2.2 Warum wollten die Hessen überhaupt weg?

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Urheber: Hyacinthe de La Pegna

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:La_Pegna_%C3%9Cberfall_bei_Hochkirch.jpg

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Siebenjähriger Krieg in Deutschland.

2.2 Warum wollten die Hessen überhaupt weg?

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Auswandern war schon immer mit großen persönlichen Kosten und Risiken verbunden: der Verlust von Heimat und Freunden, die Gefahren der Reise und die Unsicherheit über das Leben am Zielort. Warum entschlossen sich vor 250 Jahren dennoch so viele Hessen, diesen riskanten Schritt zu tun?

1 Krieg und seine Folgen für das Leben der Menschen

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Die Auswirkungen von Kriegen reichen weit über das reine Töten im Kampfgeschehen hinaus. Die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Effekte von Kriegen sind oft viel gravierender als die militärischen. Diese Effekte werden im Folgenden genauer betrachtet.

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Urheber: Carl Röchling (1855–1920)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Battle_of_Leuthen_2.jpg

PD

Das Gemälde ist eine Darstellung der Schlacht von Leuthen (1757, das Gemälde ist aber erst um etwa 1920 entstanden). Die vermeintlichen Heldentaten und auch Grausamkeiten von Schlachten wurden auf zahlreichen Gemälden festgehalten.

Die Auswirkungen von Kriegen auf Bevölkerung und Land sind groß. Sie reichen weit über das unmittelbare Leid und den Schmerz über den Verlust geliebter Menschen hinaus. In vormodernen Kriegszügen und Schlachten starben viele Menschen – viele gar nicht als Soldaten durch unmittelbare Kampfhandlungen, sondern durch Seuchen, Hunger oder die Einflüsse von Wind und Wetter.

Für die Familien war der Tod von Vätern und Söhnen, die in die Kriege gezwungen wurden, auch eine wirtschaftliche Katastrophe. Bauernhöfe konnten dadurch zum Beispiel in große wirtschaftliche Not geraten. Jeder tote Sohn oder Vater bedeutet einen Verlust an dringend benötigter Arbeitskraft, der in der körperlich harten Bauernarbeit schnell existenzbedrohend werden konnte. 

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Darstellung

Kriege und ihre Folgen für Ressourcenverbrauch

Armeen brauchten Unmengen an Verpflegung und Ausrüstung. Während der Feldzüge mussten tausende Soldaten und Pferde versorgt werden, teilweise über Jahre hinweg. Nicht selten raubten die Truppen Dörfer und Städte aus. Durch die Kampfhandlungen konnte es zu flächendeckenden Zerstörungen kommen, etwa durch Kanonenbeschuss und Brandschatzungen.

Solche Verheerungen verursachten die Flucht der Bauern und Stadtbewohner – kriegsbedingte Binnenmigration. Und auf die Dauer wurde sowohl unter der Zivilbevölkerung wie auch bei den Soldaten die Verpflegung knapp. Neben einer allgemeinen Verarmung wurde damit auch Hunger zum Problem.

Daniel Scheuerer und Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

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Darstellung

Kriege und ihre wirtschaftlichen Folgen

Nicht nur die Familie selbst, sondern ganze Herrschaftsgebiete konnten durch Kriege in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Die Steuereinnahmen sanken mit jedem schlecht oder gar nicht mehr bewirtschafteten Hof. Die allgemeine Versorgung mit Nahrungsmitteln wurde schlechter, wenn die Felder nicht ausreichend bestellt wurden.

Und wenn den Adligen die Einnahmen fehlten, konnten sie wiederum die Kriege nicht weiter finanzieren. Oftmals nahmen sie dann hohe Schulden auf und ließen sich auf riskante Zins- und Rückzahlungsversprechen ein. Das führte zu finanziellen Problemen im ganzen Land. Nach dem Ende der Kriege waren daher oftmals über lange Zeit auch keine Investitionen etwa in Straßen- und Brückenbau oder die Förderung von Manufakturen möglich.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

Der Siebenjährige Krieg in Hessen

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Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der französische Truppen während des Siebenjährigen Krieges bei Warburg zeigt
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Urheber: unbekannter Kupferstecher

https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Warburg#/media/Datei:Bataille_bey_Warburg_July_1760_(Kupferstich_zur_Schlacht_bei_Warburg).jpg

PD

Nach der Schlacht von Warburg abziehende französische Truppen (1760).

Zwischen 1756 und 1763 tobte in Europa und an verschiedenen anderen Stellen der Welt der Siebenjährige Krieg.

Im deutschen Raum ging es vor allem um den Konflikt zwischen dem aufsteigenden Brandenburg-Preußen, das sich als Großmacht etablieren wollte und dem österreichischen Kaiserhaus, das Preußen im Bündnis mit Frankreich und vielen deutschen Herrscherhäusern in die Schranken weisen wollte.

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Hessische Herrschaften im 18. Jahrhundert
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Urheber: ziegelbrenner

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Maps_of_the_history_of_Hesse?uselang=de#/media/File:HK_1789.png

cc2 BY SA

Der hessische Raum im 18. Jahrhundert. Im Norden – etwa im Raum von Kassel bis Carlshafen – haben mehrere Schlachten stattgefunden.

Hessen war einer der Kriegsschauplätze. Der Landgraf von Hessen Kassel kämpfte dabei im Bündnis mit Preußen und Großbritannien. In den späteren Jahren des Krieges lieferten sich die Kriegsgegner gerade in Nordhessen mehrere Schlachten: 1760 bei Korbach und Warburg, 1762 bei Wilhelmsthal. Und die Kämpfe wurden erbittert geführt: Allein bei der Schlacht von Wilhelmsthal starben etwa 1500 französische Soldaten.

8

Darstellung

Folgen des Siebenjährigen Krieges in Hessen

Immer wieder zogen während des Siebenjährigen Krieges große Truppenverbände durchs Land. Sie besetzten Städte, plünderten, legten Verschanzungen an. Im Sommer 1759 zogen zum Beispiel französische Heere mit 70.000 Soldaten in Korbach ein. Sie lagerten in der Stadt und davor. 56 Generäle wurden in der Stadt einquartiert. Die Soldaten räumten die Keller und Scheunen leer, ernteten Gärten und Felder.

1760 raubten französische Truppen Hofgeismar und Grebenstein aus. Wenn die Truppen der einen Kriegspartei abgezogen waren, kamen oftmals diejenigen der anderen Seite und taten dasselbe. Besonders hart war es für die Bauern, wenn ihnen die Tiere geraubt wurden – ohne Rinder, Schweine und Pferde keine Milchprodukte, kaum Fleisch und auch keine Feldbestellung.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

9

Darstellung

Folgen der Geldentwertungskrise im Siebenjährigen Krieg

Die Büdinger Finanzmisere wurde noch verschärft durch die allgemein stagnierende Wirtschaftskonjunktur, mit Teuerung und Geldentwertung als Folge. Im September 1765 äußerte der Leiter der Fürstlichen Regierungskanzlei in Offenbach, Freiherr Savigny: „Wenn in dem Münzwesen nicht bald eine Änderung erfolgt, so verarmt unsere Gegend dermaßen, daß ich nicht weiß, was man anfangt; nirgend ist Geld vorhanden und die fabriquen gehen äußerst schlecht.“

Klaus-Peter Decker, Die Auswanderung von 1766/67 aus der Grafschaft Ysenburg-Büdingen nach Russland. Soziale und wirtschaftliche Hintergründe anhand ausgewählter Dokumente. Mit einer Namensliste der Emigranten, Geschichtswerkstatt Büdingen S. 76, Quelle: FA Bir Akte Nr. 14393.

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Hier findest du einen kurzen Beitrag des ZDF über den Siebenjährigen Krieg. [06.07.2021]

2 Armut und Abhängigkeit in der feudalen Welt

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Nach Kriegen hungert und verarmt die Bevölkerung. Natürlich ist diese Faustregel auch von der Schwere des Konfliktes abhängig. Je länger die Kriege, desto schlimmer sind die Auswirkungen. Armut hat aber noch mehr Ursachen und im 18. Jahrhundert kamen gleich mehrere Faktoren zusammen.

Vor dem 19. Jahrhundert waren die Länder Europas fast durchgängig Monarchien. Sie waren als Feudalstaaten organisiert. Das war auch im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation so: ein hierarchisch aufgebautes System von Herrschaften und Abhängigkeiten.

Die kleinen Bauern standen dabei immer am unteren Ende der Kette. Im System der sogenannten Grundherrschaft gelobten sie den Adligen die Treue, zahlten ihnen Abgaben aus ihrem wirtschaftlichen Ertrag. Im Gegenzug gewährte der Adel Schutz und Hilfe.

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The pillaging of a town
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Urheber: Cornelis de Wael

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cornelis_de_Wael_-_The_pillaging_of_a_town.jpg

PD BY SA

Der Krieg raubt die Lebensgrundlage: Gegnerische Soldaten plündern und brandschatzen, die 'eigenen' Soldaten beschlagnahmen und requirieren. Ein durchziehendes Heer bedeutete für Bauern eigentlich immer, dass ihnen Kornvorräte und Vieh weggenommen wurden. Das Gemälde zeigt plündernde Soldaten und stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Seeing off a Recruit
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Urheber: Ilya Repin

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Seeing_off_a_recruit_(Repin).jpg

PD BY SA

Der Krieg raubt die Arbeitskraft: Bauern und ihre Söhne wurden in Kriegszeiten von ihren Landesherren zur Armee eingezogen. Für die Dauer des Krieges fehlte ihre Arbeitskraft dann auf dem Hof und oft genug kehrten sie aus dem Krieg nicht wieder zurück. Das Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zeigt eine Bauersfamilie, die einen zur Armee eingezogenen Sohn verabschiedet.

Bauern bei der Ablieferung ihrer Abgaben an den Grundherren. Holzschnitt
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Urheber: Unknown author

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:109B%C3%A4uerliche_Abgaben.jpg

PD BY SA

Krieg verschuldet: Mit gestohlenem Vieh und verminderter Arbeitskraft war es den Bauern oft unmöglich, die vereinbarten Abgaben an ihre Landesherren zu leisten. Viele Bauern mussten sich dafür verschulden oder verloren ihren Land- und Hausbesitz. Dieser mittelalterliche Holzschnitt zeigt Bauern, die ihrem Landesherrn Abgaben leisten.

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Die Wirtschaft der Vormoderne war an den Ort, an die Boden und die Dörfer gebunden. Auch viele Stadtbürger dachten kaum über ihre kleinen Handwerksbetriebe und die überschaubaren Erlöse der Markttage hinaus. Wirtschaftlich lebten die meisten Menschen von der Hand in den Mund. Sie erwirtschafteten kaum Gewinne und Rücklagen.

In Zeiten von Krisen und Kriegen brachte das die wirtschaftliche Basis sehr schnell zum Wanken: Hunger und Not waren ständige Begleiter des Lebens. Schon wenn ein Unwetter einen Teil der Ernte vernichtete, gerieten viele Menschen in existenzielle Probleme. Auch das Wachstum der Bevölkerung konnte nicht gut bewältigt werden. Für mehr Kinder stand auf dem Land nicht mehr Land zur Verfügung. Die Wirtschaft war insgesamt nicht dynamisch. Und Kriege bedrohten daher sehr schnell die gesamte Gesellschaft, führten zu Massenelend und Verzweiflung.

14

Darstellung

Grundherrschaft unter Druck

Die meisten Bauern im westlichen Teil des Reiches (etwa bis zur Elbe), lebten in Grundherrschaft. Das bedeutet, dass sie ihr Land vom adligen Herren übereignet bekamen und dafür bestimmte Abgaben zu leisten hatten. Sie waren als Menschen nicht abhängig von ihrem Herren wie die Leibeigenen, mussten nicht um Erlaubnis bitten, wenn sie heiraten wollten, waren nicht mit der ganzen Familie zur Arbeit für den Herren verpflichtet usw.

Im 17. und 18. Jahrhundert bildete sich an vielen Stellen sogar so etwas wie ein freies Bauerntum. Diese Bauern waren aber durchaus auch unterschiedlichen Bedrohungen ausgesetzt:

  • Wenn zum Beispiel immer mehr Kinder in der Familie geboren wurden, konnten irgendwann nicht mehr alle Familienmitglieder versorgt werden.
  • In Krisen- und Kriegszeiten verloren Bauern oft ihr Vieh, Arbeitsgeräte oder Bauten.
  • Wenn viele gesunde, kräftige Bauernsöhne Militärdienst leisten mussten und nicht lebend aus dem Krieg zurückkamen, konnte die Arbeit auf den Höfen nicht mehr erledigt werden. Wenn gleichzeitig Abgabenforderungen bestehen blieben, gerieten viele Bauern in Not.

Für diese durch die Umstände aus der Bahn geworfenen Bauern (unter ihnen viele Knechte und Mägde) war das Angebot der Kaiserin Katharina sehr verlockend. Sie sahen die Chance:

  • Land zu bekommen und eigenständig als ihr Eigentum bewirtschaften zu können;
  • durch Begrenzungen der landwirtschaftlichen und anderen Flächen nicht eingeengt zu sein;
  • von staatlichen Forderungen (Abgaben, Militärdienst), die ihnen in Deutschland oft das Leben schwer machten, befreit zu sein.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

15

Darstellung

Erbrecht schafft Armut

Es gab unterschiedliche Varianten der Vererbung der Höfe und landwirtschaftlichen Flächen. Beim Anerbrecht erbte den Besitz immer nur einer der nachgeborenen Söhne, meist der Älteste. Die anderen Söhne konnten entweder auf dem Hof als Knechte arbeiten, versuchen, einen eigenen Hof zu erwerben, oder in die Städte abwandern. 

In weiten Teilen des Alten Reiches galt jedoch das Realteilungsrecht. Bei der Realteilung erhielt jeder einen gleich großen Anteil des Landes. Das führte zu immer kleineren ländlichen Wirtschaften. Irgendwann reichte das Land nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verschärfte sich diese Teilungskrise. Viele Menschen auf dem Land gerieten in bittere Armut.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

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Quelle

Ein Bauer aus Schwickartshausen über seine wirtschaftliche Lage

So wahr wir uns beeifern, die herrschaftlichen Gelder richtig abzutragen, und uns von anderen Schulden zu entledigen, so wenig sind wir imstande gewesen, diesen Vorsatz zu erfüllen, sondern wir sind und kommen von Tag zu Tag tiefer hinein, so daß wir dermalen kein Mittel mehr vor uns sehen, uns ferner zu ernähren, als wenn wir mit nach den russischen Reichen ziehen.

beeifern: bemühen
kommen [...] tiefer hinein:
tiefer in die Probleme geraten
dermalen: jetzt

Zitiert nach: Christine Manthey und Fred Manthey, Wolga Weimar Weizenfeld. Deutsche in und aus Russland – Mosaiksteine zu ihrer Geschichte und Gegenwart, hg. durch den Bund der Heimatvertriebenen e. V., Landesverband Thüringen, Erfurt 2011, S. 41.

3 Religion und religiöse Zwänge

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Urheber: Anneken Hendriks

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anneken_Hendriks.jpg

PD BY SA

Hinrichtung einer Täuferin in den Niederlanden im Jahr 1571 auf dem Scheiterhaufen.

Ein Grundrecht, das Bürger der Bundesrepublik Deutschland haben, ist das Recht zur freien Religionsausübung. Das heißt, jeder Mensch darf glauben, was er möchte. Und er hat das Recht, seinen Glauben ungehindert auszuüben, ihn mit anderen Menschen zu leben und zu zeigen: in Gotteshäusern, beim öffentlichen Gebet, in Prozessionen, in den Medien.

In der Vormoderne gab es dieses Recht nicht. Obwohl im Heiligen Römischen Reich mehrere christliche Konfessionen grundsätzlich gestattet waren, wurde dadurch keineswegs allen religiösen Gruppen in allen Ländern das Recht zum Praktizieren ihres Glaubens eingeräumt. Und in den einzelnen Herrschaftsgebieten des Reiches waren seit dem Westfälischen Frieden von 1648 bestimmte Konfessionen festgeschrieben. Wer also als Protestant in katholischen Gebieten leben wollte, der hatte ein Problem. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden z. B. 20.000 Protestanten aus dem (katholischen) Erzstift Salzburg ausgewiesen.

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Darstellung protestantischer Salzburger Glaubensflüchtlinge (Kupferstich)
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Urheber: David Ulrich Boecklin, Leipzig 1732

https://de.wikipedia.org/wiki/Salzburger_Exulanten#/media/Datei:Boecklin_Salzburger.png

PD

Darstellung protestantischer Salzburger Glaubensflüchtlinge (1732).

Viele protestantische Bekenntnisgruppen mussten ihre Religion im Verborgenen leben und wollten die Ansprüche und Forderungen ihrer Landesherren nicht erfüllen. Die Mennoniten beispielsweise hingen einem starken christlichen Pazifismus an und lehnten jede Art von Militärdienst radikal ab. Sie weigerten sich zu kämpfen oder eine Waffe zu tragen. Das machte sie bei ihren Fürsten unbeliebt.

Für diese kleinen Religionsgruppen war Katharinas Einladung sehr attraktiv: Sie versprach ihnen, dass sie ihre Religion frei ausüben dürften und dazu noch, dass sie keinen Militärdienst leisten müssten.

19

Darstellung

Warum war Religion eigentlich ein Problem und Auswanderungsgrund?

Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation oder kurz im Alten Reich gab es seit dem Beginn der Reformation unterschiedliche christliche Religionsgruppen, die sich auch Konfessionen nannten. Diese lagen im Konflikt miteinander, weil es bis zu dieser Spaltung für die Menschen im Reich nur eine christliche Kirche gegeben hatte, die vom Papst in Rom geführt wurde.

Mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurden erstmals zwei christliche Religionsgruppen auf der Ebene des Reichsrechts anerkennt: die papsttreuen Katholiken und die evangelischen Anhänger Martin Luthers (1483–1546). Was das bedeutete? Die Lutheraner waren damit nicht mehr illegal. Sie durften in ihren Gebieten ihren Glauben leben. Die Herrscher der jeweiligen Gebiete bestimmten darüber, welchen Glauben ihre Untertanen haben sollten. Der Grundsatz war: "Cuius region, eius religio." (Wer über das Land herrscht, bestimmt auch dessen Glauben.) Es entstanden protestantische und katholische Gebiete im Alten Reich. Wer einen Glauben hatte, der nicht zum Willen des Herrschers passte, konnte in ein anderes Gebiet auswandern, das seinen Glauben hatte.

Diese Regeln wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg im Westfälischen Frieden von 1648 bestätigt und sogar noch ausgebaut. Nunmehr galten auch die Calvinisten als geschützte christliche Gruppe. Untertanen durften nun zum Beispiel auch ihren Besitz bei Auswanderung mitnehmen. Es etabliert sich für die damalige Zeit ein leben und leben lassen. Nur noch selten wurden im 18. Jahrhundert Untertanen zur Auswanderung gezwungen. Sie waren wegen ihres Glaubens auch nicht recht- und schutzlos, durften vor Gericht gehen und unter den für alle gültigen Bedingungen ihren Berufen nachgehen.

Der Haken bei der Sache: Diese rechtlichen Kompromisse galten nicht für jene religiösen Gruppen, die oft schon in der Reformationszeit entstanden, aber eben keine Anhänger der evangelisch-lutherischen Konfession waren. Dazu zählten etwa die Täufer, aus denen sich später die Mennoniten entwickelten. Die Glaubensunterschiede zwischen den rechtlich anerkannten und den nicht anerkannten Gruppen wurden als erheblich und unüberbrückbar angesehen. 

Die sich nach dem friesischen Prediger Menno Simons (1496–1561) nennenden Mennoniten lehnten zum Beispiel die Kindertaufe ab, weil sie davon überzeugt waren, dass Menschen, die sich taufen lassen und damit Teil einer Religionsgruppe werden, sich bewusst für den Glauben entscheiden sollen. Diese Vorstellung war für die Katholiken und Lutheraner unerträglich. Mennoniten und andere christliche Gruppen wurden daher unterdrückt und verfolgt. Schon 1529 verabschiedete daher der Reichstag einen Beschluss, der die Todesstrafe für Täufer forderte.

Viele Angehörige der unterdrückten religiösen Gruppen nahmen Angebote zur Auswanderung gerne an, denn sie erhofften sich davon ein Leben ohne Verfolgung. Ein Leben, das sie aus ihren religiösen Überzeugungen heraus so gestalten konnten, wie sie wollten.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

20

Darstellung

Eide und Militärdienst verweigern?

Neben den evangelischen Pietisten waren es vor allem Mennoniten, die nach Russland auswandern wollten. Die Gründe dafür sind schnell gefunden: Aus religiösen Gründen lehnten sie Eidesleistungen grundsätzlich ab. Auch die Übernahme staatlicher Ämter oder Militärdienst kamen für sie nicht in Frage. Mit solchen Überzeugungen bekam man in der feudalen und monarchischen Welt ständig Probleme. Herrscher verlangten Treueide und erwarteten die Ableistung von Kriegsdiensten. Wer all das verweigerte, machte sich automatisch verdächtig.

In Preußen galt zwischen 1780 und 1787 zwar ein sogenanntes Schutzprivileg, also ein Erlass des Königs, der sie vom Militärdienst befreite und ihre Gewerbeaktivitäten, etwa im Bereich der Textilproduktion, schützte. Nach Aufhebung dieses Privilegs gerieten die Mennoniten aber in eine schlimme Lage: Sie durften nicht einmal mehr Land erwerben.

Marcus Ventzke, Digitale Lernwelten

4 Deutsche Auswanderer – Beispiele aus der Geschichte

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In der deutschen Geschichte gibt es zahllose Beispiele für große Migrationsbewegungen. In der Galerie sind einige ausgewählte Beispiele dafür zu finden, dass es immer wieder Gründe für Menschen in Deutschland gab, ihre Heimat zu verlassen.

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Eine Zeichnung von Leo von Elliot aus der Leipziger Illustrierten Zeitung vom 10. November 1849.
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Urheber: Leo von Elliot | Bundesarchiv, Bild 137-041316

https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_137-041316,_Auswandererschiff_%22Samuel_Hop%22.jpg

cc3 BY SA

Vor allem im 19. Jahrhundert reisten zahllose Deutsche mit dem Schiff in die USA aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Zeichnung zeigt deutsche Auswanderer an Bord der "Samuel Hopp" im Jahr 1849.

Bilingual sewer lid in Hermannstadt / Sibiu, Romania.
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Urheber: Wolfgang J. Kraus

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hermannstadt_zweisprachiger_Kanaldeckel.JPG?uselang=de

cc3 BY SA

Auch schon viel früher gab es große Migrationsbewegungen, ausgehend von Deutschland: Bereits im 12. Jahrhundert wanderten tausende deutsche Siedler nach Siebenbürgen im damaligen ungarischen Grenzland aus, um sich dort niederzulassen. Sie gründeten dort u. a. Hermannstadt, heute Sibiu in Rumänien.

Glasfenster mit Flagge und Wappen der Deutschbalten im Lüneburger Brömsehaus
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Urheber: Mehlauge

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Glasfenster_Deutschbalten_(1973).JPG?uselang=de

cc3 BY SA

Auch das Baltikum (heute die Staaten Estland, Lettland und Litauen) hatte jahrhundertelang eine große deutsche Bevölkerungsgruppe. Diese sogenannten 'Deutschbalten' waren nach Nordosteuropa ausgewandert, um dort vom Deutschen Ritterorden erobertes Land zu besiedeln.

5 Zusammenfassung

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Auf dieser Seite ging es um die Frage, warum es in Hessen vor 250 Jahren so viele ausreisewillige Menschen gab.

24 Krieg Armut Religion
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Urheber: Carl Röchling (1855–1920)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Battle_of_Leuthen_2.jpg

PD

Von 1756 bis 1763 tobte der Siebenjährige Krieg in Europa. Auch Hessen war Kriegsschauplatz, vor allem im nördlichen Teil um Kassel wurden mehrere blutige Schlachten geschlagen.

The pillaging of a town
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Urheber: Cornelis de Wael

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cornelis_de_Wael_-_The_pillaging_of_a_town.jpg

PD BY SA

Krieg ist für die bäuerliche Bevölkerung immer schlecht. Ihre Söhne werden eingezogen, ihre Lebensgrundlage wird geplündert oder requiriert und schlussendlich verlangen die Gutsherren dieselben Abgaben und die Bauern müssen sich verschulden, um diese leisten zu können.

Darstellung protestantischer Salzburger Glaubensflüchtlinge (Kupferstich)
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Urheber: David Ulrich Boecklin, Leipzig 1732

https://de.wikipedia.org/wiki/Salzburger_Exulanten#/media/Datei:Boecklin_Salzburger.png

PD

Im 18. Jahrhundert galt im Heiligen Römischen Reich noch grundsätzlich die Pflicht, die Konfession seines Landesherren anzunehmen. Wer dies nicht wollte oder – wie die pazifistischen Mennoniten – gar grundsätzliche Pflichten wie den Militärdienst ablehnte, hatte ein Problem.