gespräch.
18
Quelle
Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion vom 26.11.1948: Auf ewige Zeiten ausgewiesen!
Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die vom Obersten Machtorgan
der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges zwangsausgesiedelten
Tschetschenen, Karatschajer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen,
Krimtataren u.a. sowie in Anbetracht der Tatsache, dass bei ihrer
Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden
ist, wird festgelegt, dass die o.g. Personen in diese fernen Regionen
auf ewig ausgewiesen sind; ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die
früheren Siedlungsorte aberkannt.
(Auszug aus dem Erlass)
19
Darstellung
Quälend langsame Normalisierung nach Ende des Zweiten Weltkrieges
zunächst "ewige Verbannung" in den Verbannungsorten und ständige
Sonderkommandantur; Drohung mit 20 Jahren Zwangsarbeit bei
eigenmächtigem Verlassen der Verbannungsorte (1948)
keine Ausweispapiere für Russlanddeutsche, nur Deportierungsscheine, Kinder durften nur russische Kindereinrichtungen besuchen
Aushändigung von Pässen im März 1955
Aufhebung der Meldepflicht bei der Kommandantur im Dezember 1955
keine Rückgabe des entzogenen Vermögens
keine Rückkehrmöglichkeit in die ursprünglichen Siedlungsgebiete an der Wolga, in der Ukraine, auf der Krim usw.
fast vollständige Verweigerung einer Ausreise nach Deutschland (Ausnahme 1951: 1.721 Menschen durften ausreisen)
20
Quelle
Stalins Nachfolger kritisiert dessen Umsiedlungspolitik
Hinweis: Der Text ist ein Ausschnitt aus einer Rede, die Nikita Chruschtschow 1956 vor wichtigen Mitgliedern der KPdSU hielt.
Genossen! Beschäftigen wir uns mit einigen anderen Tatsachen. Die
Sowjetunion wird zu Recht als Musterbeispiel eines multinationalen
Staates angesehen, denn bei uns wurden in der Praxis Gleichheit und
Freundschaft aller Völker gewährleistet, die unsere große Heimat
bewohnen.
Um so ungeheuerlicher sind die Aktionen, deren Initiator Stalin war
und die eine brutale Vergewaltigung der grundlegenden Leninschen
Prinzipien der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates waren. Die Rede
ist von der Massenumsiedlung ganzer Völker aus ihren heimatlichen Orten,
darunter auch aller Kommunisten und Komsomolzen ohne jede Ausnahme,
wobei derartige Aussiedlungsaktionen durch keinerlei militärische
Beweggründe diktiert waren. [...]
Nicht nur für Marxisten-Leninisten, sondern für jeden vernünftig
denkenden Menschen ist es unverständlich, wie man die Verantwortung
einzelner Personen oder Gruppen für feindliche Handlungen auf ganze
Völker übertragen konnte, Frauen und Kinder, Alte, Kommunisten und
Komsomolzen nicht ausgenommen, wie man ihnen gegenüber
Massenrepressalien anwenden und sie Entbehrungen und Leiden aussetzen
konnte.
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3 Entschuldigt sich die Sowjetunion?
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Im Jahre 1964 wurden die Russlanddeutschen durch einen Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion teilweise rehabilitiert.
Damit war der Generalverdacht gegen eine ganze Volksgruppe aufgehoben,
die Sowjetunion verraten zu wollen und Anhänger der deutschen
Nationalsozialisten zu sein.
23
Quelle
Rehabilitation der deutschen Bevölkerung?
Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28.
August 1941 „Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons
leben" wurden gegenüber großen Gruppen von deutschen Sowjetbürgern
Anschuldigungen erhoben, den faschistischen deutschen Landräubern aktive
Unterstützung und Vorschub geleistet zu haben. Das Leben hat erwiesen, dass diese pauschal erhobenen Anschuldigungen haltlos und Ausdruck der angesichts des Personenkults um Stalin herrschenden Willkür waren.
In Wirklichkeit hat die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung
in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gemeinsam mit dem
ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg der Sowjetunion über das
faschistische Deutschland beigetragen, und in den Nachkriegsjahren
beteiligte sie sich aktiv am kommunistischen Aufbau. Das Präsidium des Obersten Sowjet beschließt:
1Der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28.
August 1941 'Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons
leben' [...] wird in dem Teil aufgehoben, der pauschal erhobene
Anschuldigungen gegen die deutsche Bevölkerung, die in den Wolga-Rayons
lebte, enthält.
2In Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche
Bevölkerung in ihren neuen Wohngebieten auf dem Territorium einer Reihe
von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes fest integriert ist,
und die Rayons ihres früheren Wohnsitzes besiedelt sind, werden die
Ministerräte der Unionsrepubliken zwecks einer weiteren Entwicklung der
Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der auf dem Territorium
dieser Rayons lebenden deutschen Bevölkerung auch weiterhin Hilfe und
Unterstützung beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter
Berücksichtigung ihrer nationalen Eigenart und ihrer Interessen zu
gewähren.
pauschal: allgemein, alle betreffend, nicht auf den Einzelfall bezogen Personenkult: übertriebene
Verehrung einer Person; in der Politik: die Betonung der Wichtigkeit
einer politischen Führungsfigur, der sich Menschen unterwerfen sollen Willkür: unberechenbares Verhalten Einzelner, die die Macht haben, Entscheidung zu treffen, die von Gesetzen nicht gedeckt sind
Die russlanddeutsche Gemeinde von Duschanbe 1975 bei einem Gottesdienst auf dem Friedhof. Der Gottesdienst selbst war nicht verboten, die Nutzung des Gebetsraums schon.
4 Fallstudie: Der Erfolg des russlanddeutschen Bauern Jakob Hering in der Sowjetunion
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Darstellung
Das Leben Jakob Herings: erfolgreicher Russlanddeutscher oder Vorzeige-Kommunist?
Jakob Hering wurde am 29. Februar 1932 in Katharinenfeld, später Luxemburg, heute Bolnissi, in Georgien geboren.
Herings
Eltern waren Bauern und Nachfahren schwäbischer Kolonisten. Sein
Großvater war Bauingenieur und arbeitete auf Ölfeldern in Aserbaidschan,
Iran und in Afrika.
1938 wurde der Vater Jakobs, Herman Hering, während des Terrors der Stalin-Zeit verhaftet.
1941
musste auch der junge Jakob Hering sein Heimatdorf verlassen. Der Krieg
und Stalins Politik zwangen die Herings von Georgien nach Kasachstan
umzusiedeln.
Dort lebte und arbeite die Familie Hering gemeinsam mit anderen deportierten Landsleuten in der Stalin-Kolchose.
Jakob war ein aufgewecktes Kind: Bereits mit dreizehn Jahren war er für das Heizhaus einer Textilfabrik verantwortlich.
Mit
16 Jahren wurde Jakob in die sogenannte "Trudarmee" (Arbeitsarmee)
einberufen. Er kam in die Kirow-Kohlengrube, die dem KarLAG, der
Karagandaer Filiale des GULAG-Systems, unterstand.
Bis 1948
arbeitete der minderjährige Hering in der Kohlengrube unter
schwierigsten Bedingungen. Es gab Grubenunglücke und viele Arbeiter
starben. Sicherheitsvorkehrungen gab es kaum.
Er wurde verletzt
und war gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Daher musste er nach
seiner Entlassung aus dem Lager ein ganzes Jahr lang im Krankenhaus
liegen.
Er begann Schulstoff nachzuholen.
Nach dem Tod
Stalins begann Hering am veterinärmedizinischen Technikum von Pawlodar
ein Studium, das er 1956 erfolgreich beendete.
Als Tierarzt ging
er in die Kolchose nach Konstantinowka und arbeitete dort unter dem
Kolchosvorsitzenden Jakob Brecht als Zootechniker.
Er wurde zum Sekretär der Kommunistischen Jugendorganisation (Komsomol) des Kolchos gewählt.
1959
wurde Hering vom Rayon-Komitee der Kommunistischen Partei zum
Vorsitzenden der Kollektivwirtschaft mit dem Namen "30 Jahre Kasachische
SSR" ernannt.
Hering war voller Tatendrang und wollte die
Kolchose ausbauen. Er ließ nach Wasser bohren, weil es an Wasser fehlte,
um die Produktion ausweiten zu können. Im Jahr 1960 stießen die
Bohrungen auf Wasser. Mehrere Brunnen versorgten nun die Kolchose.
Hering baute eine erfolgreiche und in der ganzen Sowjetunion bekannte
Pflanzen- und Tierproduktion auf.
Er wurde als Deputierter in
den Obersten Sowjet der Kasachischen SSR, später in den Obersten Sowjet
der Sowjetunion gewählt. Auf Parteitagen der KPdSU vertrat er die
Kasachische Republik. Im Jahr 1966 bekam er den Ehrentitel "Held der
Sozialistischen Arbeit" für die erfolgreiche Entwicklung der
Landwirtschaft Kasachstans. Hinzu kam mit dem "Goldenen Stern" die
höchste Auszeichnung der Sowjetunion.
1974 gründete Jakob Hering
das erste deutsche Folklore-Ensemble nach dem Zweiten Weltkrieg in der
Sowjetunion. Es hieß "Ährengold".
In Konstantinowka wurde auch
ein Heimatmuseum eingerichtet, das u. a. Gebrauchsgegenstände der
Bauernfamilien und die Geschichte der deutschen Einwanderung nach
Kasachstan dokumentierte.
Die Kolchose Herings beteiligte sich
jährlich an der Prämierung der besten literarischen Werke
sowjetdeutscher Autoren mit Geldpreisen. Die Zeitung "Freundschaft", die
seit 1966 für die deutsche Bevölkerung Kasachstans herausgegeben wurde,
unterstützte Hering intensiv. Von den Bauern in Konstantinowka
verlangte er sogar, die "Freundschaft" zu abonnieren, egal ob sie die
deutsche Sprache verstanden oder nicht.
Jakob Hering starb im
November 1984 an einem Herzanfall. Er wurde auf dem Dorffriedhof
beigesetzt. Dessen Tor und Mauer hatte er erst zwei Monate vor seinem
Tod errichten lassen. Das schwarze Tor hatte drei Kreuze. Die
lutherische und zwei baptistische Gemeinden sangen am Sarg die
Seelenmesse.
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Jakob Hering – ein erfolgreicher Russlanddeutscher in der Sowjetunion
In der von Jakob Hering geführten Kolchose wurde die Bearbeitung der Felder mit Maschinen vorangetrieben.
Moderne Bewässerungsanlagen machten eine effektive Bewirtschaftung auch in klimatisch schwierigen Gegenden möglich.
Aufnahme des Kulturhauses der Kolchose Jakob Herings.
Jakob Hering ließ in seiner Kolchose auch Wohnungen und Sozialeinrichtungen für die Bauern errichten. Hier sieht man den Kindergarten (Aufnahme aus den 1980er Jahren).
28
Darstellung
Der berufliche Erfolg Jakob Herings
Um Konstantinowka herum entstanden Speicherseen und Teiche. Fisch-
und Geflügelzuchtanlagen folgten. Das mineralhaltige Wasser wurde
zugleich für die Errichtung einer Mineralwasserfabrik genutzt. Diese
produzierte in ihren besten Zeiten bis zu vier Millionen Flaschen im
Jahr. Dann folgten eine Wurstfabrik, eine Ziegelfabrik und
Gewächshäuser, die Pawlodar mit Gurken, Tomaten und Blumen versorgten.
Auf Initiative des Kolchosvorsitzenden begannen die Deutschen in
Konstantinowka auch Kamele zu züchten, deren Wolle und besonders deren
heilkräftige Milch in Kasachstan sehr gefragt sind.
Hering holte begabte Ingenieure, Ärzte, Agronomen und andere
Spezialisten nach Konstantinowka. Dort bekamen sie hohe Gehälter,
attraktive Wohnungen und kolchoseigene Autos zur privaten Nutzung. Die
Versorgung mit preiswerten Lebensmitteln war gesichert. Dazu wurden neue
Wohnsiedlungen errichtet. Die Kolchose betrieb auch Kindergarten und
Schule.
Die Kolchose „30 Jahre" wurde berühmt. Presse und Fernsehen
berichteten über sie. Über die landwirtschaftlichen Erfahrungen mit der
Bewässerung von Ackerflächen ließen sich viele Kolchos-Vorsitzende aus
dem ganzen Land informieren. Reisende bewunderten die Wirtschaft, die
Pfauen in den Volieren und die Tiere im Dorfzoo. Jakob Hering wurde mit
seinen Kamelen und Bären sogar zu einem sowjetischen Filmstar. Drei
Dokumentarfilme wurden über Konstantinowka gedreht, darunter ein
Streifen mit dem Titel: „Wozu braucht ein Kolchos Bären?"
Theaterplakat des deutschen Theaters in Kasachstan (1986): Seit 1979 existierte dort eine deutschsprachige Bühne – erst in der Stadt Temirtau (bei Karaganda), später in Alma Ata (heute: Almaty), der Hauptstadt der Kasachischen SSR.
Informationszettel des Deutschen Schauspieltheaters in deutscher Sprache.
Einladung zum Kennenlernen unterschiedlicher nationaler Traditionen und Kulturen – In der Sowjetunion war das in den 1980er Jahren neu.
Theaterplakat des deutschen Theaters: Der Spielplan wies nicht nur Stücke deutscher Klassiker (Friedrich Schiller, Bertolt Brecht) aus, sondern auch neuere Stücke russlanddeutscher Künstler, die sich mit dem Leben und dem Schicksal der Russlanddeutschen beschäftigten (Viktor Heinz: "Auf den Wogen der Jahrhunderte").
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Das Leben der Russlanddeutschen wurde auch in den 1980er Jahren von
den Entwicklungen in der Sowjetunion bestimmt. Nach dem Tode Leonid
Breschnews (1906–1982), der die UdSSR von 1964 bis 1982 geführt hatte,
geriet die Sowjetunion immer mehr in eine politische Krise. Die
Entwicklung der Wirtschaft stagnierte. Sie fiel im internationalen
Wettbewerb immer mehr zurück. Gleichzeitig verschlangen die Hochrüstung
und die Aufrechterhaltung der sowjetischen Weltmachtposition jedoch
Unsummen.
Sowjetisch, aber auch deutsch – die Zeitung 'Rote Fahne' wurde von Russlanddeutschen in Slavogord (Region Altai) herausgegeben.
Den Russlanddeutschen, die in unterschiedlichen Regionen der
Sowjetunion lebten, ging es graduell in den 1960er bis 1980er Jahren
besser. Sie wurden nicht mehr prinzipiell verfolgt. Somit hatten sie die
Möglichkeit, sich um ein Leben mit Familie, Bildung und Beruf zu
bemühen, wie andere Sowjetbürger auch. Oft wurden sie jedoch unfair
behandelt: Bei der Vergabe von Studienplätzen oder leitenden Stellungen
wurden ethnische Russen meistens bevorzugt. Da eine politische Autonomie
oder nationale Minderheitenrechte der Deutschen in der Sowjetunion im
Laufe der Jahre immer unwahrscheinlicher wurden, resignierten viele
Russlanddeutsche. Sie wollten das Leben in der Sowjetunion hinter sich
lassen und bemühten sich um eine Ausreise nach Deutschland. Viele von
ihnen gingen in einen der beiden deutschen Staaten.
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Kontakte mit Deutschland sollten verhindert werden
Misstrauen sowjetischer Funktionäre gegenüber Russlanddeutschen (1975)
Hinweis: Die folgende Mitteilung sendeten
Funktionäre der Kommunistischen Partei aus Kasachstan im Jahr 1975 an
führende Stellen nach Moskau. Sie bezieht sich auf die verstärkten
Bemühungen von Russlanddeutschen um Kontakte in die Bundesrepublik
Deutschland (hier: BRD) und eine Ausreise.
Ein Teil der Sowjetdeutschen führt eine breite Korrespondenz mit den
im Westen lebenden Verwandten. Besondere Aufmerksamkeit ist der
Entlarvung der aufhetzenden Tätigkeit der westdeutschen Wühlzentren
sowie mit diesen verbundenen ideologischen Organen der BRD zu widmen.
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Karriere in der späten Sowjetunion
Über das Leben der 'sowjetdeutschen' Natalya Gellert
In den achtziger Jahren wurde Natalya Gellert, eine aus Kasachstan stammende Traktoristin, Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und Abgeordnete des Obersten Sowjets
der UdSSR, zur 'sowjetdeutschen' Symbolfigur stilisiert. Mit einem
Kasachen verheiratet, war sie als Mutter von drei Kindern, die
dreisprachig – deutsch, russisch und kasachisch – aufwuchsen,
leuchtendes Vorbild für andere: 'Ich bin stolz darauf, in dieser
einträchtigen multinationalen Familie unter so großartigen Menschen
aufgewachsen zu sein.'
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Assimilation oder Ausreise
Die Russlanddeutschen sehen in Russland immer weniger eine Zukunft
Hinweis: Trotz mancher Normalisierungen des
Lebens sahen viele Russlanddeutsche in den 1970er und 1980er Jahren in
der Sowjetunion keine Zukunft mehr. Ihre Hauptanliegen, nämlich als
freie Menschen anerkannt zu werden, ihre Kultur ohne Bevormundung leben
und in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückkehren zu können,
schienen dauerhaft unerreichbar.
Allmählich machte sich Resignation unter
den Deutschen in der Sowjetunion breit; viele sahen nun in der Ausreise
nach Deutschland ihre einzige Hoffnung. Zwischen 1970 und 1983 stieg im
Zuge der Familienzusammenführung die Zahl der Ausreisen in die
Bundesrepublik Deutschland auf über 70.000 an, mit einem Spitzenwert von
9.704 Ausreisen im Jahre 1976. Infolge sowjetischer Restriktionen sank
die Zahl in den Jahren 1984, 1985 und 1986 auf insgesamt 2.131, wobei
1985 der Tiefpunkt mit 460 Ausreisen erreicht war.
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Demonstranten fordern in der Bundesrepublik die Ausreise russlanddeutscher Verwandter aus der Sowjetunion (1980er Jahre)
Demonstranten fordern in der Bundesrepublik die Ausreise russlanddeutscher Verwandter aus der Sowjetunion (vor 1985).
Eine andere Aufnahme einer Demonstration für die Ausreise Russlanddeutscher aus der Sowjetunion.
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Gründe für eine Ausreise der Russlanddeutschen aus der Sowjetunion verstärken sich (1970er und 80er Jahre)
Zunehmende Wirkungslosigkeit der sowjetischen Propaganda und Verstärkung der Unsicherheit
Zu Beginn der 1970er Jahre kam es zur Bildung eines Netzwerkes von Ausreisewilligen, die ihren Wohnsitz in den baltischen Republiken, in Sibirien, Kasachstan, Kirgisien und Usbekistan hatten. Dieses Netzwerk hat Sitzstreiks in Moskau und Tallinn, Unterschriftensammlungen u. a. öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt. Das ZK der KPdSU reagierte darauf 1974 mit dem Beschluss "Über Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit unter den Bürgern der UdSSR deutscher Nationalität" und 1984 mit dem Beschluss "Über Gegenmaßnahmen zu den Propagandakampagnen im Westen rund um die Frage der Lage der Bürger deutscher Nationalität". Die Propaganda und teilweise auch die repressiven Maßnahmen der KPdSU und der staatlichen Organe konnten nach der Unterzeichnung der Schlussakte der KSZE und der schrittweisen Öffnung der UdSSR keine entscheidende Wirkung mehr erzielen.
Die 1986 eingeleitete Politik der Glasnost und Perestroika machte das landesweite Anwachsen einer Bewegung für die vollständige Rehabilitierung der Deutschen und die Wiederherstellung der Autonomen Republik an der Wolga möglich. Fehlendes Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Systems und die 1987 erfolgte Änderung des Gesetzes der UdSSR über die Ein- und Ausreise waren entscheidend für die massenweise Ausreise der "Russlanddeutschen" nach Deutschland. Nach der Auflösung der UdSSR (8. Dezember 1991) und dem Zusammenbruch der zentral gelenkten Planwirtschaft spielten Versorgungsengpässe, ausbleibende Lohnzahlungen, bewaffnete Konflikte im Nord- und Südkaukasus sowie in Mittelasien, eine zunehmende Islamisierung und die Verdrängung der "nicht titularen" Bevölkerung aus den nach Souveränität und Homogenisierung strebenden Nachfolgestaaten der UdSSR eine zunehmende Rolle bei der Entscheidung nach möglichst umgehender Auswanderung nach Deutschland. Wer dies nicht konnte, suchte für sich eine neue Bleibe in Russland oder der Ukraine.
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Erklärung: Begriffe sind wichtig
Russlanddeutsche oder Sowjetdeutsche?
Der Begriff Russlanddeutsche bezeichnet jene
Deutschen, die im Laufe der Zeit in das Russische Reich auswanderten,
sich dort ansiedelten und heimisch wurden. Er trifft also zum Beispiel
auch auf jene Siedler zu, die nach der Einladung der Zarin Katharina II.
im 18. Jahrhundert nach Russland gingen. Deutsche Auswanderer lebten im
Russischen Reich jedoch nicht nur an der Wolga, sondern auch in anderen
Regionen.
Der Begriff Sowjetdeutsche ist eine Bezeichnung der
kommunistischen Ideologie der Sowjetunion. Nach dieser Ideologie gab es
zwar in der Sowjetunion unterschiedliche Völker und nationale
Minderheiten wie z. B. die Georgier, Ukrainer, Kasachen, Kirgisen usw.
Diese hatten formal oftmals auch eigene sozialistische Republiken. Die
Menschen auf dem Gebiet der Sowjetunion sollten gemäß der
kommunistischen Ideologie in der Zukunft aber keine nationalen oder
sozialen Unterschiede mehr aufweisen. Der Kommunismus sollte ihr
oberstes Ziel sein, nicht nationale oder kulturelle Unterschiede. Auch
die Deutschen wurden von der kommunistischen Partei in diese Ideologie
einbezogen. Es ist sehr zweifelhaft, wie viele Menschen sich dieser
Ideologie aus Überzeugung anschlossen.
6 Zusammenfassung
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Auf dieser Seite ging es um die Frage, wie sich das Leben der Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte.
Die Deportationen wurden auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht rückgängig gemacht. Den Russlanddeutschen war es weiterhin verboten, ihren Wohnort oder ihre Arbeit zu wechseln. Sie waren 'Sondersiedler' und blieben unter strenger militärischer Kontrolle ihre Kommandanturen.
§
Urheber: Unbekannt; Farbe: Militaryace; Credit: John Fitzgerald Kennedy Library
Nach dem Tod Stalins 1953 verbesserten sich die Verhältnisse unter dem Nachfolger Chruschtschow etwas. Die militärische Überwachung endete und die Russlanddeutschen durften ihre Siedlungen wieder verlassen, wenn auch nicht in ihre alten Gebiete zurückkehren. Kulturelles Leben wurde unter staatlicher Aufsicht möglich.
Bis in die 80er Jahre normalisierte sich das Leben der Russlanddeutschen unter sowjetischen Bedingungen. Das bedeutete, der Staat überwachte und kontrollierte weite Teile des politischen und kulturellen Lebens, die Russlanddeutschen wurden aber nicht mehr gezielt staatlich schikaniert.
'Sondersiedler'
Entstalinisierung
Normalisierung
Hiermit bestätige ich den Einsatz des Infoportals zu Unterrichts- und Bildungszwecken.